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Drogen zum Feiern, Drogen zum Schlafen: So süchtig ist Bayerns Jugend

München

„Drogen zum Feiern und Drogen zum Schlafen“: Sie helfen Bayerns Jugend aus der Sucht

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    Die beiden Suchtberatungsstellen in München kümmerten sich im ersten Jahr bereits über mehrere hundert Kinder und Jugendliche.
    Die beiden Suchtberatungsstellen in München kümmerten sich im ersten Jahr bereits über mehrere hundert Kinder und Jugendliche. Foto: Imago (Symbolbild)

    Die 17-jährige Olivia (Name geändert) ist seit Jahren psychisch krank. Sie glaubt, für ihre Eltern nur eine Belastung zu sein. Um ihre seelische Not zu verstecken und nach außen eine perfekte Fassade zu bewahren, konsumiert sie immer wieder Drogen, beschafft sich illegal Medikamente, sucht den Kick auf der Straße. Nach einem massiven Absturz wird sie in die Kinder- und Jugendpsychiatrie verlegt. Dort beginnt sie mit einer Therapeutin der Münchner Jugendsuchtberatung Condrobs, ihre Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

    Katerina Vickers leitet die Beratungsstelle von Condrobs in München. Vor einem Jahr hat die Stadt den Bedarf an einer speziellen Kinder- und Jugendsuchtberatung erkannt, holte Condrobs als erfahrenen Träger sozialer Hilfsangebote in Bayern ins Boot. Der Landkreis München war schon drei Jahre früher dran. Auch in Augsburg gibt es eine städtische Beratungsstelle, die allerdings vor allem im Bereich der Prävention tätig ist. 211 junge Menschen haben Vickers und ihr kleines Team in München allein im ersten halben Jahr begleitet. Sie beraten nicht nur in ihrem hellen, freundlich eingerichteten Büro an der Schwanthalerstraße. Sie gehen auch in Jugendhaftanstalten, in psychiatrische Einrichtungen. Die jüngsten Betroffenen sind zehn Jahre alt.

    Katerina Vickers leitet die Jugendsuchtberatung des Condrobs e.V.
    Katerina Vickers leitet die Jugendsuchtberatung des Condrobs e.V. Foto: Condrobs e.V.

    Von einer Sucht spricht man, wenn negative Konsequenzen nicht mehr abschrecken

    Die häufigsten Beratungsgründe: Cannabis, Alkohol, ausufernder Internetkonsum bis hin zur Mediensucht. Letzteres sei besonders bei Kindern zwischen zehn und 14 Jahren ein Problem, erklärt die Suchttherapeutin. Oft seien es dann die Eltern, die sich verzweifelt an Condrobs wenden. „Sicher sind diese Kinder nicht alle süchtig. Von einer Sucht spricht man, wenn ein Kind trotz negativer Konsequenzen immer weitermacht, die Intensität des Konsums steigert und sich unwohl fühlt, wenn es nicht online sein kann. Im Grunde wird Mediensucht genauso behandelt wie die Abhängigkeit von Substanzen.“

    Die meisten Klientinnen und Klienten aber sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. In diesem experimentierfreudigen Alter kommen andere Substanzen dazu. In vielen Fällen ist es das Kiffen. Das ist kein Münchner Phänomen, sondern ein bundesweites. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit konsumierten im Jahr 2025 jeder dritte junge Erwachsene und sieben Prozent der Jugendlichen mindestens einmal jährlich THC. Und einer von zehn kiffenden Jugendlichen steht kurz vor einem Suchtproblem oder ist mittendrin. Die Teil-Legalisierung von Cannabis im Jahr 2023 wirkt sich bislang nicht signifikant auf die Zahlen aus. Illegale Drogen sind im Vergleich dazu ein gesellschaftliches Randphänomen. In der Suchtberatung sind sie Alltag. Und eins beobachtet Katerina Vickers immer häufiger.

    „Oft werden Drogen gemischt. Jugendliche nehmen aufputschende Drogen, um am Wochenende gut feiern zu können und sedierende, um wieder schlafen zu können. Wenn man am Wochenende eine Line Koks zieht, kann es passieren, dass man noch mehrere Tage danach nicht schlafen kann. Aber mit Downern wie Xanax (ein starkes Beruhigungsmittel, Anm. d. Redaktion) bekommt man eben wieder seinen Schlaf und kann zur Schule gehen.“ Dieser Mischkonsum ist besonders toxisch, die Auswirkungen auf den Körper unberechenbar.

    Das Büro der Jugendsuchtberatung ist im Münchner Brennpunktviertel

    Diana Kiess vom Verein Prop bestätigt das. Prop ist der zweite Träger, mit dem die Stadt München seit einem Jahr in der Suchtberatung zusammenarbeitet, und hat sein Büro im Bahnhofsviertel. Mitten im Brennpunkt. Hier findet der Großteil der Gespräche mit den Jugendlichen statt. Leiterin Kiess ist froh, dass es nun endlich Anlaufstellen speziell für Kinder und Jugendliche gibt. „Der Bedarf ist da – und er ist groß“, sagt Kiess.

    Therapeutin Diana Kiess und ihr Team betreuten in sechs Monaten 50 süchtige Jugendliche.
    Therapeutin Diana Kiess und ihr Team betreuten in sechs Monaten 50 süchtige Jugendliche. Foto: Prop e.V.

    Allein im ersten halben Jahr des neuen Angebots in München haben sie und ihr Team 50 junge Menschen aus München betreut, die einen problematischen, hochriskanten Konsum von Suchtmitteln oder Medien pflegen. Die Dunkelziffer ist viel größer, da sind sich Kiess und Vickers einig.

    Olivia findet Hilfe in einer Klinik. Parallel zur Therapie arbeitet sie mit einer Kollegin von Katharina Vickers ihr Suchtverhalten auf. Sie erkennt, dass sie sich von Freunden abgrenzen muss, die ebenfalls Drogen konsumieren, zu groß wäre sonst das Risiko, wieder dauerhaft in die Abhängigkeitsspirale zu geraten. Sie öffnet sich ihren Eltern. Eine weitere Therapeutin führt Gespräche mit ihrer Mutter und ihrem Vater. Sie lernen, wie sie ihre Tochter entlasten können.

    Gründe, warum junge Menschen Suchtmittel konsumieren, gibt es viele. Leistungsdruck, Mobbing, der Wunsch, dazuzugehören, bei den Freunden Anerkennung zu finden. Schwierigkeiten zu Hause – und immer wieder seelische Probleme. „Die meisten Jugendlichen bringen nicht nur ein Thema mit“, erklärt Kiess. „Die Sucht geht oft einher mit psychischen Auffälligkeiten. Das ist bei etwa der Hälfte unserer Jugendlichen der Fall. Die Frage ist: Was war zuerst da?“

    Neben den Jugendlichen, die unter einer diagnostizierten psychischen Erkrankung leiden, gebe es auch jene, sagt Vickers, die sich selbst eine Diagnose stellen. „Drogen dienen als Bewältigungsstrategie. Jugendliche sind überzeugt, dass sie zum Beispiel an ADHS oder einer Depression leiden, und beschaffen sich eigenmächtig die nötigen Medikamente oder THC. Irgendein Online-Arzt, der das Rezept ausstellt, findet sich meistens. Und über Online-Apotheken kann man verschreibungspflichtige Medikamente einfach bestellen. Dieses Problem findet aus meiner Sicht noch zu wenig Aufmerksamkeit.“

    Katerina Vickers fällt immer wieder auf: „Unsere Jugendlichen haben Probleme damit, negative Gefühle auszuhalten. Sie wollen sie einfach schnell weghaben – und Drogen helfen dabei.“ Ein Stück weit führt sie das auf die Erziehung zurück. Viele Eltern gehen heutzutage stark auf die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder ein und versuchen, diese zu befriedigen. So hätten die Kinder „wenig Möglichkeiten, eigene Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln“. Dass man schlechte Gefühle auch aushalten kann, dass sie wieder vorbeigehen, diese elterliche Einstellung sehe sie in der Beratungsstelle „viel zu selten“.

    Das verschreibungspflichtige Ketamin beschäftigt die Suchtberatung in München: „Es wirkt hoch dosiert halluzinativ, ein kurzer Rausch, manche Klienten vergleichen es mit einer intensiven Nahtoderfahrung“, sagt Therapeutin Diana Kiess.
    Das verschreibungspflichtige Ketamin beschäftigt die Suchtberatung in München: „Es wirkt hoch dosiert halluzinativ, ein kurzer Rausch, manche Klienten vergleichen es mit einer intensiven Nahtoderfahrung“, sagt Therapeutin Diana Kiess. Foto: Arne Dedert, dpa

    Übers Internet fällt es leicht, Substanzen zu beschaffen, die vermeintlich Linderung versprechen. „Durch Social Media kommt man unfassbar leicht an Drogen“, warnt Kiess. „Dafür braucht es heute kein Darknet mehr. Über TikTok werden einem Drogen buchstäblich in den Feed gespült, die Jugendlichen sehen ihre Vorbilder, wie sie Drogen konsumieren und denken: Ist doch nicht schlimm.“ Aber auch ganz „klassisch“ auf der Straße oder bei Raves wird in Bayern gedealt.

    Manchmal ist schon ein Joint statt zehn am Tag ein Erfolg

    Die Angebote der Jugendsuchtberatung sind freiwillig. Mal kommt der Kontakt über Eltern zustande, über Freunde, manchmal auch über Kliniken. Andere Jugendliche erkennen ihr Problem irgendwann von sich aus: „Bei manchen braucht es ein einschneidendes Erlebnis, damit sie sich an uns wenden. Wenn sie etwa von der Polizei aufgegriffen werden, den Schulabschluss in den Sand setzen oder den Führerschein verlieren“, erklärt Diana Kiess. „Andere erleben aus heiterem Himmel einen Aha-Moment, zum Beispiel durch neue Freunde, eine neue Partnerschaft oder Ausbildungsstelle oder einfach, weil sich ihr Gehirn weiterentwickelt.“

    In der Mehrheit der Fälle schaffen es die Mitarbeitenden der Jugendsuchtberatung, mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen ihr Problem zu identifizieren. Nicht alle kommen weg von den Drogen, viele schaffen es aber, ihren Konsum zu reduzieren. Nur noch einen Joint am Tag rauchen statt zehn, bloß noch alle zwei Wochen zu konsumieren statt täglich: Auch das ist ein Erfolg.

    Und manche schaffen es ganz. Die 17-jährige Olivia zum Beispiel. Sie ist zwar noch in Therapie wegen ihrer psychischen Erkrankung, lebt aber komplett abstinent. Sogar auf Nikotin und Alkohol verzichtet sie. Sie hat Techniken gelernt, um Angst, Wut und Stress abzubauen, ihre Gefühle ohne Drogen auszuhalten.

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