Gregor Maria Hanke macht einen angespannten Eindruck. Er hat einen Wanderrucksack dabei, den er an ein Tischbein vor sich lehnt. In den nächsten Stunden wird er viel mit den Füßen wippen und wenig Konkretes sagen. Und doch ist das, was er sagt, aufschlussreich. Und kann einen fassungslos werden lassen.
Der frühere Bischof des Bistums Eichstätt wurde als Zeuge in Saal B 266 ins Münchner Strafjustizzentrum geladen. In der breiten Öffentlichkeit dagegen gilt er so manchem als klar mitverantwortlich für einen Skandal, der seit Jahren schwer auf der katholischen Kirche lastet. Es geht um 60 Millionen Dollar, Kontrollversagen und Korruption, nicht zuletzt um das Image einer ohnehin in einer tiefen Krise feststeckenden „moralischen“ Institution.
Was wusste Ex-Bischof Hanke? Kann es tatsächlich sein, dass er nichts bemerkte?
Mit Hanke tritt an diesem Dienstag nun also ein – wenn auch ehemaliger – Bischof vor Gericht auf, vor dem Landgericht München II, und das ist in Deutschland höchst selten. Im Saal ist ein knappes Dutzend Journalistinnen und Journalisten. Das Medieninteresse ist hoch, die Spannung groß. Wie wird sich Hanke über den „Eichstätter Finanzskandal“ äußern? In dessen Zentrum: fragwürdige und vor allem laut Anklage „nicht oder nicht ausreichend gesicherte“ Darlehen an US-amerikanische Immobiliengesellschaften. Und: Was wusste Hanke? Kann es tatsächlich sein, dass er nichts bemerkte? Ein Bischof trägt schließlich die „Letztverantwortung“ in seiner Diözese.
Hankes früherer Generalvikar, Isidor Vollnhals, jedenfalls verteidigte ihn. Vor knapp zwei Wochen sagte die einstige „Nummer zwei“ der Diözese als Zeuge aus. Kernsatz: „Ich wüsste nicht, dass der Bischof sich in Anlageentscheidungen eingemischt hätte.“
Hanke wohnt seit Kurzem im Kreis Ostallgäu. Es ist ein Neubeginn für ihn nach kraftraubenden Jahren, in denen er sich immer wieder mit dem 60-Millionen-Dollar-Skandal befassen musste. Inzwischen befindet sich der 71-Jährige zwar im vorzeitigen Ruhstand und möchte in der Seelsorge als einfacher „Pater Gregor“ wirken, aber Ruhe lassen ihm die Immobiliengeschäfte in Texas und Florida, die bis ins Jahr 2014 zurückreichen, nach wie vor nicht.
Hanke: „Es war belastend, ein Super-GAU“
Hanke antwortet auf die Frage von Richter Martin Meixner, wie es ihm gehe: „Es war sehr belastend, ein Super-GAU, das wirkt bis heute nach.“
Gut im Gedächtnis geblieben sind ihm Reaktionen aus seinem Bistum, von Mitarbeitenden und Gläubigen, nachdem er den Skandal öffentlich gemacht hatte. „Es war ein großer Aufruhr im Bistum“, sagt er. Die Menschen seien „wütend, zornig“ gewesen. Und er? will Richter Meixner wissen. „Ich war total überrascht und enttäuscht.“ Entsetzlich sei es gewesen, erfahren zu müssen, dass „entgegen der Anlagerichtlinien“ in hochriskante Projekte investiert worden sei. „Das hätte so nicht passieren dürfen.“
Gregor Maria Hanke und der Angeklagte Stefan W. kennen sich aus Studienzeiten in Würzburg
Hanke selbst hatte, als er noch Bischof war, nach internen Untersuchungen durch Wirtschaftsfachleute im Sommer 2017 eine Münchner Kanzlei beauftragt, Strafanzeige einzureichen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin unter anderem gegen Stefan W., den früheren stellvertretenden Finanzdirektor der Diözese Eichstätt, und gegen Helmut L., dessen damaligen deutschen Geschäftspartner in den USA. W. und L., keiner von ihnen ein Kleriker, sind jetzt die beiden Angeklagten in dem aufsehenerregenden Prozess. W., der keine drei Meter neben Hanke sitzt, schaut diesen oft direkt an. Durchdringend fast.
Die beiden hatten sich zu Studienzeiten in Würzburg kennengelernt. Sie hätten sich menschlich sehr gut verstanden, erzählt der emeritierte Bischof. Später habe es einen „sehr, sehr lockeren Kontakt“ gegeben. Bis W. Hanke, der Bischof in Eichstätt geworden war, gefragt habe, ob er sich nicht einmal das Rücklagevermögen des Bistums anschauen solle. Es gebe sicher Optimierungsmöglichkeiten. Noch später, so erinnert sich Hanke, habe sein damaliger Finanzdirektor, ein hochrangiger Kleriker, ihm gesagt, er hätte W. gerne zum Stellvertreter.
Hanke sagt, er habe Bedenken gehabt, denn es habe eine Schieflage bestanden: ein „Top-Banker“ W. auf der einen, ein Geistlicher mit deutlich weniger Wissen in Finanzangelegenheiten auf der anderen Seite? Sei es nicht besser, habe er seinen Finanzdirektor gefragt, sich Sachverstand extern einzukaufen? Und: Könne man W. überhaupt bezahlen?
Hanke gab sich, seinen Worten nach, damit zufrieden, dass W. nach gesundheitlichen Problemen etwas Sinnstiftendes tun habe wollen, wie er ihm erklärt habe – und auch damit, dass sein Finanzdirektor eben jemanden brauche, mit dem er im Team zusammenarbeiten könne.
Stefan W. habe, so Hanke, aufgedeckt, wo Banken die Diözese „geschröpft“ hätten, er habe Erfolge gehabt bei einer „Flurbereinigung“ und Professionalisierung der Vermögensverwaltung. Die nämlich sei, als er 2006 Bischof in Eichstätt wurde, völlig intransparent und auf Geheimhaltung bedacht gewesen. Etwa was den „Bischöflichen Stuhl“ betroffen habe, in dessen Vermögen er keinen Einblick gehabt habe. Dabei habe er „doch die Rübe hinhalten“ sollen. Hanke wird deutlich. Auch hinsichtlich Stefan W. Der habe ihm einmal zum Umgang mit den Banken gesagt: „,Ich mach‘ den bad guy‘.“ Er habe ihm vertraut, sagt Hanke über W.
Vertrauen und enttäuschtes Vertrauen. Darum geht es in diesem Prozess für Hanke: „Man hat einander vertraut.“ Hankes Sicht der Dinge ist diese: Da er kein Finanzexperte sei, habe er den zuständigen Gremien und Fachleuten vertrauen müssen. Auf Nachfragen des Richters oder der Anwälte der Angeklagten antwortet er: „Ich habe keine eigenen Erkenntnisse.“ – „Ich bin nicht im Bilde.“ – „Das ist mir nicht erinnerlich.“ – „Ich bin nicht involviert gewesen.“ Als er gesehen habe, dass die Professionalisierung im Bereich der Finanzen Fahrt aufgenommen habe, habe er sich wieder auf die Seelsorge konzentriert.
Nie habe er Verträge gesehen, sagt der frühere Eichstätter Bischof
Es ist seine Linie der Verteidigung: Er habe als Bischof den Rahmen vorgegeben und Entscheidungen aufgrund von Empfehlungen seiner Mitarbeitenden getroffen. Er habe „nur Gesamtergebnisse vernommen, nicht Details“. Nie habe er Verträge gesehen. Er habe auch nicht gewusst, in was in den USA investiert und welche Beträge dorthin geflossen seien. Das alles habe er erst insbesondere von der von ihm beauftragten Münchner Kanzlei WSW während der Aufklärung der Vorgänge erfahren. Im Zuschauerraum sieht man zweifelnde Gesichter, immerhin betrug das Rücklagevermögen, mit dem die Geschäfte getätigt wurden, insgesamt 300 Millionen Euro – und war der „Notgroschen“ des Bistums, wie es Hanke nennt.
Fast nichts kann Hanke konkret beantworten, doch eines sagt er mit großer Gewissheit. Die Verantwortung am Finanzskandal trage die Finanzkammer des Bistums, die er als undurchsichtige und mächtige Abteilung beschreibt. Auf Nachfrage von Richter Meixner schiebt er hinterher: Der frühere Finanzdirektor und dessen Stellvertreter W. seien verantwortlich. Die fragwürdigen Darlehen für die US-Projekte trügen die Unterschriften des Finanzdirektors, die Strategie aber habe Stefan W. vorgegeben.
Hanke, das beteuert er Mal um Mal, habe darauf vertraut, dass die Finanzkammer, die „relativ große Freiheiten“ gehabt habe, die festgelegten, konservativen Renditeziele verfolge – zwei Prozent sollten es sein, werterhaltend und ethisch. Das sei ihm wichtig gewesen. Keine Investitionen in Waffen, keine in Chemiekonzerne, keine Rendite, die „aus dem Haifischbecken“ komme. Stefan W. habe die Richtlinien im Jahr 2014 ja sogar mitentwickelt.
Hanke im Zeugenstand: Je länger die Befragung dauert, desto unsicherer wirkt er. Vor allem: desto mehr wiederholt er sich. Er könne sich nicht erinnern, er sei kein Fachmann, er habe vertraut. Einmal sagt er: „Die Details habe ich nicht verstanden.“ Ein andermal sagt er: „Darum habe ich mich nicht gekümmert.“
Um 13.10 Uhr endet der Verhandlungstag für ihn. Kurz zuvor sagt er noch: Aus heutiger Sicht hätte er mehr prüfen müssen. Er sagt: Es habe zum Finanzskandal kommen können, „weil Kontrollmechanismen nicht vorhanden waren“.
Der Eichstätter Finanzskandal brachte Hanke damals an den Rand eines Rücktritts – und rückte ihn in den Fokus der Justiz. Nach einer anonymen Strafanzeige wurde er zeitweise sogar als Beschuldigter geführt. 2020 wurden die Vorermittlungen gegen ihn eingestellt, man habe „keine belastbaren Tatvorwürfe gefunden“, hieß es. Zurück trat Hanke von seinem Amt als Bischof wegen der US-Immobiliengeschäfte nicht, dies tat er im vergangenen Juni. Er spüre, erklärte er, „eine innere Ermüdung“.
Beim Verlassen des Gerichtssaals sagt Hanke, er sei gut angekommen im Allgäu. Er helfe sehr gerne in der Seelsorge.
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