Fünf Menschen sind im Juni 2022 ums Leben gekommen, als ein Regionalzug bei Garmisch-Partenkirchen entgleist ist. Nahezu 80 wurden verletzt. Inzwischen steht fest: Das Unglück hätte vermieden werden können. Das wird in einem aktuell veröffentlichten internen Untersuchungsbericht der Bahn deutlich.
Nobert Moj, Sprecher von Pro Bahn Oberbayern, hat das Unglück aus seiner Perspektive und die Gründe über die Jahre hinweg analysiert. Er kommt zu dem Schluss, dass „die Bahn künftig ein ganz neues Sanierungskonzept benötigt, um solche Tragödien zu vermeiden“. Das gelte insbesondere für die Regionalstrecken. Verantwortlich sieht der Bahnexperte allerdings nicht die zuständigen Mitarbeiter vor Ort, sondern Politik und Bahnvorstände, deren Managementversagen am Ende Ursache für Sicherheitsmängel seien.
Kanzlei untersuchte Zugunglück von Garmisch drei Jahre lang
Denn große Teile des deutschen Schienennetzes sind sanierungsbedürftig. Besonders betroffen sind, das ist bekannt, Regionalbahnstrecken, vor allem auch in Bayern. Es gibt inzwischen dutzende Langsamfahrstrecken im Freistaat, die besonders seit dem Unglück von Garmisch-Partenkirchen verhindern sollen, dass es zu weiteren Unglücken kommt, bis saniert werden kann.
Die Ursache des Unglücks auf Höhe Burgrain waren dem Gutachten zufolge „schadhafte Betonschwellen“. Diese hätten „aufgrund von chemischen Reaktionen im Inneren des Stahlbetonkerns keine ausreichende Tragfähigkeit mehr aufgewiesen“, heißt es wörtlich. Drei Jahre hat die von der Bahn beauftragte Anwaltskanzlei Gleiss Lutz umfassend die Unfallursachen analysiert und die Verantwortlichkeiten über alle Ebenen hinweg aufgeklärt. Dafür wurden unter anderem Interviews mit mehr als 60 Personen geführt und rund zehn Millionen Datenpunkte systematisch ausgewertet.
Fehler an Schwellen hätten zu Sperrung führen müssen
Dabei stellte sich auch heraus, dass der zuständige Streckeninspekteur der Bahn erkannt hatte, dass „36 Schwellen der schlimmsten Fehlerstufen eins und zwei zugeordnet werden konnten“. Das hätte eigentlich zu einer Sperrung der Strecke führen müssen. Doch offenbar gab es eine zweite Mail, die diese erste Einschätzung abmilderte, sodass der Fahrbetrieb weitergehen konnte.
Bei der Bahn zeigt man sich über den Untersuchungsbericht zerknirscht. Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der DB InfraGO: „Dieses Ergebnis ist erschütternd und macht uns betroffen. Ich kann den Hinterbliebenen und Leidtragenden des Unfalls aber versichern, dass wir bereits umfassende Konsequenzen gezogen haben und noch ziehen werden.“
Experte nimmt Bahn-Angestellte vor Ort in Schutz
Und tatsächlich hat die Bahn zur Beseitigung der festgestellten Defizite bereits ein Projekt aufgegleist, das voraussichtlich Ende 2027 abgeschlossen sein soll. Es umfasst mehrere Bereiche. Dabei soll unter anderem die Organisation der Sicherheitsarchitektur mit neuen Berichtslinien und Kontrollkonzepten verbessert werden.
Norbert Moj von Pro Bahn sagt: „Ich will die Verantwortlichen vor Ort in Schutz nehmen. Sie waren einem extremen Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Sparzwang ausgesetzt. Aber die Rolle der Politik und auch der Vorstände bei der Bahn muss dringend noch genauer beleuchtet werden.“ Denn dem Untersuchungsbericht zufolge hatten die Fachabteilungen der Bahn bereits 2016 ein bundesweites Austauschprogramm bestimmter Schwellen empfohlen. Die zuständigen Netzmanager hätten dies aber abgelehnt.
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