Wie weit ist es zum nächsten Arzt? Gibt es Schulen in der Nähe? Wie gut ist die Verkehrsanbindung – und wie schnell das Internet? All das fasst der Begriff der Daseinsvorsorge zusammen. Und genau die hat nun das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erstmals flächendeckend untersucht, also für jede der rund 11.000 Städte und Gemeinden in Deutschland.
Dafür haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Gemeinden nach 17 verschiedenen Indikatoren aus fünf Bereichen untersucht. Im Bereich „Gesundheit“ spielte etwa die Erreichbarkeit von Krankenhäusern eine Rolle, im Bereich Freizeit sind es Schwimmbäder, Theater und Museen. Ziel war es, so eine vergleichbare objektive Datenbasis zu schaffen, die Aussagen über die Daseinsvorsorge in den Kommunen zulässt.
IW-Studie liefert eine Einschätzung der Daseinsvorsorge für jede einzelne Gemeinde in Deutschland
Die Qualität der jeweiligen Einrichtungen wird dabei nicht bewertet – es gibt auch keine Daten darüber, ob eine erreichbare Arztpraxis beispielsweise genügend Kapazitäten hat. Bei der Auswahl der Indikatoren spielte auch die Verfügbarkeit von flächendeckenden Daten eine Rolle. So konzentrierten sich die Forscherinnen und Forscher im Bereich Mobilität beispielsweise auf den Zustand von Brücken sowie die Anbindungen an Schiene, Autobahn und Flughafen – Busverbindungen wurden hingegen nicht einberechnet, „aufgrund von großen geografischen Lücken in den ÖPNV-Daten“, wie es in der Studie heißt.
Trotz dieser Limitationen entsteht etwas, das es so vorher nicht gab: ein vergleichbarer Datensatz für alle Kommunen in Deutschland. Die erhobenen Werte wurden für jeden Bereich zu einem Index zusammengerechnet, der Durchschnitt daraus ist dann als Gesamtindex für die Daseinsvorsorge definiert. So ergibt sich eine Rangliste aller Gemeinden. Wer im oberen Fünftel landet, gilt als „sehr gut“ ausgestattet, darauf folgen „gut“, „mittel“, „schlecht“ und im untersten Fünftel „sehr schlecht“.
Der urbane Raum hat es leichter – doch auch manche kleineren Städte schneiden stark ab
Es zeigt sich, dass Großstädte und deren direktes Umfeld besonders häufig „sehr gut“ abschneiden. Bundesweit auf dem ersten Rang landet Haar, das direkt an München angrenzt. Auch München selbst sowie andere direkt angrenzende Gemeinden gelten als „sehr gut“. Wo auf kleinerer Fläche mehr Menschen leben, sind viele Bereiche der Daseinsvorsorge leichter umzusetzen, insbesondere ist die Erreichbarkeit oft besser als auf dem Land. Dass Ballungszentren gut abschneiden und das auch Gemeinden im direkten Umfeld der Großstädte betrifft, zeigt sich auch in und um Nürnberg. Augsburg schneidet ebenfalls sehr gut ab, nur im Bereich Mobilität reicht es nicht für die Spitzenplatzierung.
Ein besonderer Fall ist Memmingen: Die kreisfreie Stadt schneidet in allen Bereichen „sehr gut“ ab, landet im bundesweiten Ranking aller knapp 11.000 Gemeinden sogar auf Platz fünf. Und das ohne direkte Nähe zu einer Großstadt. Den IW-Daten zufolge gehört die Stadt in den Bereichen Gesundheit und Freizeit zu den besten des Landes. Und auch bei der Mobilität schneidet die 44.000-Einwohner-Stadt stark ab – mit dem Flughafen sammelt Memmingen hier Pluspunkte, die andere Städte dieser Größe nicht haben.
Bayern landet im Bundesländer-Vergleich im Mittelfeld
Im Bundesländer-Vergleich landet Bayern der Studie zufolge „aufgrund seiner zahlreichen ländlichen und zum Teil sehr schlecht versorgten Regionen“ nur im Mittelfeld. Neben den Stadtstaaten schneiden hier das kleine Saarland und das dicht besiedelte Nordrhein-Westfalen besonders gut ab. Um den unterschiedlichen Voraussetzungen in städtischen und ländlichen Räumen eher gerecht zu werden, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ländliche und städtische Gebiete auch noch getrennt voneinander analysiert. Hier zeigt sich, dass ein Viertel aller „sehr gut“ versorgten ländlichen Gemeinden in Bayern liegt.
In der Studie werden die Daten zur Daseinsvorsorge mit dem Ergebnis einer Befragung von knapp 5500 Menschen zur Zufriedenheit mit der Versorgung in ihrem Wohnumfeld verglichen. Das Ergebnis: Wer objektiv besser versorgt ist, ist auch häufiger zufrieden. Abgefragt wurden aber auch politische Einstellungen und hier zeigt sich: Ob jemand die AfD wählen möchte, die Demokratie kritisch bewertet oder sich von seiner Heimat abgehängt fühlt, das hängt weniger mit der messbaren Realität zusammen als mit der subjektiven Wahrnehmung. Das Fazit der Forscherinnen und Forscher: Um die Demokratie zu stärken und dem politisch rechten Rand etwas entgegenzusetzen, reicht es nicht aus, die Versorgung zu verbessern. Noch entscheidender ist, ob und wie die Menschen diese Verbesserungen wahrnehmen.
Methodik: So ist die Studie des IW entstanden
Für ihren „Gemeindecheck“ haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 17 Indikatoren aus fünf verschiedenen Bereichen analysiert:
- Digitales (Mobilfunkabdeckung, Breitbandverfügbarkeit)
- Gesundheit (Erreichbarkeit von Hausärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Pflegeeinrichtungen)
- Mobilität (Qualität von Brücken, Verbindungen Schienenregionalverkehr, Anbindung an Autobahn und Flughafen)
- Freizeit (Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Theatern, Museen)
- Bildung (Erreichbarkeit von Grundschulen, weiterführenden Schulen, Gymnasien, Versorgung mit Kitas)
Wo eine Erreichbarkeit gemessen wurde, haben die Forschenden berechnet, wie schnell sich die Einrichtungen von den Menschen in der Kommune mit dem Auto erreichen lassen. Für den Vergleich entscheidend war jeweils, wie lange 50 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner einer Gemeinde benötigen, um zu einer entsprechenden Einrichtung zu gelangen. Das wurde auf Basis von 100-mal-100-Meter-Zellen aus dem Zensus 2022 gekoppelt mit Daten aus Google Maps, Open Street Map und weiteren Quellen berechnet.
Die so erhobenen Daten wurden dann verglichen mit Befragungsdaten, die zeigen, wie die Versorgung subjektiv wahrgenommen wird. Hierfür wurden knapp 5500 Menschen befragt.
Der Auftraggeber der Studie war der Tabakkonzern Philip Morris.
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