Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Behandlungsfehler: Dieser Mann setzt sich für Medizingeschädigte ein

Gesundheit

Nach dem fürchterlichen Leidensweg seiner Frau setzt sich dieser Mann für Medizingeschädigte ein

  • |
  • |
  • |
  • |
    Der Chemiker Professor Richard Weihrich setzt sich seit dem jahrelangen Leidensweg seiner Frau für Medizingeschädigte ein.
    Der Chemiker Professor Richard Weihrich setzt sich seit dem jahrelangen Leidensweg seiner Frau für Medizingeschädigte ein. Foto: Daniela Hungbaur

    Diese Krampfanfälle, sie sind die Hölle, weiß Professor Richard Weihrich. Er atmet tief durch, greift zu seinem Smartphone, zeigt einige Videos. Szenen, in denen seine Frau Michaela ertragen muss, dass ihre Finger, ihre Füße, ihr Nacken verkrampfen. Man hört sie wimmern. Sie versucht noch, einen Finger in den Mund zu stecken, offenbar, um das Klappern ihrer Zähne zu stoppen, dann kippt sie um, fällt in Ohnmacht, wacht wieder auf. Die Verzweiflung, die Angst, man sieht ihr beides deutlich an. Aufgenommen hat er die erschütternden Minuten zur Dokumentation. Denn seine Frau wollte vor allem, „dass es anderen nicht so ergeht wie ihr“.

    Auf Weihrichs Smartphone finden sich aber auch andere Aufnahmen. Vor allem Fotos seiner Frau vor diesen Krampfattacken. Eine attraktive Frau in schönen, entspannten Momenten – oft mit ihrem Mann zusammen, etwa, als sie in Italien 2010 geheiratet haben. Schon damals wusste er, dass seine Frau Medikamente bekam. Sie habe ihm erzählt, wie sie in die Medikamentengeschichte hineingeraten ist, als sie unter Schlafstörungen litt. Ein Arzt habe sie gefragt, als sie erschöpft ausgesehen habe: „Schlafen Sie eigentlich gut?“ Als sie verneinte, habe er gemeint: „Ich habe da was für Sie.“

    Seiner Frau wurden Medikamente mit unterschiedlichen Wechselwirkungen verordnet

    Wie gefährlich die Mittel waren, sei seiner Frau anfangs nicht bewusst gewesen. „Vor allem deren mögliche Nebenwirkungen, auch das Abhängigkeitsrisiko hat sie völlig unterschätzt.“ Als sie die Medikamente absetzen wollte, habe eine Tortur begonnen. „Meiner Frau waren verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Wechselwirkungen und teils zu hohen Dosen verordnet worden.“ Dann hätten sich die Komplikationen eingestellt. „Es waren teilweise täglich bis zu zehn Krampfanfälle.“ Dieses Leiden könne sich niemand vorstellen, der es nicht miterlebt habe.

    Ein Bild aus schönen Tagen: Richard Weihrich mit seiner Frau Michaela. Sie ist mit 47 Jahren gestorben.
    Ein Bild aus schönen Tagen: Richard Weihrich mit seiner Frau Michaela. Sie ist mit 47 Jahren gestorben. Foto: Prof. Richard Weihrich

    Weihrich erklärt die Wirkweise der einzelnen Medikamente seiner Frau, ihre Neben- und vor allem Wechselwirkungen sehr anschaulich, zeichnet immer wieder neue Grafiken auf. „Ohne mein Know-how als Chemiker hätte ich gar nicht verstanden, was da alles schiefgelaufen ist“, sagt er. Der 52-Jährige ist Professor für Chemie an der Universität Augsburg, am Institut für Materials Resource Management (MRM). Einer seiner Schwerpunkte ist die Wasserstofftechnologie. Doch er leitet auch Präventionsprojekte am Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG) - aktuell ein Präventionsprojekt zu Substanzmittel-Missbrauch. Durch den Leidensweg seiner Frau ist er nicht nur Mitglied im Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS e.V.), sondern seit 2024 auch Vorsitzender der Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigte (SGM e.V.).

    Ihm geht es darum, dass aus Fehlern in der Medizin künftig gelernt werden kann

    Als Vorsitzender der SGM wird er auch beim „Safety Camp“ sein, dem großen Kongress in Augsburg am 28. Januar, der sich mit den vielfältigen Aspekten der Sicherheit in der Medizin befasst, einer Veranstaltung der Augsburger Allgemeinen in Kooperation mit dem Uniklinikum Augsburg. Weihrich wird zu dem Thema „Innovationen zur Prävention von Schäden und Fehlererfassung mit Künstlicher Intelligenz“ sprechen, denn er fordert „ein bundesweites Register und eine Stelle, in der alle medizinischen Fehler systematisch erfasst werden“. Ihm gehe es dabei keinesfalls darum, die Arbeit der Ärzte an den Pranger zu stellen. „Ärzte tragen eine unfassbar hohe Verantwortung und leisten normalerweise sehr gute Arbeit“, betont er. Daher dürften Fehler gerade auch im Interesse der Medizinerinnen und Mediziner „nicht in ewigen juristischen und Versicherungs-Prozessen verschwinden, sondern nach dänischem Modell rasch in systematische Prävention fließen, ohne Nachteil für betroffene Ärzte“.

    Wie früher in der Chemischen Industrie seien Fehler in der Medizin aber noch „ein Tabuthema, darüber wird in der Ärzteschaft nicht gerne gesprochen“, weiß Weihrich. Doch es ändere sich langsam etwas Richtung moderner Fehlerkultur: „So arbeite ich beispielsweise mit dem Ärztlichen Direktor des Uniklinikums Augsburg, Professor Klaus Markstaller, auf diesem Gebiet sehr gut zusammen. Wir waren auch schon zusammen im Gesundheitsausschuss des Bayerischen Landtags, um das Thema auf die politische Agenda zu bringen.“ Denn Weihrich ist überzeugt davon: „Wenn wir endlich eine offene Kommunikation über die Fehler haben, können wir aus diesen Fehlern auch lernen und Schäden vermeiden. Und davon profitieren alle: die Patienten, die Ärzte, aber auch die Versicherungen.“

    Sein Vorgänger musste 16 Jahre prozessieren und wartet noch heute auf die Entschädigung

    Aktuell sieht es nach Erfahrungen von SGM-Vereinsmitgliedern allerdings oft noch anders aus, sagt Weihrich: „Wenn etwas passiert, beginnt es schon mit der Kommunikation. Ärzte sprechen, wenn ihnen ein Fehler unterlaufen ist, oft nicht mit betroffenen Patienten. Der Geschädigte fühlt sich dementsprechend in einer großen Not und völlig allein gelassen.“ Was viele Patienten nicht wissen: „Man kann den Medizinischen Dienst über die Krankenversicherung um ein Gutachten bitten, wenn man einen Schaden durch Fehler vermutet.“

    Doch: „Die Analyse ist oft komplex, weil man in der Beweispflicht für Fehler und Kausalität ist, Haftpflichtversicherungen lehnen die Fälle häufig ab und erkennen keine Fehler.“ Was folge, seien zermürbende Prozesse. So erzählt Weihrich auch den Fall des früheren Vorsitzenden der SGM, Karl-Heinz Schlee: „Bei Schlees Frau wurde ein Schlaganfall nicht erkannt. Nach einer achtjährigen Tortur ist seine Frau gestorben. Schlee ging vor Gericht. Er musste 16 Jahre prozessieren. Dann hat ein Bundesgericht ihm Recht gegeben. Doch noch heute wartet Schlee auf die Entschädigung.“

    Seine Frau hat den Vergleich nicht mehr erlebt: Sie ist mit 47 an Krebs gestorben

    Auch Weihrich und seine Frau forderten auf Empfehlung eines Arztes Haftpflicht-Entschädigung vor Gericht. „Ein sich über sieben Jahre hinziehendes, nerven- und zeitraubendes Prozedere. In der ersten Instanz wurde unsere Klage abgewiesen.“ Erst in zweiter sei es zu einem Vergleich gekommen. Doch Weihrichs Frau hat dies nicht mehr erlebt. Einige Monate nach der ersten Klage bekam sie auch noch die Diagnose Krebs. Innerhalb weniger Monate starb sie. Mit 47 Jahren. Das war im November 2023. Weihrich merkt man deutlich an, wie stark ihn das alles schmerzt. Irgendwann kann er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es sei der letzte Wille seiner Frau gewesen, erzählt er, dass er sich für andere Opfer von Medizinschäden einsetzt, weil sie es ja nicht mehr konnte: „Sie hat zuletzt gesagt: Ich will doch noch leben und anderen Menschen helfen.“

    Ein großer Kongress zur Sicherheit in der Medizin

    Das „Safety Camp“ ist eine große Fachtagung mit Expertinnen und Experten aus Medizin, Wirtschaft und Politik rund um das Thema Sicherheit im Gesundheitswesen und findet am 28. Januar in Augsburg im Kongress am Park statt. Es ist eine Veranstaltung der Augsburger Allgemeinen in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Augsburg. Alle Interessierten können gerne kommen, allerdings ist eine kostenpflichtige Registrierung im Vorfeld nötig. Mehr Informationen unter www.safety-camp.de

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren