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Steht die Caritas-Sozialberatung vor dem Kollaps?

Kirchliche Beratungsstellen

Augsburger Caritas-Direktor: „Wenn Gelder fehlen, müssen wir unsere Dienste abbauen“

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    Bis in die Mittelschicht hinein suchen immer mehr Menschen in Notlagen die kirchlichen Sozialberatungen auf. Doch denen fehlt das Geld.
    Bis in die Mittelschicht hinein suchen immer mehr Menschen in Notlagen die kirchlichen Sozialberatungen auf. Doch denen fehlt das Geld. Foto: Matthias Becker

    Die Probleme hatten sich bereits vervielfältigt, als die alleinerziehende Mutter von vier Kindern endlich einen Termin bei der „Allgemeinen Sozialberatung“ des Caritasverbands für die Diözese Augsburg bekam. Mietmahnungen, Räumungsklage, die Krankenversicherung kürzte auf Notversorgung. Der Kühlschrank war leer, das Konto überzogen. Die Frau erkrankte an Depressionen und konnte sich nur noch schwer um die Kinder kümmern. Für die Bürgergeld-Anträge fehlten immer Unterlagen.

    „Multiple Problemlagen“ nennen Beraterinnen und Berater bei der katholischen Caritas solche Situationen. Regina Niedermair, als Sozialjuristin beim Augsburger Diözesan-Caritasverband für Betreuungsvereine zuständig, kennt diese Fälle. Sie beobachtet, dass sie seit einigen Jahren zunehmen. „Immer mehr Menschen kommen mit immer mehr Problemen zur Allgemeinen Sozialberatung“, sagt sie. Mit Geldproblemen, mit psychischen Erkrankungen, von Armut oder Wohnungsnot bedroht, überfordert mit Digitalisierung und Bürokratie. Bis in die Mittelschicht hinein. Das sei ein deutschlandweiter Trend, der sich in der Diözese Augsburg widerspiegele. Und nicht nur in der Stadt: „Egal ob Stadt oder Land, es ist überall prekär.“ Zehn Prozent mehr Beratungen habe die Caritas 2024 im Vergleich zum Vorjahr übernommen, Tendenz steigend.

    Kirchliche Sozialberatungen von Caritas und Diakonie sind am Limit

    Die Sozialberatung ist Lotse für alle Menschen in Notlagen. Sie berät kostenlos über Angebote, leistet Hilfe, vermittelt an Anlaufstellen weiter, hilft beim Ausfüllen von Formularen. Die steigende Nachfrage müsse die Caritas aber mit weniger Mitteln stemmen, wie Niedermair erklärt: Wegen der Kirchenaustritte gehen die Einnahmen aus der Kirchensteuer zurück, die Spendenbereitschaft schrumpft. Zum Ende der diesjährigen „Armutswochen“ fordert die Caritas Augsburg deshalb: Der Staat soll die Finanzierung der Sozialberatungen schultern.

    Der Augsburger Diözesan-Caritasdirektor Diakon Markus Müller fordert: Der Staat soll die Aufgaben refinanzieren, die ihm die Caritas abnimmt.
    Der Augsburger Diözesan-Caritasdirektor Diakon Markus Müller fordert: Der Staat soll die Aufgaben refinanzieren, die ihm die Caritas abnimmt. Foto: Bernhard Gattner (Archivbild)

    Die Forderung erklärt Niedermair damit, dass die Sozialberatungen oft staatliche Aufgaben übernehmen. „Viele Ämter schicken die Menschen zum Ausfüllen von Formularen direkt zu uns, weil sie zu wenig Personal haben“, sagt sie. Dabei sei es Aufgabe der Ämter, selbst zu beraten. „Wir helfen dann und bekommen dafür vom Staat kein Geld.“

    In Starnberg musste die Caritas die „Allgemeine Sozialberatung“ bereits schließen

    An 17 Stellen im gesamten Bistum bietet die Caritas Sozialberatungen an. Den Standort Starnberg habe sie wegen fehlender Mittel bereits schließen müssen, sagt Diakon Markus Müller, der Direktor des Caritasverbandes. „Wenn weiterhin die Gelder fehlen, müssen wir unsere Dienste abbauen. Und irgendwann können wir die Beratungsstellen nicht mehr halten.“ Er betont ebenfalls, dass die Sozialberatungen gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und den Staat entlasten. Um sie zu erhalten, müsse eine Finanzierung aus Kirche, Caritas, Kommunen und Ländern gesichert werden.

    Auch die evangelische Diakonie Augsburg betreibt mit der Allgemeinen Sozialarbeit eine Beratungsstelle in Augsburg. Der Theologische Vorstand der Diakonie, Fritz Graßmann, bestätigt die Problemlage: Der finanzielle Druck sei groß, weil Kirchensteuereinnahmen ausblieben. Gleichzeitig werde man überschwemmt mit Arbeit. 433 Mal berieten die Mitarbeitenden in der Diakonie im Jahr 2023. Im Vorjahr waren es 988 Beratungsgespräche, im laufenden Jahr sind es bisher 1069. „Wir sind die verlängerte Werkbank der Behörden“, sagt Graßmann. „Wir schaffen es nicht mehr. Ich sehe bald keine Alternative, als dass sich der Staat beteiligen muss“, sagt auch er.

    Das Bundessozialministerium weist die Forderungen zurück. „Sofern freie Träger Sozialberatungsstellen einrichten, dann stellen diese hierzu eine zusätzliche und vor allem freiwillige Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeit dar“, erklärt eine Sprecherin. Unterstützungen auf Landes- oder kommunaler Ebene könnten im Einzelfall sinnvoll sein, doch die Finanzierung von Sozialberatungen sei keine Aufgabe des Bundes. Das Ministerium verfolge die Arbeit der Stellen aber mit Wertschätzung.

    Es gelang ihnen, dass die Frau wieder Sozialleistungen erhält

    Die Probleme der alleinerziehenden Mutter entknoteten die Sozialberaterinnen und -berater des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg nach und nach, wie Regina Niedermair schildert. Zuerst organisierten sie Lebensmittel von der Tafel und Kleider aus der Kleiderkammer. Dann holten sie Fachstellen zu Wohnungslosigkeit, Jugendamt, Betreuungsstelle und eine Fachanwältin mit ins Boot. Es gelang ihnen, dass die Frau wieder Sozialleistungen erhält, sie klärten die Lage mit der Krankenkasse und verwiesen die Frau an eine psychologische Beratungsstelle. Die Räumungsklage ließ sich zwar nicht mehr aufhalten. Dafür brachten die Caritas-Mitarbeitenden die Familie in einer Unterkunft der Kommune unter. Und halfen ihr so zurück ins Leben.

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