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Interview: Physiker Harald Lesch hält Kernfusionswerk für „vollkommen verkehrt“

Interview

Physiker Harald Lesch hält Kernfusionswerk für „vollkommen verkehrt“

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    Harald Lesch ist Autor, Astrophysiker und Philosoph.
    Harald Lesch ist Autor, Astrophysiker und Philosoph. Foto: Sven Hoppe, dpa (Archivbild)

    Herr Lesch, vor Kurzem waren Kommunalwahlen. Welche Rolle spielen Kommunen beim Klimaschutz?

    LESCH: Gerade auf der kommunalen Ebene spielen ökologische Themen eine große Rolle, weil schnell Aktionen auf Entscheidungen folgen können. Ob das Projekte zur Begrünung oder zur Verkehrsberuhigung sind. Ich bin ein großer Verfechter von Energiegenossenschaften, die im Wesentlichen kommunal tätig sind. Bürgerbeteiligung in der Energiewende ist für mich eine absolute Notwendigkeit. Nach dem Motto: Energiewende in Bürgerhände. Wir müssen es sowieso bezahlen; warum sollen wir irgendjemand anderen profitieren lassen? Das würde auch zu einem höheren Verantwortungsgefühl für das Großprojekt Energiewende führen, wenn wir alle Genossinnen und Genossen wären. Die Kommune ist ohnehin die erste Bastion der Demokratie. Wenn es da nicht funktioniert, dann wird es auf weiteren Ebenen ganz schwierig. Kommunen stehen daher für mich an erster Stelle. Dort, wo der Staat in seiner Handlungsfähigkeit spürbar wird und wo man sich als Bürgerinnen und Bürger einbringen kann.

    Verlassen wir die Kommunalebene: Die Bundesregierung hat vergangene Woche das „neue“ Heizungsgesetz vorgestellt. Wie haben Sie darauf reagiert?

    LESCH: Ich bin zutiefst erschüttert darüber, dass die Bundesregierung ohne Not ein funktionierendes Gesetz ändert und nichts Adäquates als Alternative hinstellt. Mir erscheint das wie ein Rachefeldzug gegen die alte Regierung. Ich kann nur davor warnen, das Gesetz so umzusetzen. Ich kann ohnehin nur alle in dieser Regierung davor warnen, die Energiewende als reine Ideologie zu betrachten. Energiefragen werden von der Physik entschieden und nicht von der Politik. Und ich als Physiker kann klar sagen: Die Wärmepumpe ist die Lösung. Sie ist die beste Maschine, die wir anbieten können. Alles andere ist Unsinn. Auch dieser Begriff „Technologieoffenheit“ ist nur ein Beispiel für technologische Ahnungslosigkeit.

    Apropos Technologieoffenheit. In Gundremmingen plant die bayerische Regierung das erste kommerzielle Kernfusionskraftwerk der Welt. Was halten Sie davon?

    LESCH: Mir fällt es schwer, darauf die richtigen Worte zu finden. Ich hoffe, dieses Vorhaben ist eine Falschmeldung und wird nicht ernsthaft umgesetzt. Bei der Kernfusion reden wir von der Verschmelzung von Atomkernen. Im Grunde wird mithilfe eines sehr energieintensiven Verfahrens Wasser heiß gemacht. Und ich denke, die Naturgesetze, die wir kennen, gelten auch in Bayern. Das heißt, es wird sehr viel Wärme produziert, die wegmuss. Das geht nur über Kühltürme mit großen Wassermengen. Der Klimawandel wird uns jedoch regelmäßig in große Wassernot bringen. Es bringt also gar nichts, über Technologien zu sprechen, die nur durch den großen Einsatz von Wasser funktionieren. Man darf auch nicht vergessen: Fusionskraftwerke werden deutlich mehr radioaktiven Abfall produzieren als Spaltungskraftwerke. Wir haben das alte Abfallproblem noch nicht mal gelöst, daher halte ich neue Kraftwerke für vollkommen verkehrt. Außerdem handelt es sich um eine Energiegewinnungsform, die nur hoch industrialisierten Staaten zur Verfügung steht. Damit können wir einen globalen Klimawandel nicht lösen. Dafür brauchen wir Technologien, die möglichst in allen Ländern funktionieren. Wind- und Solarenergie haben da eine viel größere Durchschlagskraft. Diese Technologien werden auch immer billiger. Kraftwerke erfordern dagegen immense Investitionssummen. Ich hoffe wirklich, der bayerischen Regierung wird noch rechtzeitig bewusst, dass das der falsche Plan ist.

    Bei all dem Frust, der hier anklingt: Was macht Ihnen derzeit gute Laune?

    LESCH: Dass wir in Bayern bereits 75,5 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen. Daran merkt man: Es geht voran, obwohl die Politiker die Energiewende gerne kaputtreden. Tatsächlich hat Bayern die Chance, zum ersten Bundesland zu werden, in dem der Strom komplett aus Erneuerbaren generiert wird. Damit könnte man richtig gute Werbung machen. Ich frage mich, warum die Staatsregierung nicht damit an die Öffentlichkeit geht, statt mit Technologien, die wir für unser Stromnetz auf keinen Fall brauchen. Wir brauchen keine Kraftwerke mehr, selbst bei größerem Strombedarf. Meine Hoffnung liegt tatsächlich auf dem Markt. Ich bin mir bombensicher, die erneuerbaren Energien werden sich durchsetzen, weil die Kosten einfach niedriger werden. Das macht mich eigentlich hoffnungsvoll.

    Zur Person

    Harald Lesch, Jahrgang 1960, ist Astrophysiker, Autor und Naturphilosoph. Bekannt ist er unter anderem durch die ZDF-Sendung „Terra X“, in der er Wissenschaft anschaulich vermittelt. Lesch lebt in München und lehrt an der LMU.

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