Klar liebt Susanne Kiehl Blumen. „Aber nur die, die man essen kann“, sagt sie und grinst verschmitzt. Wäre ein weiterer Beleg notwendig, dass Garteln glücklich macht, man muss nur ins Gesicht dieser Frau blicken, wenn sie auf die kleinen, grünen Stängelchen zeigt, die in ihrem Beet sprießen. Was sich da in unmittelbarer Nachbarschaft von Zwiebeln, Petersilie und Rucola so beharrlich in die Höhe arbeitet, ist Kiehls Leidenschaft. Die Körner, die hier im Juli aus den Schoten geerntet werden, duften in der Pfanne trocken angeröstet herrlich, sie sind ausgesprochen gesund, geben eine feine Schärfe und schmecken zubereitet „verreckt guad“, wie Kiehl es in ihrem schönen niederbayerischen Dialekt ausdrückt – es ist Senf.
Erst am vergangenen Wochenende hat Kiehl wieder einen Kurs an der Volkshochschule München gegeben. Ihr Kurs im Mai rund um Frühlingskräuter ist ausgebucht – es ist wieder die Zeit, in der das Wissen um alles, was wächst, stärker denn je gefragt ist. Und Kiehl will vor allem eins: „Das Wissen um gesundes Essen teilen, das treibt mich an.“ Damit gehört sie zu den vielen Expertinnen und Experten, die nun Hochsaison haben.
Garteln und Kochen gehören für sie zusammen
Kiehl baut gerne Gemüse an. Vor allem aber Kräuter und Gewürze. Die 55-Jährige macht dies in Kästen auf ihrem Balkon in München. Aber auch in Pasing im Magdalenenpark. Auf dieser Oase, die von der Kreisgruppe München des Bund Naturschutzes gepflegt wird, haben Ehrenamtliche die Möglichkeit zu garteln. Nach strengen ökologischen Kriterien versteht sich. Kiehl kennt auf dem Gelände jede und jeden. Denn sie arbeitet hier auch: Sie gehört der „Projektstelle Ökologisch Essen“ beim Bund Naturschutz der Kreisgruppe München an, berät beispielsweise Schulküchen und Betriebskantinen. An der Stelle ist sie genau richtig: Denn mehr noch als das Garteln liebt sie es zu kochen. Beides gehört für sie zusammen.
Aufgewachsen in einem kleinen, niederbayerischen Wirtshaus kocht sie seit ihrem zwölften Lebensjahr. Doch der Beruf der Köchin war ihr bald nicht mehr genug, „vor allem wollten meine Hände und mein Kopf irgendwann nicht mehr hauptsächlich Schnitzel und Pommes zubereiten“. Es folgte ein Studium zur Chemie-Ingenieurin. Doch auch das allein war es nicht. Dagegen faszinieren sie bis heute die ökologischen Zusammenhänge. Spätestens seit sie 1994 Mutter wurde, steht Klimaschutz ganz oben auf ihrer Agenda, sie ist Kräuterpädagogin und Gewürz-Sommelière.
Doch warum hat es ihr ausgerechnet der Senfanbau so angetan? Wer mit Kiehl spricht, dem wird schnell klar, wie wichtig ihr die gesundheitlichen Aspekte beim Garteln, aber auch beim Kochen sind. Und hier punktet Senf gleich in vielen Punkten, er ist ein Superfood: Denn die unscheinbaren Senfkörner, die schon in der Bibel erwähnt werden, haben nicht nur als Scharfmacher, sondern auch als Heilpflanze eine lange Tradition. „Ihre Samen sind reich beispielsweise an Eiweiß, Ballast- und Mineralstoffen, aber auch an Vitaminen. Sie wirken entzündungshemmend, regen die Verdauung an und stärken das Immunsystem.“ Und: „Ein Senfumschlag hilft beispielsweise auch bei Atemwegserkrankungen.“
In ihren Kursen seien oft Menschen, die nach einer Erkrankung mehr Wert auf ihre Ernährung legen. Kiehl fände es aber besser, man würde nicht erst nach einer Krankheit umsteuern, sondern sich präventiv gesund ernähren. „Wichtig wäre ein Schulfach Kochen“, sagt sie, „denn nichts außer der Luft ist uns doch näher als unser Essen.“ Doch die Wissenslücken um Herkunft, Anbau, Zubereitung, Wirkweise, sie seien oft erschreckend.“ Um die Wissenslücken zu schließen, ist sie auch im Vorstand vom Münchner Ernährungsrat.
Kiehl ist aber keine Frau, die verbissen etwas vorantreibt. Zäh, das schon. „Ich liebe Herausforderungen“, sagt sie. Und gerade auch an der tonnenweisen Lebensmittelverschwendung sehe man, dass dicke Bretter gebohrt werden müssen, um mehr Respekt vor Lebensmitteln zu erreichen. Das funktioniere aber nur, ist Kiehl überzeugt, über den Genuss und die Freude. Und wer einfach mal anfängt und ein paar Kräuter und Gewürze selbst zieht, der spüre schon, wie schön es ist, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen, wie viel besser es schmeckt, wenn man etwas selbst Aufgezogenes ernten und anschließend genießen kann.
Der Senfanbau ist unkompliziert
Senf mache es Hobbygärtnern da denkbar einfach: „Es ist eine Ackerfrucht, die ist nicht sehr anspruchsvoll.“ Im Balkonkasten an einem sonnigen Platz oder im Gartenbeet entwickelten sich gerade die gelbe und braune Sorte gut. Wichtig: „Beim Kauf der Saatkörner sollte man unbedingt darauf achten, dass es keine Hybridsorte ist und dass es Bioqualität ist.“ Was die Naturschützerin Kiehl besonders freut: Auch Insekten lieben die gelb blühenden Senfpflanzen.
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