„Eigentlich ganz schön hier“, sagt Charles Zastawniak. Von dem Hang, auf dem er steht, kann man weit in die idyllische schwäbische Grenzregion blicken. Zastawniak war einmal Hauptfeldwebel beim Bund, später Dozent für Erwachsenenbildung, Versicherungsvertreter und Bierzeltkellner. Heute ist er ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer. „Sonst wäre ich wohl Sofarentner geworden.“ Auf der Anhöhe in Syrgenstein steht eine alte Gastwirtschaft, heute Flüchtlingsunterkunft. Zastawniak ist hier regelmäßig. Hilft mit dem Papierkram oder ist einfach da. „Alles, was ich machen kann, ist, diesen Leuten ein wenig Freundlichkeit zu geben.“ Rund 35 Menschen leben in der Unterkunft. Manche sind schon gut zehn Jahre hier. Sie sind geduldet und eigentlich „ausreisepflichtig“. Sie sitzen fest zwischen einem Leben, das sie sich erhofft hatten, und ihrer Heimat, die für sie keine mehr ist.
„Café-Restaurant Syrgenstein, Wintergarten und Terrasse“, steht an einem Schild an der Straße. Über zwei abgesackte Treppenstufen geht es in den Eingangsbereich. Im Flur zum ehemaligen Gastraum geht die Lampe mit Bewegungsmelder widerwillig flackernd an. Der Gastraum – Zapfhahn, Deutsche Eiche, schlecht zusammenpassende Teppichböden – ist dennoch hell und freundlich.
Geflüchtete aus dem Kongo: „Man sagte mir, dass ich lüge“
In der Tür erscheint Dorothee Lupeta Ngali. Sie wirkt schüchtern. Ihr Deutsch holpert. Auf Französisch sprudelt sie los. Sie berichtet von ihrem Leben im Kongo. 2017 wird sie in ein Lager von Rebellen verschleppt, muss einen Rebellenchef heiraten. „Ich musste mich unterwerfen, um zu überleben.“ Sie spricht von Vergewaltigungen, Schlägen, Folter. In dieser Zeit erlebt das Land Unruhen wegen einer weiteren Amtszeit des umstrittenen Präsidenten Joseph Kabila. Mithilfe eines Verwandten gelingt ihr und ihrer schwer kranken Mutter erst die Flucht nach Uganda, dann nach Deutschland. Bilder auf ihrem Handy zeigen einen Ausschnitt des Schreckens im Kongo. Babys mit abgetrennten Gliedmaßen, Menschen mit klaffenden Schnittwunden auf dem Rücken, Tote überall. Immer wieder steigen ihr Tränen in die Augen. Ihr Vater stirbt in den Wirren der Aufstände. Ihrer kranken Mutter habe sie das bis heute nicht erzählt. Die Lüge lastet schwer auf ihr, das sieht man der jungen Frau an. Sie will ihre Mutter nicht noch mehr belasten mit all dem, was in ihrem Kopf ist, sagt Dorothee. Und da ist viel.
Seit 2018 lebt sie in Syrgenstein, am westlichen Rand des Landkreises Dillingen. Ihre Mutter darf bleiben. Dorothee Lupeta Ngali nicht. Aus Sicht der Behörden hätten ihre Geschichten nicht übereingestimmt. Dorothee sagt, sie hätten andere Dolmetscher gehabt, die nicht aus derselben Sprachregion kamen. „Man sagte mir, dass ich lüge.“ Das treibt ihr noch mehr Tränen in die Augen.
Auch für die Behörden ist es schwierig, die Geschichten zu überprüfen
Überprüfen lassen sich die Schilderungen natürlich nur schwer. Auch von den Behörden nicht. Oftmals geht es um die Frage, ob es Papiere gibt, die die Schilderungen beweisen – oder jemandes Identität. Doch wie an Papiere kommen, die in der Heimat liegen? Eigentlich müsste die 39-Jährige ausreisen und ihre Mutter zurücklassen. Eine Rückkehr wäre für sie das Ende, sagt die junge Frau. Doch auch ihr Leben in Deutschland geht nicht weiter. Es ist, als wäre sie in der Transit-Zone eines Flughafens gefangen. Syrgenstein ist für die 39-Jährige zur Endstation geworden.
Auch nebenan wohnen Gestrandete. Die Familie Abbas kam 2015 nach Deutschland. Vier Kinder hat das Paar, dessen Vorfahren aus Palästina stammen. Der jüngste Sohn ist in Deutschland geboren. Die anderen Kinder gehen auf die Realschule. Das Paar lernte sich in Libyen kennen, ehe es sich auf dem Boot mit seinen drei Kindern nach Deutschland aufmachte. Offiziell gelten sie als libysche Palästinenser. Auch ihr Antrag auf Asyl wurde abgelehnt.
Familie Abbas muss ausreisen: Die Kinder wollen bleiben und „deutsch sein“
Die Kinder Adham, Rodaina, Remas und Amier lehnen an der Küchenzeile. Sie wollen hier bleiben. „Bei mir konnten wir das Schullandheim nicht mehr bezahlen“, sagt Rodaina. Bei ihrem Bruder schon. „Die erleben hier, was Deutschsein bedeutet“, sagt Flüchtlingshelfer Zastawniak. „Und verstehen nicht, warum sie eingeschränkt sind.“
Alle vier Monate wird die Duldung der Familie Abbas verlängert. Erst habe er nicht arbeiten dürfen, sagt der Vater. Dann irgendwann doch. Aber keiner habe ihn eingestellt, als er gesehen habe, dass er in vier Monaten vielleicht wieder weg ist. „Ich will arbeiten und würde jeden Job machen.“ Doch alle Bewerbungen seien bisher erfolglos gewesen, sagt Hamada Abbas.
„Die Polizei kann jeden Moment vor der Tür stehen“, erklärt Zastawniak und schüttelt den Kopf. Deutschland hat offenbar nicht geschafft, für diese Menschen einen sinnvollen Weg zu finden. Auch zehn Jahre nach dem berühmten Satz der Kanzlerin nicht.
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