Ohne Ausweis kein Eintritt! Das kennt man vom Amt oder vielleicht vom Club. Künftig könnte diese Regel aber auch in bayerischen Schwimmbädern gelten. „Hast du dein Bronze dabei?“, könnte dann zur entscheidenden Frage am Eingang werden. In einigen Bädern in Nordrhein-Westfalen ist das bereits Realität: Etwa in Verl dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nur noch allein ins Wasser, wenn sie das bronzene Schwimmabzeichen – den früheren „Freischwimmer“ – vorzeigen können.
Der Grund dafür ist ernst: Kindern fehlt die nötige Sicherheit im Wasser zunehmend. 2017 konnten noch zehn Prozent der sechs- bis zehnjährigen Kinder nicht schwimmen, 2022 waren es bereits 20 Prozent. Weitere 23 Prozent gelten als unsichere Schwimmer. Das zeigt eine von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beauftragte Forsa-Studie. Dass sich diese Entwicklung längst auch im Freibadalltag bemerkbar macht, beobachten Andreas Rösch, Pressesprecher der DLRG, und Ralf Großmann, Vorsitzender des Landesverbands Bayern im Bundesverband deutscher Schwimmmeister (BDS), mit Sorge. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklären sie, warum die eigentlichen Probleme deutlich tiefer reichen als fehlende Schwimmabzeichen.
Schwimmbäder in Bayern erleben angespannte Stimmung
„Die Diskussionen aus Nordrhein-Westfalen werden auch in Bayern aufmerksam verfolgt“, sagt Großmann. Der Alltag in Freibädern sei deutlich anspruchsvoller und angespannter geworden. Besonders das vergangene Pfingstwochenende habe den Ernst der Lage erneut gezeigt: Innerhalb weniger Tage kamen deutschlandweit sechs Menschen bei Badeunfällen ums Leben – darunter vier Kinder und Jugendliche im Alter von vier, elf, 13 und 14 Jahren.
Trotzdem hält Großmann das Bronze-Abzeichen allein nicht für die Lösung. Auch Kinder mit Schwimmabzeichen könnten sich überschätzen und in Stresssituationen schnell an ihre Grenzen geraten. Ähnlich bewertet das auch Rösch. Er könne nachvollziehen, dass Freibadbetreiber das Risiko schwerer Unfälle möglichst gering halten wollen. Eine nachhaltige Lösung seien strengere Zutrittsregeln jedoch nicht. „Durch den Ausschluss wird niemand zum besseren Schwimmer“, sagt Rösch. Stattdessen würden viele Kinder und Jugendliche auf andere Freibäder oder Badeseen ausweichen. Gerade dort könne die Situation sogar gefährlicher werden, weil an Seen häufig keine Rettungsschwimmer im Einsatz seien.
„Viele Familien können sich keinen Schwimmkurs leisten.“
Andreas Rösch, Pressesprecher der DLRG
Für beide Experten liegt die einzige langfristige Lösung deshalb woanders: Kinder müssen wieder besser schwimmen lernen. Dafür brauche es vor allem ein stärkeres Bewusstsein bei den Eltern, meint Rösch. Denn Schwimmen sei im Zweifel lebensrettend. Kinder sollten sich deshalb spätestens in der Grundschule sicher im Wasser bewegen können.
Gleichzeitig könnten sich viele Familien Schwimmkurse inzwischen kaum noch leisten. „Außerdem sind die Wartelisten oftmals sehr lang“, ergänzt Großmann. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Vielerorts fehlen Wasserflächen und damit Möglichkeiten zum Üben. Dahinter liegen die Schwierigkeiten, mit denen Freibäder seit Jahren kämpfen.
Kommunen kämpfen mit steigendem Aufwand für Schwimmbäder
„Für eine einzelne Gemeinde ist der finanzielle Aufwand eines Bads größtenteils kaum noch zu stemmen“, sagt Rösch. Deshalb würden viele Bäder ihre Öffnungszeiten einschränken oder ganz schließen. Als möglichen Ausweg nennt er sogenannte Zweckverbände, bei denen mehrere Kommunen gemeinsam ein Bad finanzieren. Ein Beispiel dafür ist das Gartenhallenbad in Leipheim bei Günzburg, das von einem Zusammenschluss aus 13 Kommunen getragen wird.
Doch steigende Kosten sind längst nicht das einzige Problem. Vielerorts fehlen ausgebildete Fachangestellte für Bäderbetriebe, betont Großmann. Viele Teams arbeiteten seit Jahren am Limit und müssten immer mehr Aufgaben stemmen. Gleichzeitig würden manche Eltern ihre Aufsichtspflicht zunehmend an das Badpersonal abgeben. Eine gefährliche Entwicklung. Oft reichten schon ein kurzer Blick aufs Smartphone, ein Gespräch oder ein kleiner Moment der Ablenkung aus. Ertrinken passiere nahezu lautlos und innerhalb weniger Sekunden. Im Alltag der Freibäder müssten Aufsichtskräfte inzwischen regelmäßig in kritische Situationen eingreifen.
Freibäder sollen Kindern Freiräume zum Erleben bieten
Trotz aller Probleme dürfe man Freibäder aber nicht „kaputtregeln“, meint Großmann. Sie sollten Orte bleiben, an denen Kinder sich frei bewegen, schwimmen lernen und unbeschwerte Sommertage erleben können. Dafür brauche es allerdings mehr Schwimmausbildung, mehr Wasserzeiten, mehr Personal und vor allem wieder ein stärkeres gemeinsames Verantwortungsgefühl.
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