Der Anfang hat fast schon etwas Märchenhaftes. Es war einmal ein Archäopark. Er hatte ein wunderschönes Symbol – nämlich die lebensgroße Figur eines Wollhaar-Mammuts, volkstümlich „Zottel“ genannt. Park und Ur-Viech sollten eine Art Leuchtturm für eine ganz besondere Ehre sein: nichts weniger als den Unesco-Titel Welterbe, 2017 verliehen für die Eiszeitkunst und die damit verbundenen Fundhöhlen auf der Schwäbischen Alb.
Es gab damals im nahen Ulm einen Festakt mit allerlei Prominenz. „Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man die Schwäbische Alb als Wiege der Menschheit, als Wiege von Kunst und Kultur bezeichnet“, feierte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Ereignis.
Unesco-Welterbe brachte zunächst Ruhm in zwei strukturschwache Gegenden auf der Schwäbischen Alb
Bevorzugt aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Tier- und menschliche Figuren sind die Grundlage des Anspruchs. Ebenso Knochen-Flöten. Lokalpatrioten verwiesen darauf, die Schwaben seien „schon immer vorne mit dabei gewesen“. Die geschichtliche Feinheit, dass es in der Eiszeit noch gar keine Schwaben gab, fiel locker unter den Tisch, ließe sich schmunzelnd anfügen.
Egal. Die Unesco brachte Ruhm in zwei eher strukturschwache Gegenden. Wie es der archäologische Zufall nämlich wollte, kam es zu einer gebietsmäßigen Aufteilung. Einerseits drei Höhlen zwischen Blaubeuren und Schelklingen im Achtal: Geißenklösterle, Sirgenstein und Hohle Fels, Entdeckungsort der inzwischen legendären Venus vom Hohle Fels, einer etwa 40.000 Jahre alten opulenten Frauenfigur. Dazu gibt es noch in Blaubeuren das renommierte Urgeschichtliche Museum.
Um diesen Landstrich geht es aber in dieser Geschichte bloß am Rande. Im Zentrum steht die zweite eiszeitliche Kulturerbe-Region: das Lonetal, eine knappe Autostunde nordöstlich von Blaubeuren. Die Fahrtdauer hat damit zu tun, dass Ulm zwischen beiden Destinationen liegt.
Bereits Jahre vor der Unesco-Kürung hatten sich Kommunalpolitiker im Umfeld des Lonetals und auch Archäologen Gedanken über die Unbilden dieser langen Wegstrecke gemacht. Die Bewerbung ums Welterbe lief bereits auf Hochtouren. Blaubeuren und die Achtaler hatten mit dem Urgeschichtlichen Museum ihren Leuchtturm. Das abgelegene Lonetal in einem letzten württembergischen Zipfel vor der bayerischen Grenze sollte deshalb mit etwas Eigenem punkten können – auch um die Unesco-Entscheider gnädig zu stimmen.
Die Stadt Niederstotzingen initiierte den Archäopark
Diese Menschen legen Wert auf lokales Engagement zur Pflege des Ehrentitels. Zudem ging es darum, Besucher in die Gegend zu locken. Das 5000-Seelen-Städtchen Niederstotzingen trat in die Verantwortung. Es initiierte den Archäopark, nannte ihn nach einer auf dem Gelände liegenden Eiszeit-Höhle vollständig „Archäopark Vogelherd“. 2013 konnte er in Betrieb gehen.
So weit, so gut. Inzwischen schreibt man das Jahr 2026. Ein Besuch des Archäoparks holt einen im Handumdrehen auf den Boden bitterer Tatsachen zurück. Ein zunehmend verlotternder Zaun umrundet ein trostloses Gelände. Das Empfangsgebäude ist leer geräumt. Keine Cafeteria oder eiszeitliche Ausstellungsstücke mehr.
Im Freien sind die urgeschichtlichen Erlebnisstationen wie Bogenschießen oder Feuermachen verschwunden. Mammut „Zottel“ steht zwar noch, wirkt aber heruntergekommen. Und dass sich am oberen Teil des Geländes die Vogelherdhöhle versteckt, einer der wichtigen Fundorte von Eiszeitkunst, erschließt sich höchstens Eingeweihten.
„Da ist bloß noch Wüste“, sagt eine junge Frau, die beim Gassi-Gehen ihren Hund an einen Zaunpfahl pinkeln lässt. „Das verkommt hier.“ Ein Rentner, der gemächlich einen Weg entlang schlendert und sich als Josef Maier vorstellt, meint: „Eigentlich ist das hier eine Sauerei.“
Wird hier der einst so ersehnte Welterbe-Titel versemmelt?
Welterbe hört sich anders an – und es müsste eigentlich auch anders aussehen. Wird hier der einst so ersehnte Titel versemmelt? Das Gefühl verstärkt sich bei einer Stippvisite der beiden weiteren im Lonetal verorteten und von der Unesco geehrten Höhlen. Zum Hohlenstein-Stadel führt der Weg von einem kleinen Weiler mit Ausflugsgasthaus durch den Wald hinunter. Alles recht beschaulich.
Wo Schluss mit den Bäumen ist, stehen Info-Tafeln zu besagter Höhle. Sie ist immerhin Fundort des weltberühmten „Löwenmenschen“, einer 35.000 bis 40.000 Jahre alten Mischwesen-Figur. Sehr schön, denkt man sich, und würde gerne abenteuerlustig die Höhle untersuchen. Rostige Gitter versperren jedoch den Zugang. Der Grund: Im Hohlenstein-Stadel schlummern Fledermäuse.
Also auf zur Bocksteinhöhle. Sie befindet sich ein Stück weit talaufwärts und ist fast mit dem Auto zu erreichen. Unterhalb eines Hangs informiert erneut eine – zugegeben – gut gemachte Info-Tafel über diese Höhle. Es folgt ein kurzer Anstieg – und die Augen können in die Felsenhalle hineinlugen, welche einst Neandertalern ein Obdach gab.
Aber Obacht: Steinschlag droht am Hang. Das Wagnis, selbst in die Höhle hineinzugehen, muss jeder für sich entscheiden: Das Bockstein-Dach ist instabil. Vor vier Jahren musste deshalb ein 40 Tonnen schwerer Kalksteinbrocken weggesprengt werden. Einmal mehr steht man mit langem Gesicht da.
Die Welterbe-Welt scheint auf der Anfahrt ins Lonetal noch in Ordnung zu sein
Bemerkenswerterweise scheint die Welterbe-Welt auf der Anfahrt ins Lonetal noch in Ordnung zu sein. Auf der vorbeiführenden Autobahn A7 weist ein Schild auf Eiszeitkunst- und Höhlen hin. Die Gemeinde Rammingen freut sich am Ortseingang nach wie vor mit dem Schriftzug „Wir sind Unesco-Welterbe“. Das Nachbardorf Asselfingen hat stilisierte Mammutstoßzähne an der Straße aufgestellt.
Natürlich drängt sich die Frage auf, was im Lonetal schiefgegangen ist. Immerhin sah der Anfang gut aus. Um es gleich zu betonen: Die zentrale Malaise hat mit der Besitzer- und Betriebskonstruktion des Archäoparks zu tun. Verantwortlich für ihn ist nämlich die bereits erwähnte Stadt Niederstotzingen.
Sie musste das jährliche Defizit des Archäoparks decken. Dies waren zuletzt pro Jahr über 300.000 Euro, Geld für laufende Personal- und Unterhaltskosten. Um wenigstens keine roten Zahlen mehr zu schreiben, hätte sich die Besucherzahl laut Schätzungen aus dem Rathaus mehr als verdoppeln müssen.
Nach den Jahren der Corona-Einschränkungen lagen sie wieder bei rund 26.000 Menschen. Was für solche Einrichtungen weit abseits der Ballungszentren erfahrungsgemäß für gut gilt. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch, dass eine entscheidende Steigerung der Besucherzahlen eher illusorisch gewesen wäre.
Am 6. November 2022 standen die Pforten des Archäoparks zum letzten Mal offen
Womit die Schließung des Archäoparks eingeleitet war. Im Sommer 2022 teilte Niederstotzingens parteiloser Bürgermeister Marcus Bremer frustriert mit: „Die Grenzen der finanziellen Leistungsfähigkeit sind erschöpft, beziehungsweise kann der städtische Haushalt nicht auf Dauer den Abmangel beim Betrieb des Archäoparks Vogelherd decken.“
Es kam, wie es kommen musste. Am 6. November 2022 standen dessen Pforten dann zum letzten Mal offen. Letzte Versuche, vom Land Baden-Württemberg wesentliche Mittel für einen Weiterbetrieb zu bekommen, waren zuvor gescheitert.
Zuständig für Welterbe-Stätten ist in Stuttgart das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen. Kühl wurde damals beschieden, dass es sich beim Archäopark um eine kommunale Einrichtung handle. Weshalb es dem Ministerium von Gesetzes wegen gar nicht möglich sei, das Niederstotzinger Manko auszugleichen. Ein Kooperationsangebot zur Einrichtung eines landeseigenen Höhleninformationszentrums lehnte Niederstotzingen ab. Der Grund: Die Stadt hätte dabei immer noch das Park-Defizit tragen müssen.
Aktuell scheint das Ministerium mit diesem Thema abgeschlossen zu haben. Dort wird lapidar mitgeteilt: „Auch nach Schließung des Archäoparks gibt es weiterhin Möglichkeiten, die eiszeitlichen Funde im Land zu erleben und kennenzulernen. Objekte aus den Höhlen der Schwäbischen Alb werden im Stadtmuseum in Ulm, im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, im Museum der Universität Tübingen und im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart gezeigt.“ Des Weiteren wird darauf hingewiesen, es seien „verschiedene andere Vermittlungsangebote“ finanziell unterstützt worden – etwa das Einrichten von Themenwegen im Ach- und Lonetal.
Wie es scheint, hat der Bürgermeister seinen Frieden mit dem Scheitern des Archäoparks gemacht
In der Tat hat sich da etwas bewegt. Die Pfade werden als „Eiszeitspuren“ beworben. Niederstotzingens Bürgermeister Bremer lobt sie ausdrücklich. „Mit der Einführung der Themenwege im Ach- und Lonetal“, betont er, „wurde eine Infrastruktur geschaffen, die die Zugänglichkeit zum Welterbe für Einheimische und Besucher deutlich verbessert.“
Wie es scheint, hat der Kommunalpolitiker seinen Frieden mit dem Scheitern des Archäoparks gemacht. Offenbar soll nach vorne geschaut und das Vorhandene nicht schlecht geredet werden. Bremer sagt, das Welterbe sei „in seiner Funktion völlig intakt“. Der Titel hebe „den außergewöhnlichen, universellen und herausragenden Wert dieser einzigartigen Landschaft hervor“.
Einer zentralen Figur der ganzen Geschichte hängt die Misere des Parks aber noch ziemlich nach: Nicholas Conard, Professor für prähistorische Archäologie an der Uni Tübingen, aber auch wissenschaftlicher Direktor des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren. Ohne ihn würde es das Welterbe Eiszeitkunst und -höhlen gar nicht geben. Der Professor hat nicht nur viele der Ausgrabungen geleitet, bei denen spektakuläre Funde gemacht wurden. Er war ebenso der zentrale Antreiber auf dem Weg zum Titel.
Im einstigen Ausstellungs- und Bistro-Gebäude soll ein Kindergarten eröffnet werden
Conard redet von einer vertanen Chance, wenn es um den Archäopark geht: „Es wäre schön gewesen, wenn wir einen Weg zu seiner Rettung gefunden hätten.“ Er erinnert daran, dass im Hintergrund die weltweit „ersten Belege der Kunst und der Musik“ stünden.
Kurz vor dem Park-Ende hatte Conard noch einen internationalen Kreis von Archäologen versammelt, um vom Land mehr finanziellen Einsatz zu fordern. Er geht bis heute davon aus, dass Stuttgart die Mittel gehabt hätte, wenn bei den Verantwortlichen der Wille vorhanden gewesen wäre.
Trotz allem scheint es aber für den Archäopark eine Zukunft zu geben: als Kindergarten im einstigen Ausstellungs- und Bistro-Gebäude. Die Kleinen, heißt es in Verlautbarungen der Stadt Niederstotzingen, könnten sich dann mit der Eiszeit vertraut machen. Schätzungsweise dürfte dem Nachwuchs aber Eis am Stiel lieber sein.
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