Dominik Krause schlägt sich kurz vor der Stichwahl im Club die Nächte um die Ohren. Am Freitagabend gab der 35-jährige Grüne in einer Münchner Disko spontan den DJ. Krause drehte ein bisschen an den Reglern, es lief der Song „Mr. Brightside“ von der Band The Killers. Ein alter Hit aus den Jugendtagen all derer, die ungefähr so alt sind wie Krause selbst. Ein Song, der immer gut ankommt, die Stimmung zuverlässig positiv eskalieren lässt.
Und der Song passt irgendwie auch zum Wahlkampf von Dominik Krause, der Dieter Reiter (SPD) – den haushohen Favoriten – in die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters (OB) gezwungen hat. In den sozialen Medien ruft Krause die Menschen auf, ihm im Wahlkampfendspurt zu helfen – und Dutzende kommen.
Münchner OB-Kandidat Dominik Krause: Morgens auf dem Wochenmarkt, abends im Club
Morgens wirbt Krause mit seinem Team aus Freiwilligen auf dem Wochenmarkt für sich, abends verteilen sie Flyer in den Ausgehvierteln. Alles dokumentiert er auf Instagram: Man sieht Leute, die ein Selfie mit dem Mann wollen, der die Grünen aus dem Strahlen nicht mehr herausbringt. Man hört, wie Fremde ihm über die Straße hinweg zurufen, dass sie ihn gewählt haben – und es sind nicht nur Junge. Aber wird die Mehrheit der Münchner das auch bei der Stichwahl am 22. März tun, wenn es ins direkte Duell mit Reiter geht?
Dominik Krause, der seit mehr als einem Jahrzehnt im Münchner Stadtrat sitzt, sagt in der Süddeutschen zu dem, was gerade um ihn herum passiert: „So ein positives Feedback habe ich in 15 Jahren noch nicht erlebt.“ Ein derartiges „Momentum“ hätten die Grünen in München noch nie gehabt.
Hartnäckig halten sich aber auch die Stimmen, die Krauses Wahlergebnis von 29,5 Prozent vor allem der verheerenden Kommunikation des amtierenden OB kurz vor der Wahl zuschreiben.
Nach der Affäre um seine mittlerweile niedergelegten Ämter beim FC Bayern war Reiter am 8. März von prognostizierten 45 Prozent aller Stimmen auf 35,6 abgestürzt. Aber es gibt eben auch jene Wählerinnen und Wähler, aus deren Sicht Reiter in den vergangenen sechs Jahren einfach nicht genug getan hat. Die mit Krause auf neuen Schwung hoffen.
Beim Wohnungsbau etwa ging wenig voran. Selbst kurz vor der Wahl hatte Reiter öffentlich keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr ihm die Starrheit der Verwaltung das Regieren verleidet. Andererseits spricht der SPD-Mann selbst davon, dass vor allem ein großer Zuspruch aus der Bevölkerung ihn zu einer dritten Amtszeit motiviert.
Und natürlich ist auch Reiter auf Instagram, verteilt Rosen in den Stadtteilen und macht Selfies mit Familien, die für ihn stimmen wollen. Wahlbeobachter rechnen auch damit, dass ein gewichtiger Teil der CSU-Wähler ihm seine Stimme geben wird; CSU-Mann Clemens Baumgärtner hatte nur 21,3 Prozent geholt. Gewiss ist das nicht.
Reiter ist 67, Krause 35. Wie unterschiedlich sie sich inszenieren, zeigen auch ihre Plakate für die Stichwahl: „Reiter für München“ oder „München bleibt stabil“, sind die Slogans beim Amtsinhaber. „Weil mehr geht“, steht auf den Plakaten Krauses. Er wäre der erste schwule Oberbürgermeister Münchens, lebt mit seinem Partner in Giesing. Geboren 1990 in Moosach, studierte Krause später Angewandte Physik an der TU München. In seiner Freizeit, schreibt der Grünen-Hoffnungsträger auf seiner Homepage, ziehe es ihn vor allem in die Berge, er spielt aber auch Klavier, Tanzen ist eins seiner liebsten Hobbys.
Der Moment, der ihn politisch aktiv werden ließ, sei ein Nazi-Aufmarsch nahe seiner Zivildienststelle gewesen, sagt Krause. Er trat den Grünen bei, kam 2014 prompt in den Stadtrat und ist seitdem auch stellvertretender Vorsitzender bei „München ist bunt“. Der Verein setzt sich für eine weltoffene Stadt ein, organisierte etwa die große Demo im Februar 2025 in München. 250.000 Menschen kamen damals unter einem Motto zusammen: „Demokratie braucht dich!“
Krause will 50.000 neue Wohnungen bauen, den Mieterschutz verbessern, erneuerbare Energien und Radwege ausbauen. Auch er selbst legt den größten Teil seiner Arbeitswege auf dem Fahrrad zurück, wer aufpasst, sieht ihn regelmäßig beim Radeln. Er war schon mal kurz Rathauschef, im Sommer 2025, als Reiter wegen einer Schulter-Operation mehrere Wochen ausfiel.
„Wie alt jemand ist, finde ich nicht entscheidend.“
Dominik Krause, OB-Kandidat
Das hat er geräuschlos und unaufgeregt hinbekommen. Manche Kritiker unterstellen ihm trotzdem, dass er nicht das Format für den Job als OB habe, dass er zu jung sei.
Einzelne lassen schon mal den Spruch fallen, der Physiker Krause sei bei „Jugend forscht“ besser aufgehoben als im Rathaus. „Wie alt jemand ist, finde ich nicht entscheidend“, sagt der Grüne selbst dazu. „Es geht darum, wer die besten Ideen hat. Und den Willen, München den dringend nötigen Modernisierungs-Schub zu geben.“
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