Sommererinnerungen im Herbst. Horst Woppowa läuft über laubigen Boden, die Blätter rascheln unter seinen Füßen. Dann bleibt er auf einer Brücke über dem Augsburger Eiskanal stehen und deutet zur Schleuse. „Da, an Tor fünf, da bin ich gesessen.“ Woppowa war Kampfrichter bei den Olympischen Spielen 1972, der Großteil der Wettkämpfe fand in München statt, der Kanuslalom wurde aber in Augsburg ausgetragen. „Man hat uns Laubfrösche genannt, weil wir ganz grün angezogen waren“, sagt Woppowa, lächelt, greift in seine Jackentasche und holt Erinnerungsfotos heraus. Der Laubfrosch bei der Eröffnungsfeier im Olympiastadion in München. Bei den Leichtathletikwettkämpfen. Beim Boxen. Bei der Schlusszeremonie. Die Eintrittskarten für sich und seine Frau hat er noch. In diesen Tagen denkt Woppowa oft zurück an den Sommer 72. Jetzt, wo so viel über Olympia gesprochen wird wie lange nicht.
Am Sonntag haben bei einem Bürgerentscheid in München etwa zwei Drittel der beteiligten Wählerinnen und Wähler dafür gestimmt, dass sich die bayerische Landeshauptstadt um die Olympischen und Paralympischen Spiele bewerben soll, für 2036, 2040 oder 2044. Weit weg und doch so nah, weil monatelang debattiert und gestritten wurde und die Frage im Raum steht: Was macht das mit der Stadt – positiv wie negativ –, wenn hier erneut Sommerspiele stattfinden?
Die Spiele vor 53 Jahren haben München massiv verändert
Die Spiele vor 53 Jahren haben München massiv verändert. Für die Stadt tat sich mit dem Zuschlag die Möglichkeit auf, dringend benötigte Stadtentwicklungsmaßnahmen schneller voranzutreiben. Die Fußgängerzone entstand, U- und S-Bahn wurden gebaut, viele neue Wohnungen auch, und – freilich – der spektakuläre Olympiapark. See, Hügel, das ikonische Zeltdach, das die Sportstätten verbindet: Die zahlreichen Architekten haben auf dem Oberwiesenfeld ein Wahrzeichen erschaffen, das bald Welterbe werden könnte. Eine architektonische Sensation, die moderner war als alles, was man im München der Sechziger- und Siebzigerjahre je gesehen hatte. Ein Gegenentwurf zu den Monumentalbauten von Olympia 1936.
Ein paar entscheidende Leitgedanken hatte die Stadt den Planern damals mitgegeben: Spiele im Grünen sollten es sein, Spiele der kurzen Wege. Und, ganz zentral, die Sportstätten sollten später dem Breitensport zugutekommen, weiter genutzt werden können von allen Münchnerinnen und Münchnern.
In den Tagen vor dem Bürgerentscheid 2025 bedeckte ein riesiges Banner das Gras des Bergs, auf dem vor einem Jahr noch Tausende Fans des Popstars Taylor Swift erfüllt von Liebe deren Konzert im ausverkauften Stadion mitverfolgt hatten. „Olympia in Deutschland: Dafür sein ist alles“, stand da in meterhohen Buchstaben. Jetzt ist klar, die Münchnerinnen und Münchner sind dafür. Und ihren Olympiapark lieben sie. Eltern mit Kinderwagen schlendern hier zwischen den Graugänsen am Olympiasee hindurch. Walkerinnen und Jogger toben sich aus. Die Schwimmhalle ist fast immer offen, Hobbysportler durchpflügen die acht Bahnen, auf der Zuschauertribüne kann dort jeder ihre Züge beobachten.
Fritz Auer ist der letzte Lebende der fünf maßgeblichen Architekten, denen München den Park zu verdanken hat. Ein paar Tage vor dem Bürgerentscheid sitzt er ganz in Schwarz auf einem Podium im Stadtteil Milbertshofen und erzählt, dass die Nachhaltigkeit, mit der die Stadt heute für eine Bewerbung wirbt, schon vor mehr als 50 Jahren den Verantwortlichen ein Herzensthema war. „Uns wurde sehr deutlich ins Stammbuch geschrieben, dass die Sportstätten erhalten bleiben sollten. Der Park war ein Projekt, das gut bleiben sollte – nicht nur für die Bürger aus München, sondern für die Weltbürgerschaft.“
Der 92-Jährige erinnert sich, wie viel „freies Feld“ er und seine Kollegen aus dem Architekturbüro Behnisch & Partner damals Ende der Sechzigerjahre vorgefunden hatten. Er stand mit seinem Kompagnon Carlo Weber auf dem Schuttberg, der später den Namen der Fünf Ringe tragen sollte, sah hinunter auf die Hügel des Parks und hinüber Richtung Alpen, von denen er und seine Kollegen sich bei ihrem Entwurf inspirieren ließen. Fünf Jahre Arbeit stecken in Auers Lebenswerk, mit dem er nicht nur wegen des Stadions, das wie ein griechisches Amphitheater zu zwei Dritteln ins Erdreich gebaut ist, Architekturgeschichte schrieb.
Horst Woppowa hat den Bau des Augsburger Eiskanals begleitet
Auch Augsburg hat sich durch die Olympischen Spiele verändert. Horst Woppowa, der damals mit 24 Jahren als Kampfrichter am Eiskanal dabei war, hat den Bau des Areals von der ersten Stunde an begleitet. „Es gab keinen Tag, an dem ich nicht auf der Baustelle war“, sagt er und blickt hinunter auf das Wasser, das sich an diesem Tag gemächlich durch die künstlich angelegten Felsen schlängelt. „Der da hinten heißt Moby Dick, bei der Flutung des Kanals schaut er immer noch aus dem Wasser“, sagt Woppowa und lacht. Bis heute finden auf dem Augsburger Eiskanal Welt- und Europameisterschaften statt, er ist Vorbild für den Bau von Kanustrecken in der ganzen Welt.
Nach dem erfolgreichen Votum der Münchnerinnen und Münchner hat nun auch Augsburg eine Befragung seiner Bürgerinnen und Bürger gestartet. Im Unterschied zu München wird es in Augsburg allerdings keine Abstimmung an der Urne geben. Die Augsburger können in den kommenden Wochen online ihre Meinung kundtun.
Augsburg ist mit zwei Sportstätten an dem Münchner Bewerbungskonzept für die Sommerspiele und Paralympische Spiele beteiligt. In erster Linie soll die Kanustrecke an Horst Woppowas geliebtem Eiskanal wie bereits bei den Spielen von 1972 Wettkampfort sein. Zudem ist die WWK-Arena, das Stadion des Fußball-Bundesligisten FC Augsburg, Teil des Konzepts.
Ein paar Tage vor dem Entscheid steht Horst Woppowa an dem Punkt, an dem damals das Olympische Feuer entzündet wurde. „Ich hab‘ den Moment fotografiert, das werd‘ ich nie vergessen.“ Er erinnert sich noch gut daran, wie aufregend alles war. Die vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die Stimmung, der Teamgeist. „Es war alles bunt und es gab so eine Aufbruchsstimmung. Die Atmosphäre war wirklich grandios. Bis zum Attentat.“
Der Terror zerstörte die Idee vom „Olympischen Frieden“
Der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos auf die israelische Olympiamannschaft zerstörte damals die Idee vom „Olympischen Frieden“. Bei dem Anschlag am 5. September stürmten acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf. Sie erschossen zwei Mitglieder des Teams und nahmen neun weitere als Geiseln. Bei der fehlgeschlagenen Befreiungsaktion am Flugplatz Fürstenfeldbruck wurden alle Geiseln, ein bayerischer Polizeibeamter sowie fünf der acht Attentäter getötet.
Das Thema Sicherheit ist heute nicht nur deshalb größer denn je. Gegner einer Bewerbung Münchens, etwa die ÖDP, die Linke, Grünen-Spitzenpolitiker Ludwig Hartmann und diverse Bürgerinitiativen, führten das als ein großes Argument ins Feld. Die Kosten seien nur schwer kalkulierbar, sagen sie. Dass sie hoch sein werden, scheint allerdings außer Frage. Ein Beispiel: Bei den Spielen 2024 in Paris schlugen allein die Sicherheitsausgaben mit rund 1,4 Milliarden Euro zu Buche. Weitere Argumente des Zusammenschlusses „NOlympia“: Das IOC sei ein dubioser Partner mit Knebelverträgen, das Geld für die Spiele könnte anderswo fehlen, etwa bei Schul- und Kliniksanierungen. Neue Sportstätten würden womöglich in schützenswerter Natur errichtet. Am Ende haben die Gegner die Münchner Bürger nicht überzeugt.
„Stadion und Sporthalle könnten auf jeden Fall wieder Spiele beherbergen.“
Fritz Auer, Architekt des Olympiaparks
Eine Studie im Auftrag der Stadt sieht mögliche Spiele indes als „Katalysator für Münchens Zukunft“. Nicht die Spiele selbst, sondern die damit verbundenen Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte brächten den entscheidenden Mehrwert, heißt es vom Referat für Bildung und Sport. Neben der Stadt machten sich unter anderem Ministerpräsident Markus Söder und seine CSU, die Münchner Wirte, auch der FC Bayern für eine Bewerbung stark – und Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann. „Olympische Spiele sind etwas Herausragendes. Das wäre für unser Land toll und für München toll“, sagte er bei Sky. Nagelsmann durfte beim Bürgerentscheid selbst mitstimmen, er hat einen festen Wohnsitz in München.
Befürworter erhoffen sich durch die Olympia-Vergabe auch Zuschüsse von Bund und Land für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs: Die U4 soll verlängert werden, zudem eine neue Linie durch die Innenstadt gebaut und der S-Bahn-Ringschluss Nord realisiert werden. Vielleicht, so die Hoffnung, könnte die Bewerbung sogar den Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke beschleunigen. Womit die Befürworter noch argumentieren: Impulse für den Wohnungsbau. In Daglfing soll, so die Spiele in München stattfinden, ein Athletendorf gebaut werden, danach könnte das Areal rund 10.000 Menschen dauerhaft Wohnraum bieten.
Die Aufbruchstimmung hatte 1972 die ganze Stadt erfasst
Und dann ist da eben dieser Spirit, der ‘72 die ganze Stadt erfasst hatte. Die Olympia-Euphorie, die so ansteckend war. „Die Münchner wollten das“, erinnert sich Architekt Auer. „Sie haben das mitgetragen – und ja, auch viel ertragen während der Arbeit an der Infrastruktur.“ Er selbst lebt zwar mittlerweile in Stuttgart, würde aber begeistert Ja sagen zu einer erneuten Bewerbung. Auer ist sich sicher: „Stadion und Sporthalle könnten auf jeden Fall wieder die Spiele beherbergen.“ Bei der Schwimmhalle ist das fraglich, sie bräuchte zwei zusätzliche Bahnen: zehn statt der bisherigen acht, aus denen 1972 Mark Spitz und das US-Schwimmteam 17 Goldmedaillen heraustauchten.
Die Söhne des Architekten leben heute mit ihren Familien im Olympiadorf, mit mehr als 6000 weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern auf dem 40 Hektar großen Areal. Die Identifikation mit dem Viertel ist so hoch wie in kaum einem anderen Stadtteil. Horst Woppowa, der damalige Kampfrichter am Eiskanal, erinnert sich noch gut an seinen Besuch im Olympischen Dorf. „Das war unglaublich beeindruckend und aufregend. Immerhin waren dort Menschen aus 200 Nationen untergebracht.“
Woppowa, der 39 Jahre lang Vorsitzender des Vereins Kanu Schwaben war, geht eine kleine Treppe nach oben, öffnet die Tür zum Vereinsgebäude. In einer recht unscheinbaren Vitrine lagern die Andenken an die Olympischen Spiele von 1972. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt, wie Menschenmassen die Kanustrecke säumen. „An nur zwei Tagen waren 60.000 Zuschauer da“, sagt Woppowa. Auch die Prominenz kam, auf einem der Fotos ist der damalige Bundeskanzler Willy Brandt zu sehen. Im gleichen Schrank liegen Woppowas Akkreditierung und die Medaille, die er für seinen Einsatz als Kampfrichter bekam. Der Augsburger lächelt, als er sich die vielen Erinnerungsstücke ansieht, dann sagt er: „Ich wäre schon dafür, dass hier wieder Olympische Spiele stattfinden. Das ist doch was Tolles. Und die ganze Welt schaut zu.“
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