Seit ihrer Kindheit lebt Sandra Jörg mit Blasmusik. Damals tönte sie den ganzen Tag lang aus dem Radio. Und wenn die Dorfkapelle spielte, hörte die ganze Familie zu, schließlich stand der Vater vor den Musikanten und dirigierte sie. Wer so aufwächst, wird irgendwann auch ein Instrument lernen wollen. Sandra Jörg war neun Jahre alt, als sie mit der Querflöte begann, später kam die Trompete dazu, und nach ein paar Jahren Unterricht hatte sie die „Eintrittskarte“ gelöst für die Musikkapelle von Schwarzenberg, einem kleinen Dorf in den Oberallgäuer Hügeln. Doch dem talentierten Mädchen reichte das nicht. Sie stellte sich bei Wettbewerben den Jurys, absolvierte Bläser- und Dirigentenkurse, übernahm mit 28 Jahren die Kapelle von ihrem Vater und gab von da an selbst den Takt vor. Eine Bilderbuchkarriere in der Blasmusik.
Inzwischen engagiert sich Sandra Settele, wie sie seit ihrer Heirat heißt, auch beim Verband, der die Blasmusik hierzulande trägt, dem Allgäu-Schwäbischen Musikbund. Die 47-Jährige gehört zum Führungsteam. Als Verbandsdirigentin bestimmt sie das Fortbildungsangebot und die musikalischen Belange mit. Und sie macht sich Gedanken über die Zukunft dieser Organisation, die heuer ein gewichtiges Jubiläum feiert: Der ASM, wie viele den Musikbund gern griffig nennen, wird 100 Jahre alt.
Fast 40.000 aktive Blasmusikanten gibt es in Bayerisch-Schwaben
Aus bescheidenen Anfängen heraus ist der ASM zu einem der größten und bedeutendsten Verbände im Bezirk Schwaben angewachsen. Unter seinem Dach sind von Nördlingen bis Oberstdorf 640 Vereine mit über 1000 Kapellen, Ensembles, Gruppen und fast 40.000 Mitgliedern vereint. Weitere 48.000 Menschen unterstützen den Musikbund, was eine Gesamtzahl von fast 88.000 Mitgliedern ergibt.
Bayerisch-Schwaben ist das Land der Blasmusik. So gut wie jedes Dorf, jede Stadt hat eine Kapelle. Die Musikanten spiegeln die Gesellschaft, kommen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. Sie spielen im Wirtshaus ebenso auf wie in der Kirche, im Bierzelt wie im Konzertsaal, bei Hochzeiten und bei Beerdigungen. Musikalisch bewältigen sie den Spagat zwischen Tradition und Moderne: Märsche, Polkas und Walzer sind nach wie vor tägliches Brot, aber sie tischen auch Rock, Pop, Filmmusik, Musicalmelodien und sinfonische Werke auf, probieren Blues und Big-Band-Swing. „Gerade im ländlichen Raum ist die Blasmusik oft der kulturelle Herzschlag einer Gemeinde“, sagt Franz Josef Pschierer. Der 70-jährige Ex-Staatsminister aus Mindelheim führt den Allgäu-Schwäbischen Musikbund seit 2003 als Präsident.
Der Allgäu-Schwäbische Musikbund feiert auch mit Ministerpräsident Markus Söder
Dass der Verband sein Jubiläum mit kleineren und größeren Konzerten feiert, versteht sich von selbst. Der Reigen beginnt schon an diesem Sonntag mit einem von Bischof Bertram Meier zelebrierten Festgottesdienst in der Basilika Ottobeuren, an den sich zur Mittagszeit ein Gemeinschaftschor mit Musikerinnen und Musikern aus ganz Schwaben neben der Basilika anschließt. Später im Jahr folgen Veranstaltungen in Kaufbeuren, Augsburg. Mindelheim und Füssen. In Kempten gibt es am 9. Mai den Festakt zum 100-jährigen Bestehen, zu dem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder erwartet wird.
Auch eine Ausstellung gibt es: Das Bezirks-eigene Museum in Oberschönenfeld westlich von Augsburg zeichnet unter dem Titel „Mehr als Umtata“ die Geschichte der Blasmusik in Bayerisch-Schwaben nach. Bezirksheimatpfleger Christoph Lang, der für die Ausstellung recherchierte, hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Nirgendwo sonst in Bayern oder Deutschland machen so viele Menschen Blasmusik. Zwei Prozent der Einwohner Schwabens sind in Vereinen aktiv, hat er errechnet. „Ein europäischer Spitzenwert.“ Warum das so ist, kann Lang allerdings nicht erklären. „Das weiß man schlicht nicht.“
An Nachwuchs mangelt es nicht: Ein Drittel der 40.000 Mitglieder ist jünger als 18 Jahre
Vielleicht hilft ein Besuch in der Geschäftsstelle des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes weiter. Karl Kling, rühriger Präsident in den 1980er und 1990er Jahren, hat das Hauptquartier im Dorf Billenhausen nördlich des mittelschwäbischen Städtchens Krumbach etabliert. Im ersten Obergeschoss eines ehemaligen Pfarrhauses mit Rokoko-Anklängen laufen die Fäden zusammen. Am großen Tisch des Sitzungssaals, unter den Porträts der vier bisherigen Präsidenten, betonen Franz Josef Pschierer, Stellvertreterin Centa Theobald und Geschäftsführer Joachim Graf, wie jung und vital der Verband mit seinen 17 Bezirken sei. Das Durchschnittsalter der 40.000 Mitglieder liege bei 28 Jahren, sagt der Präsident stolz. Ein Drittel ist 18 Jahre und jünger. An Nachwuchs mangelt es also nicht.
Der Verband hat sich eine ganze Palette von Aufgaben und Zielen gesetzt: das Fortbilden von Musikerinnen und Dirigenten, das Organisieren von Wettbewerben und Wertungsspielen, das Ehren verdienter Mitglieder und noch einiges mehr. Das Budget von 1,5 Millionen Euro speist sich vorwiegend aus Zuschüssen öffentlicher Hände und von Mitgliedsbeiträgen. Der ASM sieht sich einerseits der Tradition verpflichtet, andererseits möchte er „am Puls der Zeit sein“, wie Centa Theobald es ausdrückt.
Natürlich fällt dort auch das Wort „Erfolgsgeschichte“. Wann genau sie begann, ist nicht einfach zu bestimmen. Leider sei von der Gründung im Jahr 1926 nichts Schriftliches da, sagt Pschierer. Weder ein Protokoll noch eine Urkunde dokumentieren sie, ein Foto gibt es auch nicht. Wenn es um die Geschichte des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes geht, und damit auch um die Historie der Blasmusik in Bayerisch-Schwaben insgesamt, müssen der Präsident und seine Mitstreiter auf einen später verfassten Bericht des Allgäuer Musikpädagogen und Dirigenten Paul Kuen zurückgreifen, einem Mann der ersten Stunde.
1926 kamen die Vertreter von sechs Kapellen zusammen und gründeten den Allgäuer Musikbund
Ihm zufolge wollten sich Mitte der 1920er Jahre Blaskapellen zusammenschließen, um die privat getragenen, „wilden“ Musikfeste auf ein solides organisatorisches Fundament zu stellen. Sie mussten allerdings mehrere Anläufe nehmen, bis es klappte. 1926 kamen Vertreter der sechs Musikkapellen Immenstadt, Füssen, Altusried, Waltenhofen, Obergünzburg und Wiggensbach in Dietmannsried bei Kempten zusammen und gründeten den Allgäuer Musikbund. Sie wollten damit die Kapellen, die damals nur aus Männern bestanden, „in materieller, kameradschaftlicher und musikalischer Beziehung“ fördern, wie Kuen formulierte. Zum Präsidenten wählten sie einen Mann aus Altusried, der vorzüglich organisieren konnte: Anton Mayer.
Vor allem Musikfeste mit Wertungsspielen und Massenchören organisierte der neue Bund, der klein begann und bald kräftig wuchs. Doch kaum 15 Jahre später verstummten die meisten Kapellen. Die Bläser und Trommler wurden Soldaten. Zuvor hatte das NS-Regime die Kapellen und den Verband mit der Gleichschaltung in ihre Fest- und Feierkultur eingebunden, erklärt Bezirksheimatpfleger Christoph Lang in seiner Blasmusikgeschichte. Ihm zufolge nahmen die Kapellen während der NS-Zeit „bewusst oder unbewusst die eigene propagandistische Instrumentalisierung in Kauf, um weiter musikalisch tätig sein zu können“.
Beim Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die ausgedünnten Blaskapellen gern die Vertriebenen aus Böhmen und Mähren ein. „Das waren oft tolle Musiker“, sagt Franz Josef Pschierer. „Ohne sie hätten wir den Aufschwung nach dem Krieg nicht gehabt.“ Und vielleicht, so sinniert er, sei die hohe Kapellen-Dichte in Schwaben gerade darauf zurückzuführen. 1950 dehnte sich der Allgäuer Musikbund nach Norden hin aus, er wurde zum Allgäu-Schwäbischen Musikbund.
Und dann kamen die Frauen. In den 1960er Jahren brachen sie in die Männerdomäne ein. Centa Theobald war eine von ihnen. Ab 1966 spielte sie Klarinette bei der Musikkapelle Buchenberg bei Kempten. Argwohn und Skepsis habe sie damals gespürt, berichtet sie. Aber die Blasmusik-Pionierin ließ sich nicht beirren. 1987 übernahm sie als erste Frau einen Vereins-Vorsitz, 1994 war sie das erste weibliche Mitglied im ASM-Präsidium. Im Jahr 2000 wurde Centa Theobald zur stellvertretenden Präsidentin des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes gewählt. In dieser Funktion ist heute noch unermüdlich für die Blasmusik unterwegs. „Ich war schon immer der Meinung, dass Können und Kameradschaft wichtiger sind als das Geschlecht“, sagt die resolute 79-Jährige.
Inzwischen ist die Hälfte aller Mitglieder weiblich. Immer mehr Frauen wollen auch dirigieren
Die Frauen haben gehörig aufgeholt. Inzwischen stellen sie fast genau die Hälfte der rund 40.000 musizierenden Verbands-Mitglieder. Die schwäbische Blasmusik könnte noch weiblicher werden: Bei den Jugendlichen unter 18 Jahren sind sie schon in der Überzahl. An den Schalthebeln – also bei der organisatorischen und musikalischen Leitung – geben zwar immer noch die Männer mehrheitlich den Ton an. Doch auch da verändert sich das Gewicht zusehends. In den Dirigierkursen ist das Geschlechterverhältnis inzwischen fifty-fifty, berichtet Verbandsdirigentin Sandra Settele. Gleichwohl hat sie die Erfahrung gemacht: „Als Frau musst du doppelt so gut sein wie Männer, um zu bestehen.“
Zu Sandra Settele nach Schwarzenberg fährt man am besten auch, wenn man eine Antwort haben möchte auf die Frage: Wie schaut die Zukunft des Verbands und überhaupt der Blasmusik in Schwaben aus? In der Bachelor-Arbeit für ihr Dirigierstudium hat sie dies analysiert. „Blaskapellen prägen nach wie unser Dorfleben“, lautet eine ihrer Antworten. Um sie für junge Leute attraktiv zu halten, müsse einerseits die musikalische Qualität stimmen, andererseits der Spaßfaktor. Es geht nicht nur um Musik, sondern auch um Geselligkeit – wie eigentlich immer schon.
Sandra Settele sieht aber auch einen Umbruch kommen. „Die Konkurrenz wächst“, sagt die Dirigentin und Musikpädagogin. „Familien sind nicht mehr so selbstverständlich auf Vereine vor Ort fixiert.“ Folglich wachsen Kinder und Jugendliche nicht mehr so selbstverständlich in die Kapellen hinein wie früher. „Anderes ist auch wichtig – oder sogar wichtiger.“ Etwa die digitalen Medien, die einen immer größeren Anteil der Freizeitgestaltung ausmachen.
Settele sieht die Veränderungen auch in der eigenen Familie. Die beiden Söhne, zehn und vierzehn Jahre alt, lernen zwar Instrumente – Schlagzeug der große, Trompete der kleine. Aber im Haus läuft nicht wie einst bei ihren Eltern den ganzen Tag lang Blasmusik. „Ich hoffe, meine Kinder gehen mal in die Kapelle“, sagt Sandra Settele und lächelt. „Denn Blasmusik ist cool.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren