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Kornelia Schmid: Erfahrungen und Tipps für pflegende Angehörige

Interview

Sie pflegte viele Jahre ihren Mann: „Man fühlt sich handlungsunfähig“

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    Kornelia Schmid fordert mit ihrem Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ ein „Gerechtes Entlastungsbudget“, denn viele rutschen in die Armut.
    Kornelia Schmid fordert mit ihrem Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ ein „Gerechtes Entlastungsbudget“, denn viele rutschen in die Armut. Foto: Kornelia Schmid

    Frau Schmid, Sie pflegten über drei Jahrzehnte lang Ihren an MS erkrankten Mann – worunter leiden pflegende Angehörige am meisten?

    KORNELIA SCHMID: Vor allem die Psyche ist wahnsinnig belastet. Die Pflege eines schwer kranken Menschen zu Hause verändert einen: Man fühlt sich so hilflos und völlig allein. Man fühlt sich so handlungsunfähig, es ist schrecklich. Sie funktionieren eigentlich nur noch, das müssen Sie ja auch, aber innen in Ihnen sieht es schlimm aus.

    Welche Alarmzeichen gibt es, woran erkennt man, dass man nicht mehr kann?

    SCHMID: Wenn man sich nicht mehr erholen kann. Es gibt aber auch körperliche Symptome, die zeigen, dass die Belastung zu hoch ist: Ich hatte einen viel zu hohen Blutdruck und immer wieder Herzrasen. Von Herzproblemen berichten viele pflegende Angehörige, auch von Schlafproblemen – sie kommen ja nie zur Ruhe.

    Was raten Sie?

    SCHMID: Pflegende Angehörige müssen auf sich selbst schauen, auf ihre Gesundheit und sehr, sehr achtsam mit sich umgehen. Doch das fällt vielen schwer. Zumal die meisten ständig ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie sich etwas Gutes tun, weil daheim ja der kranke Partner, das kranke Kind, die kranke Mutter wartet...

    Wie kommt man aus der Spirale?

    SCHMID: Man muss sich immer wieder klarmachen: Nur, wenn ich selbst gesund bleibe und immer wieder Kraft tanke, kann ich die Pflege überhaupt weiter leisten. Der Pflegebedürftige hat nichts davon, wenn ich selbst krank werde. Regelmäßige Check-ups beim Hausarzt sind ganz wichtig, und dort sollte man auch erzählen, dass man zu Hause pflegt. Ich rate auch immer dazu, die sozialpsychiatrischen Dienste, die jede Kommune anbietet, in Anspruch zu nehmen, um sich regelmäßig die Belastung von der Seele zu reden. Auch die Telefonseelsorge hilft. Diese Menschen haben zwar keine Lösung, aber sie hören zu und strukturieren mit einem das Problem, sie zeigen Wege auf, wie man sich stärken kann. Und man muss sich unbedingt kleine Inseln schaffen.

    Was heißt das konkret?

    SCHMID: Ich habe beobachtet, dass man als pflegender Angehöriger oft mit gesenktem Blick und schnell alle Erledigungen macht. Damit vergibt man sich die Möglichkeiten für kleine Verschnaufpausen. Setzen Sie sich beispielsweise beim Bäcker für ein paar Minuten für einen Kaffee hin, plaudern Sie beim Einkauf mit jemanden, gehen Sie kurz spazieren. Schon das hilft. Hier sollte jeder herausfinden, wo er kurz seinen Rucksack abstellen und durchatmen kann. Denn man darf nicht vergessen: Bei pflegenden Angehörigen gehen viele Freundschaften in die Brüche, denn ich kann bei den meisten Freizeitaktivitäten nicht mehr mitmachen, weil ich daheim sein muss.

    Sie haben den Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ gegründet und sind auch auf Facebook mit Ihrer Gruppe „Pflegende Angehörige“ sehr aktiv. Digitale Kontakte sind vielleicht auch leichter zu halten für pflegende Angehörige, oder?

    SCHMID: Wir informieren viel auf unserer Homepage und wir wollen, dass sich pflegende Angehörige vernetzen, denn das soziale Netz ist bei der häuslichen Pflege das A und O. Man darf ja auch nicht vergessen: Gepflegt werden nicht nur alte Menschen. Es gibt so viele Eltern, die schwerst pflegebedürftige Kinder zu Hause versorgen.

    Es heißt, dass auch die Zahl der pflegebedürftigen Kinder wächst.

    SCHMID: Und diese Pflege bringt noch einmal ganz andere Herausforderungen mit sich. Sich vorzustellen, dass ich jemanden mein Leben lang pflegen muss, das ist eine Verantwortung, eine Aufgabe, da machen sich viele gar keine Gedanken, was das heißt. Und leider zerbrechen unter dieser Last viele Ehen, meistens sind es alleinerziehende Mütter, die ihre schwerst kranken Kinder zu Hause pflegen. Da müsste noch einmal ganz anders hingesehen und viel stärker unterstützt werden. Denn das sind oft jüngere Frauen, die nicht mehr berufstätig sein können oder tatsächlich mit ihrer Berufstätigkeit neben der Pflege völlig überlastet sind. Gerade auch hier bringt nicht zuletzt der eklatante Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen viele pflegende Frauen an den Rand der Verzweiflung und an den Rand des völligen psychischen und körperlichen Zusammenbruchs. Lassen Sie mich an dieser Stelle aber ergänzen: Was auch oft nicht gesehen wird: Wir haben viele Kinder, die daheim schon in die Pflege ihrer kranken Eltern eingebunden sind – auch sie müssten mit ihren speziellen Bedürfnissen viel mehr gesehen und unterstützt werden.

    Dass Kurzzeitpflegeplätze fehlen, ist seit Langem bekannt...

    SCHMID: Ja, hier tut sich leider viel zu wenig. Ich rate pflegenden Angehörigen immer, sich die Heime in ihrer Nähe anzusehen. Zu wissen, da gibt es ein Haus, das ich gut finde, entlastet auch.

    Vielen pflegenden Angehörigen geht es auch finanziell schlecht. Wären Sie für einen Pflegelohn?

    SCHMID: Nein, denn davon würde, wenn überhaupt, nur ein Teil der pflegenden Angehörigen profitieren, denn er würde sich ja am letzten Verdienst orientieren, gerade sehr viele Frauen pflegen aber seit Jahrzehnten. Wir vom Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ fordern seit Langem ein so genanntes „Gerechtes Entlastungsbudget“, das sich sowohl am Pflegegrad des zu pflegenden Menschen orientiert als auch an der individuellen Einkommenssituation. Denn viele pflegende Angehörige rutschen auch noch in die Armut, das ist skandalös.

    Was muss sich noch ändern?

    SCHMID: Es muss sich vor allem die Haltung in Politik und Gesellschaft gegenüber den vielen pflegenden Angehörigen ändern: Wir werden überhaupt nicht wahrgenommen. Bei Neuerungen in der Gesetzgebung werden wir viel zu wenig eingebunden, bei den Krankenkassen werden wir oft als Störfaktoren gesehen und so behandelt. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Kraft allein Anträge und Widersprüche bei den kleinsten Anschaffungen kosten. Wir müssen um jede Erleichterung kämpfen. Dabei müsste es doch umgekehrt sein: Man müsste den unschätzbaren Wert der vielen pflegenden Angehörigen erkennen, schließlich werden im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Rücken der pflegenden Angehörigen enorme Kosten gespart. Auf uns müsste man zugehen und fragen: Was braucht Ihr, damit Ihr die Pflege gut weiter machen könnt?

    Zur Person:

    Kornelia Schmid pflegte über 30 Jahre ihren schwer an MS erkrankten Mann und lange auch ihre an Demenz erkrankte Mutter. Ihr Mann ist seit Januar im Heim. Die 65-Jährige, die in Amberg in der Oberpfalz lebt, gründete 2017 den Verein „Pflegende Angehörige e.V.“. Mehr Infos unter www.pflegende-angehoerige-ev.de. Übrigens: das sogenannte „Gerechte Entlastungsbudget“ wird unter https://sorgende-angehoerige.de gut erklärt.

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