Die Mutter liegt im Bett, ihr krankes Baby direkt neben ihr im Arm. Sie weint. Trotzdem winkt sie Lupine herein. Die so schillernd bunt gekleidete Clownin passt eigentlich überhaupt nicht in das bedrückende Ambiente dieses Krankenzimmers. Still bleibt sie neben dem Bett stehen. Dann beginnt sie ganz leise beruhigend mit Mutter und Kind zu sprechen und zieht wie nebenbei ein pinkfarbenes, ein grünes und ein blaues feines Tuch hervor und lässt alle zart in der Luft schweben. Die Augen des Säuglings verfolgen die farbigen Stoffe gebannt, ein Strahlen zeigt sich auf seinem Gesichtchen und seine Mutter beginnt, noch während ihr Tränen weiter übers Gesicht laufen, zu lächeln.
Klinik-Clowns: Manche Patienten brauchen Entspannung, andere etwas Mut
Lupine hat ihr Ziel erreicht. Die Frau mit der roten Clownsnase, der kurzen mit allerlei Spielutensilien vollgestopften grünen Hose, den lila Strümpfen und den Glitzerschuhen hat einen Moment der Leichtigkeit geschaffen. Genau um das geht es ihr und ihrem Kollegen „Dr. Schlaubi“. Die beiden Klinikclowns sind nicht auf die lauten Lacher aus, wenn sie wie an diesem Nachmittag die Kinderklinik der Universität Augsburg besuchen. Laut gelacht werden darf natürlich auch. Aber viel wichtiger ist es ihnen, den kranken Kindern und ihren Eltern genau das zu geben, was gerade nötig ist: den einen ein bisschen Leichtigkeit und Entspannung, den anderen ein bisschen Mut und ein bisschen Freude.
Wer die beiden Klinikclowns beobachtet, wie sie offensichtlich in jedem Krankenzimmer, das sie betreten, sofort spüren, welche Stimmung dort herrscht, obwohl sie keine detaillierten Kenntnisse über die Patienten haben, kann nur staunen. Aus dem Nichts verwandeln sie beispielsweise binnen Sekunden das Krankenzimmer eines jungen Mädchens in einen glamourösen Mode-Laufsteg, das einer Sechsjährigen in ein von Hunden und Hasen bevölkertes Kindertheater, und mit einer Elfjährigen machen sie mit Hilfe eines kleinen, roten Luftballons einfach Atemübungen, um die Angst vor der Operation zu dämpfen.
In jedem Krankenzimmer sind die jungen Patienten verzaubert, wirken die Eltern beim Anblick ihrer lachenden Kinder gelöster. Lupine alias Silke Kettner und „Dr. Schlaubi“ alias Markus Sedelmaier sind Profis, wenn es darum geht, im Schweren das Leichte zu finden.
„Ich habe von klein auf versucht, trotz allem auch das Leichte zu finden. Das war bei mir wie ein Naturtrieb.“
Markus Sedelmaier, Clown
Das Bedrückende kennt Markus Sedelmaier von Kindesbeinen an. Er wuchs in einer Familie auf, in der es Depressionen gab. „Und irgendwie habe ich von klein auf versucht, trotz allem auch das Leichte zu finden. Das war bei mir wie ein Naturtrieb.“ Es zog ihn früh auf die Bühne, er entdeckte für sich das Improvisationstheater und schon bald auch die Clownerie. In seiner Heimatstadt Augsburg gründete er eine eigene Clownsschule, die Antiheldenakademie. Und wie Silke Kettner ist auch er beim Verein der Klinik Clowns Bayern aktiv, der auf Spendenbasis arbeitet, Wert auf Professionalität der Clowns legt und ihnen daher auch eine Aufwandsentschädigung bezahlt.
Für Sedelmaier steht fest: „Clowns brauchen vor allem ein großes, offenes Herz und viel Empathie.“ Denn entscheidend für ihn ist die gute, ehrliche Verbindung zu den Menschen: „Wir wollen den Menschen schöne Momente schenken. Das ist bei den kranken Kindern und ihren Eltern in den Kliniken ebenso wie bei den Senioren in den Altenheimen, die wir ja auch besuchen.“
Clowns an der Kinderklinik Augsburg: Im zweiten Beruf ist Silke Kettner Försterin
Sedelmaier ist aber nicht nur Clown. Der 52-Jährige ist auch Logopäde. Auch Silke Kettner hat noch einen zweiten Beruf: Die 47-Jährige ist Försterin. Für die gebürtige Kölnerin die ideale Kombination: als Clownin geht sie aus sich heraus, liebt das spontane Spiel mit dem Gegenüber, das fröhliche Lostanzen und Losplaudern. Im Wald mit Hund Toni herrscht Ruhe.
Doch wie viel Clown leben sie in ihrem Alltag? Haben Clowns auch in ihrem Privatleben einen Blick auf das Leichte im Schweren? Die Frage ist spätestens seit dem Kinofilm „Vier minus drei“ spannend. Der Film basiert auf einer wahren Schicksalsgeschichte: Barbara Pachl-Eberhart verlor infolge eines Unfalls ihren Mann und beide Kinder. Sie arbeitete als Klinikclownin.
Viele haben ihre Kreativität, ihre Freude am Spiel vergessen
Sedelmaier hat den Film gesehen. Und ja, er findet schon, dass gerade Clowns eine gewisse Haltung zum Leben haben. Eine Haltung, die man nicht einfach ablegt, wenn die rote Clownsnase eingepackt ist. Auch Silke Kettner stimmt sofort zu: „Man braucht als Clownin eine bestimmte Grundhaltung im Leben.“
Eine Haltung, „die akzeptiert, was nicht zu ändern ist, die aber gleichzeitig für all das offen ist, was dennoch da ist“. Eine Haltung, bei der man sich das bewahrt, was viele im Lauf ihres Lebens leider vergessen oder vernachlässigen: ihre Kreativität, ihre Freude am Spiel, den Blick dafür, was noch alles da ist, wenn Schmerz, Krankheit, Tod das Leben zu bestimmen scheinen.
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