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So leben Senioren in einer ambulant betreuten WG

Pflege

Mit Mitte 80 in eine WG: „Auf keinen Fall wollte ich in ein Altersheim“

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    Hermine Schnell (zweite von rechts) fühlt sich in der ambulant betreuten WG wohl. Ihr Sohn Achim und ihre Schwiegertochter Andrea Schnell (rechts) waren von dieser Wohnform, die in Inchenhofen Joanna Wozniak anbietet, sofort überzeugt.
    Hermine Schnell (zweite von rechts) fühlt sich in der ambulant betreuten WG wohl. Ihr Sohn Achim und ihre Schwiegertochter Andrea Schnell (rechts) waren von dieser Wohnform, die in Inchenhofen Joanna Wozniak anbietet, sofort überzeugt. Foto: Marcus Merk

    Mit einer Freundin im Alter in eine WG zu ziehen, das kann sich Andrea Schnell gut vorstellen. WG – das Wort erinnert doch an Jugend, an Gemeinschaft, sagt die 57-Jährige. Wie es wirklich so ist, im Alter ein Zimmer in einer WG zu haben, das kann Andrea Schnells 80-jährige Mutter jetzt ausprobieren. Zenta Brücklmair ist nämlich vor Kurzem in die ambulant betreute Wohngemeinschaft Amaryllis gezogen. Und eine gute Bekannte von ihr ist dort auch bereits: Hermine Schnell, die Mutter ihres Schwiegersohns.

    Die 87-Jährige merkte, dass es allein nicht mehr ging

    Hermine Schnell sitzt am Tisch und strahlt. „Ich bin zufrieden“, sagt sie. „Ich freue mich, dass ich hier nichts mehr arbeiten muss.“ Als sie im Sommer vergangenen Jahres eingezogen ist, gehörte die 87-Jährige zu den ersten Bewohnern von Amaryllis, dieser ambulant betreuten Wohngemeinschaft in Inchenhofen im Landkreis Aichach-Friedberg. Bis dahin wohnte sie in einem großen Haus mit Garten, nur einige Kilometer von Inchenhofen entfernt. „Doch ich habe selbst gemerkt, dass ich das alles nicht mehr schaffe“, sagt sie. Ihr ganzes Leben habe sie hart gearbeitet, erzählt sie. Schließlich habe sie mit ihrem Mann Josef, einem siebenfachen Deutschen Meister im Gewichtheben, das Familienunternehmen Schnell Sportgeräte aufgebaut, das heute Sohn Achim weiterführt. Ihren Mann habe sie zuletzt über Jahre gepflegt, er ist 2010 gestorben. Als sie im vergangenen Jahr dann gestürzt und ins Krankenhaus gekommen ist, sei klar gewesen, dass sie allein nicht mehr leben konnte. In ein „normales Heim“ wollte sie aber nicht. Auch Achim Schnell wollte seine Mutter nicht ins Heim geben. In der Klinik habe man ihnen den Tipp gegeben, sich mal eine ambulant betreute WG anzusehen. Das Konzept, aber auch die Räumlichkeiten in Inchenhofen überzeugten Familie Schnell sofort. Und zwar so sehr, dass nicht nur Andrea Schnells Mutter und Schwiegermutter dort wohnen, sondern auch ihr Vater nun eingezogen ist.

    In der ambulant betreuten WG Amaryllis können sich die Bewohnerinnen und Bewohner auch auf einem Hometrainer fit halten. Unser Bild zeigt Betreuerin Andrea Ranftl und Robert Klausen.
    In der ambulant betreuten WG Amaryllis können sich die Bewohnerinnen und Bewohner auch auf einem Hometrainer fit halten. Unser Bild zeigt Betreuerin Andrea Ranftl und Robert Klausen. Foto: Marcus Merk

    Doch wie funktioniert so eine ambulant betreute WG, kurz ABWG? Von außen sieht der zweistöckige, moderne Bau in Inchenhofen unspektakulär aus. Betritt man das Haus, steht man schnell in einem offenen Wohn- und Essbereich sowie einer großen Küche. Ein Herr radelt eifrig auf einem Hometrainer, ein paar andere sitzen auf dem Sofa. Drei Damen genießen diesen Sommernachmittag auf der Terrasse des schmalen Gartens. Im Obergeschoss befinden sich die Zimmer der fünf Damen und sechs Herren, die aktuell hier leben. Nicht alle haben Balkon, keines hat Bad und Toilette. Dafür gibt es große Gemeinschaftssanitärräume. Wer Hermine Schnells Zimmer betritt, blickt sofort auf leuchtend roten Mohn, zarten, lilafarbenen Klee, eine blaue Kornblume, Schmetterling und Biene. Das hat sie sich gewünscht, sie liebt die Natur. Und wenn sie auch keinen eigenen Garten mehr hat, so fällt zumindest ihr Blick beim Aufwachen und Einschlafen stets auf eine Wand voller wunderbar gemalter Wiesenblumen.

    Eine gemalte Wiese für die Naturliebhaberin

    Auch Joanna Wozniak ist von der gemalten Wiese begeistert. Der 47-Jährigen und ihrem Mann gehört das Haus. Sie hat den Pflegedienst Lillibrit zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin 2013 gegründet, der die Menschen in der WG Amaryllis versorgt. Aus ihrer jahrelangen Erfahrung im ambulanten Pflegedienst sei es ihr ein Herzensanliegen, pflegebedürftigen Menschen so viel Selbstbestimmung und so viel persönliche Betreuung wie möglich zu bieten.

    Ingrid Hafner-Eichner kennt die WG Amaryllis. Sie ist die Fachbereichsleiterin für Senioren, Pflege und Menschen mit Behinderung im Landratsamt Aichach-Friedberg und dort auch in der Heimaufsicht. Amaryllis ist nicht die einzige ABWG im Landkreis. Es gebe noch drei andere. „Doch gerade mit Blick auf die deutlich steigende Zahl an pflegebedürftigen Menschen bräuchte es noch viel mehr ABWGs.“ Das bayerische Gesundheitsministerium ließ im Dezember 2023 die Zahl der ABWGs ermitteln: Die zuständige Koordinationsstelle „Pflege und Wohnen in Bayern“ schreibt, dass damals 4.148 Menschen im Freistaat in einer ABWG lebten – 510 geprüfte ABWGs sind gezählt worden.

    Auch ein kleiner Garten gehört zur ambulant betreuten WG in Inchenhofen. Unser Bild zeigt Bewohnerin Astrid Rünz (links) mit Betreuerin Anita Holzer.
    Auch ein kleiner Garten gehört zur ambulant betreuten WG in Inchenhofen. Unser Bild zeigt Bewohnerin Astrid Rünz (links) mit Betreuerin Anita Holzer. Foto: Marcus Merk

    Für Hafner-Eichner bietet diese Wohnform, in der maximal zwölf Menschen leben, gerade in ländlichen Räumen viele Vorteile: „ABWGs lassen sich auch in kleinen Gemeinden gut umsetzen, denn sie unterliegen nicht so vielen baulichen Auflagen wie Heime, die sich in der Regel erst ab 60 Plätzen rechnen.“ So seien ABWGs beispielsweise bei der Größe der Bewohnerzimmer flexibel, sie müssten auch nicht ausschließlich Zimmer mit Bad und Toilette bieten, wie es Heimen vorgeschrieben ist. Von großer Bedeutung sei bei den ABWGs die Selbstbestimmung der Mieterinnen und Mieter. Sie – oder ihre Angehörigen – schließen sich zu einem Gremium der Selbstbestimmung zusammen. Und dieses Gremium entscheide dann beispielsweise, welche pflegerischen Leistungen wichtig sind. „Die Qualität der Pflege ist damit aber keine geringere“, betont Hafner-Eichner. „Die Qualität der Pflege wird wie in Heimen regelmäßig von der Heimaufsicht überprüft.“ Auch, was die Kosten angeht, sagt Hafner-Eichner, seien Heime und ABWGs vergleichbar. Allerdings entscheide in einer ABWG das Gremium, wer neu aufgenommen wird, ob die Person zur Gemeinschaft passt. Auch was es zum Essen gibt, falle in den Aufgabenbereich dieses Gremiums. Hafner-Eichner hegt viel Sympathie für diese Wohnform, das spürt man schnell im Gespräch. „Denn sie erlaubt zum einen eine wohnortnahe Pflege und sie ermöglicht es Pflegebedürftigen und Angehörigen, wirklich mitzubestimmen.“

    Es gibt WGs für Menschen mit besonderem Pflegebedarf

    Angeboten werden ABWGs vor allem von ambulanten Pflegediensten, denen die Immobilien gehörten, in die die pflegebedürftigen Menschen als Mieter einziehen, erklärt Hafner-Eichner. Und es gebe gerade auch für an Demenz erkrankte Menschen ABWGs.

    In der ABWG Amaryllis in Inchenhofen leben Menschen mit unterschiedlichem Pflegebedarf. Angefangen von einer nicht sehr stark ausgeprägten Demenz bis hin zu kognitiv fitten Menschen, die jedoch körperliche Einschränkungen haben. Auch Hausbesitzerin Joanna Wozniak ist es wichtig, dass die Menschen in der WG zusammenpassen. „Nur so können sie ihre persönlichen Ressourcen zum gemeinsamen Leben nutzen.“ Auch Franz Danner wohnt in der Gemeinschaft: „Mir gefällt es hier“, sagt er. Der 94-Jährige tut sich nach einem Schlaganfall mit dem Laufen schwer und kämpft mit Schwindelattacken. „Ich habe mir mit meinen Söhnen viel angesehen“, erzählt er. „Auf keinen Fall wollte ich in ein Altersheim.“ Dann schon lieber in eine WG.

    Mehr Infos zu ambulant betreuten Wohngemeinschaften in Bayern finden Sie unter www.bayern-pflege-wohnen.de

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