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Wie eine Medizinstudentin dank einer App einem Mann das Leben rettete

Jenni Wieprecht mit ihrem Notfallset am Schlüsselbund: Einweghandschuhe und eine Maske für die Mund-zu-Mund-Beatmung.
Foto: Sarah Ritschel/Moritz Frankenberg, dpa
Ersthelfer-App

Medizinstudentin ist schneller als der Rettungsdienst – weil ihr Handy sie zu einem Mann mit Herzinfarkt lotste

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    Der kleine Fahrradparkplatz ist von der Straße aus schwer einsehbar. Er liegt inmitten einer Münchner Wohnanlage, üppig grüne Büsche verdecken die Sicht. Jenni Wieprecht ist zum ersten Mal zurück am Einsatzort von damals. Ihr Blick wandert aufs Pflaster zwischen den Rädern. „Da lag er.“ Offensichtlich kam der Mann vom Einkaufen, zwei prall gefüllte Taschen fielen zu Boden, als er in sich zusammensackte. Jenni Wieprecht, 27, war als eine der Ersten am Unglücksort und ist deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit verantwortlich dafür, dass der Patient heute lebt. Weil sie eine unscheinbare App auf dem Handy installiert hat: „Mobile Retter“.

    Die App richtet sich an ehrenamtliche Ersthelfer, die entweder selbst im medizinischen Bereich aktiv sind oder „Einsatzerfahrung“ haben. Wieprecht zum Beispiel ist Medizinstudentin und zudem bei der Wasserwacht. Sie trainiert regelmäßig ihre Erste-Hilfe-Fähigkeiten. Mittlerweile gibt es mehrere Apps, bei denen sich ehrenamtliche Fachleute wie sie anmelden können und bei einem Notfall von der Einsatzleitstelle informiert werden.

    Bei mehr als 3600 Einsätzen waren mobile Ersthelfer in die Rettung eingebunden

    In Bayern sind laut den beiden größten Alarmierungssystemen „Mobile Retter“ und „Region der Lebensretter“ immer häufiger solche digital verständigten Ersthelferinnen und -helfer im Einsatz. Im Jahr 2024 waren allein über diese beiden Anbieter bei 3.602 Einsätzen Freiwillige in Aktion – fast doppelt so häufig wie 2023. Die Retterinnen und Retter werden bei zwei sogenannten Meldebildern über die App alarmiert: Wenn jemand bewusstlos ist oder eine Reanimation benötigt. In München werden die App und ihre Nutzer von der Organisation „München rettet Leben“ betreut.

    Jenni Wieprecht erinnert sich noch genau an den Tag im April 2024. Sie hat damals Semesterferien. „Ich lag im Bett, habe mir irgendeine Serie angeschaut. Dann kam der Alarm über die App.“ Durch eine grobe Ortung des Handystandorts meldet sich das Programm nur bei Helferinnen und Helfern, die sich in der Nähe des Unglücksorts befinden. „Die App hat mir angezeigt, dass etwa 270 Meter von mir entfernt jemand Hilfe braucht. Ich habe mich ohne zu zögern entschieden, den Fall anzunehmen, bin in meine Schuhe geschlüpft und los.“ Sie hätte in der App auch auf „Ablehnen“ klicken könnten. Einen Notfall nicht anzunehmen, das betonen die Anbieter, hätte keinerlei Konsequenzen für den Ersthelfer oder die Ersthelferin.

    Bei Wieprechts Einsatz wählte ein Zeuge den Notruf, der den Zusammenbruch durchs Wohnungsfenster sah. Als sie ankommt, versucht ein Ehepaar schon, den Mann zu reanimieren. Sie übernimmt und startet mit der Herzdruckmassage. „Ich habe zwei bis drei Minuten gedrückt, dann kamen schon die Rettungskräfte. Trotzdem kam mir die Zeit ewig vor.“

    Erste Hilfe sollte regelmäßig geübt werden.
    Erste Hilfe sollte regelmäßig geübt werden. Foto: Katharina Kausche, dpa

    Dass per App alarmierte Ersthelfer schneller sind als jeder Notarzt, kommt regelmäßig vor. Zum Vergleich: Der reguläre Rettungsdienst braucht im bundesweiten Durchschnitt knapp neun Minuten, manchmal deutlich länger. Der App-Anbieter Mobile Retter hat für seine Ehrenamtlichen eine Zeit von durchschnittlich etwa vier Minuten berechnet. Er verweist auf eine Analyse des Bundesministeriums für Gesundheit, wonach „durch eine zügig eingeleitete Reanimation jedes Jahr mindestens 10.000 Menschen zusätzlich gerettet werden“ können.

    In Bayern sind drei Ersthelfer-Alarmierungssysteme verbreitet: Neben „Mobile Retter“ gibt es die Programme „Corhelper“ und „Region der Lebensretter“. Letzteres deckt ganz Schwaben mit einem Ersthelfernetz ab. Unterfranken, Niederbayern und das südliche Oberbayern sind bislang noch am schlechtesten vernetzt.

    Jenni Wieprechts Mobile-Retter-App löste noch ein zweites Mal Alarm aus

    In München erfährt Jenni Wieprecht damals noch von der Notärztin am Einsatzort, dass bei „ihrem“ Patienten der Verdacht auf einen Herzinfarkt vorliegt. Bevor der Mann in eine Klinik transportiert wird, ist sein Kreislauf schon wieder angesprungen. Obwohl die Studentin schon so oft Erste Hilfe trainiert hat, braucht sie selbst rund eine Woche, um den Einsatz zu verarbeiten. „Ich war froh, dass ich in diesem Moment einfach nur funktionieren konnte.“ Die psychologische Hilfe, die das Team von „München rettet Leben“ ihr danach anbietet, benötigt sie aber nicht.

    Seit ihrem Einsatz damals löste Wieprechts App noch ein weiteres Mal Alarm aus. Der vermeintliche Notfall stellte sich als harmlos heraus. Sie selbst schließt nun bald ihr Medizinstudium ab und möchte noch einen Appell loswerden: „Wenn der letzte Erste-Hilfe-Kurs im Rahmen des Führerscheins stattgefunden hat, empfehle ich jedem, ihn aufzufrischen“, sagt die Münchnerin. Sie fände es auch sehr sinnvoll, Erste-Hilfe-Maßnahmen an Schulen zu etablieren. „In die Schule muss jeder, und jeder sollte auch Erste Hilfe beherrschen.“

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