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Harald Lesch: „Unsere Smartphones sind digitale Diktatoren“

Interview

Harald Lesch über Atomkraft: „Wir haben nicht mehr genug Wasser zum Kühlen“

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    Harald Lesch ist einer der bekanntesten Naturwissenschaftler Deutschlands. Und einer, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.
    Harald Lesch ist einer der bekanntesten Naturwissenschaftler Deutschlands. Und einer, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Herr Lesch, was hält die Welt zusammen?

    HARALD LESCH: Die Gravitation.

    Das ist die naheliegende Antwort eines Astrophysik-Professors ...

    LESCH: ... den besonders interessiert, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Mich beschäftigt die Frage sehr: Wie können möglichst viele zusammen in der Zukunft leben – und zwar in Frieden und Freiheit? Für den physikalischen Zusammenhalt des Universums können wir nichts tun, für den Zusammenhalt unter uns Menschen dagegen schon.

    Mit Blick auf die aktuellen Krisen und Kriege scheint das sehr schwierig.

    LESCH: Ich bin nach wie vor ein großer Optimist und glaube: Der Mensch ist deutlich besser, als es momentan den Eindruck hat. Und ich glaube: Das Verbindende kann zum Beispiel hierzulande wieder gefunden werden, wenn die Menschen mehr Zeit hätten.

    Wie meinen Sie das?

    LESCH: Überlegen Sie mal, wie viel Zeit Sie damit verbringen, auf Ihr Handy zu glotzen. Ständig passiert was! Oder wie viel Zeit Sie aufwenden müssen, um sich all der Fake News zu erwehren, mit denen Sie regelrecht bombardiert werden. Das führt dazu, dass die Zeit fehlt, um auf jemanden einzugehen, um miteinander ein Gespräch zu führen, eins zu eins, um sich zuzuhören. Doch nur so kann ein „Zusammen“ entstehen und Zusammenhalt gefördert werden. Wenn Sie sich mit Freunden treffen und vereinbaren, dass das Handy ausbleibt, bekommen Sie ein ganz anderes Zusammengehörigkeitsgefühl, als wenn uns unsere Smartphones, diese digitalen Diktatoren, permanent stören. Ich habe den Eindruck, dass sehr viel Vereinzelung dadurch geschieht, dass wir pausenlos versuchen, uns irgendwie zu etwas zu verhalten.

    Sie werden bald in Augsburg über eine Entwicklung sprechen: „Von der Quantenwelt zum Mensch-Sein“. Ihr Vortrag ist Teil der bundesweiten Eröffnung der Pfingstaktion 2026 des Osteuropahilfswerks Renovabis, die dieses Mal im Bistum Augsburg stattfindet.

    LESCH: Mir geht es um die verschiedenen Dimensionen des Mensch-Seins – davon spricht ja auch die Wissenschaft. Sie ist gewissermaßen unser Besteck. Wie wir damit umgehen, liegt an uns. Anders gesagt: Sie können mit wissenschaftlichen Erkenntnissen die Welt ausbeuten oder sie ganz besonders schützen, wenn und weil Sie sie genau kennen.

    Das Leitwort der Pfingstaktion heißt „Zusammenwachsen. Damit Europa menschlich bleibt“. Müsste es nicht eher heißen „menschlich wird“?

    LESCH: Wir müssen in Europa die Demokratie erhalten, wir müssen mit Zähnen und Klauen an ihr festhalten. Noch ist sie die vorwiegende Staatsform, aber Sie müssen bloß auf das Ungarn unter Viktor Orbán schauen, um zu sehen, wie sie erodieren kann.

    Teilen Sie eigentlich den Eindruck, dass Natur- und Klimaschutz zurzeit nicht mehr die Rolle spielen, die sie spielen müssten?

    LESCH: Ich sehe das anders. Der Klimaschutz ist inzwischen so normal geworden, dass wir gar nicht mehr großartig darüber sprechen, sondern es einfach machen. Wissen Sie, wie hoch der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien in Bayern ist?

    40 Prozent?

    LESCH: 75,5 Prozent! Allerdings laufen Klimapraxis und Klimapolitik auseinander. Und die Staatsregierung ist offensichtlich nicht in der Lage, sich über diesen Erfolg zu freuen. Vielleicht, weil es auch und gerade ein Erfolg der Grünen und deren langfristiger Politik wäre – und CSU und Freie Wähler ihnen das nicht gönnen können. Bayern kann es schaffen, 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen zu generieren. Es läuft super! Außer ...

    Außer?

    LESCH: Außer bei Wärme und E-Mobilität. Da hat die Politik Mist gebaut. Die Wärmepumpe wurde ideologisiert und zu einer Teufelsmaschine gemacht – dabei ist es das Beste, das die Physik anzubieten hat. Und erst wurde das E-Auto und dann die Batterieentwicklung verpennt. Und jetzt macht sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für den Verbrenner stark. Ich kann das nicht nachvollziehen. Das ist so, wie wenn jemand zu Ihnen nach Hause kommt und sagt: Den Induktionsherd schmeißen wir raus, es wird wieder auf offenem Feuer gekocht! Und die LED kommen auch weg, die Zimmer werden mit Fackeln beleuchtet! Genau das bedeutet der Rückzug in die Verbrennertechnologie. Alle elektrischen Lösungen sind immer viel, viel, viel effizienter.

    Sie klingen verärgert. Söder ist auch für sogenannte Mini-Atomkraftwerke. Der CSU-Chef erklärte, Bayern sei bereit für ein Pilotprojekt.

    LESCH: Ich ärgere mich nicht, beides ist nur schlicht falsch: Ein Kernkraftwerk zum Beispiel ist im Grunde ein Tauchsieder, in dem Vorgänge bei den Atomkernen genutzt werden, um Wasser zu erhitzen. Damit er Ihnen nicht um die Ohren fliegt, muss er gekühlt werden. Die Klimaszenarien für die Zukunft sagen aber: Wir haben nicht mehr genug Wasser zum Kühlen. Die deutsche Politik braucht dringend physikalischen Nachhilfeunterricht. Als Bürger kann ich zur Wahl gehen, um an der Politik etwas zu ändern, oder den Ministerpräsidenten beraten, wenn er mich darum bittet.

    Tat Söder das?

    LESCH: Ich habe ihn einige Male beraten – er machte immer das Gegenteil.

    Durch den Krieg in der Ukraine oder im Iran wurde deutlich, wie sehr wir an Öl- und Gaslieferungen und an der Preisentwicklung hängen. Befördert das ein Umdenken?

    LESCH: Ich denke schon. Der Fortschritt ist auch nicht aufzuhalten. Die erneuerbaren Energien kommen, die Wärmepumpen kommen, die Elektromobilität kommt auch, nur etwas später. In Teilen der Politik träumt man aber immer noch von vermeintlichen Wundertechnologien. Ich kann mir gute Gründe vorstellen, warum Außerirdische uns in Deutschland nicht besuchen werden.

    Wie passt da Gott in Ihr naturwissenschaftliches Weltbild?

    LESCH: Gott hat zu mir gesagt, ich soll darüber nicht groß reden. (lacht) Da fällt mir gerade ein Witz ein: Wie antwortet eine künstliche Intelligenz auf die Frage, ob es Gott gibt?

    Wie?

    LESCH: Ihre Antwort ist: „Jetzt ja!“

    Zur Person

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    Harald Lesch, der am 28. Juli 1960 in Gießen geboren wurde, ist an der Ludwig-Maximilians-Universität München Astrophysikprofessor, Moderator im ZDF – und einer der bekanntesten Naturwissenschaftler Deutschlands. Sein aktuelles Buch (mit Axel Kleidon) heißt „Die Natur ist kein Parteimitglied“ (C. Bertelsmann, 96 Seiten, 14 Euro).
    - Lesch ist Hauptredner einer Veranstaltung des Osteuropahilfswerks Renovabis und des Akademischen Forum Augsburg am 8. Mai 2026 von 18.30 bis 20.30 Uhr im Haus Sankt Ulrich, Großer Saal, Kappelberg 1, 86150 Augsburg. An dem Abend geht es um das Thema „Was die Welt zusammenhält“. Darüber diskutiert Lesch auch mit Erzbischof László Kardinal Német SVD (stellvertretender Vorsitzender der Europäischen Bischofskonferenz, Belgrad) und Eva Maria Welskop-Deffaa (Präsidentin des Deutschen Caritas-Verbandes, Berlin). Abschlussworte kommen von Pfarrer Prof. Dr. Thomas Schwartz (Hauptgeschäftsführer Renovabis, Freising). Anmeldung erbeten an: akademisches-forum@bistum-augsburg.de. Der Eintritt beträgt 6 Euro, für Schülerinnen und Schüler sowie für Studierende frei.
    - Die Veranstaltung ist Teil der bundesweiten Eröffnung der Pfingstaktion 2026 des Osteuropahilfswerks Renovabis der katholischen Kirche, die im Bistum Augsburg stattfindet. Sie steht unter dem Leitwort: „zusammen_wachsen. damit Europa menschlich bleibt“. Den Gottesdienst zur Eröffnung hält Bischof Bertram Meier am 10. Mai 2026 um 10 Uhr im Augsburger Dom.

    Harald Lesch wurde bereits vielfach geehrt – unter anderem im Jahr 2024. Damals verlieh ihm Ministerpräsident Markus Söder den Bayerischen Maximiliansorden.
    Harald Lesch wurde bereits vielfach geehrt – unter anderem im Jahr 2024. Damals verlieh ihm Ministerpräsident Markus Söder den Bayerischen Maximiliansorden. Foto: Sven Hoppe, dpa
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