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Digitalisierung: Datenexpertin Mina Saidze will die Techwelt diverser und damit fairer gestalten

Digitalisierung

Datenexpertin Mina Saidze will die Techwelt diverser und damit fairer gestalten

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    Die Datenexpertin Mina Saidze ist eines der bekanntesten Gesichter der Techbranche Deutschlands.
    Die Datenexpertin Mina Saidze ist eines der bekanntesten Gesichter der Techbranche Deutschlands. Foto: Dagmara Musial

    Innerhalb weniger Sekunden von der kriminellen Ausländerin zur Celebrity aufgestiegen. So habe sie sich neulich an einem Berliner Flughafen gefühlt, sagt Mina Saidze, 29. Ein Beamter winkt sie wieder einmal zur Seite, bevor sie den Bereich der Sicherheitskontrolle verlässt. Ein kritischer Blick und die Ansage, ihre Tasche zu öffnen. Er schaut hinein, zieht ein Buch heraus. Auf dessen Cover ist das Foto einer jungen Frau zu sehen: lange dunkle Haare, dunkle Augen, roter Lippenstift. Sie blickt direkt in die Kamera.Der Beamte fragt: "Sind Sie das etwa?" Sie bejaht, das Buch erscheine aber erst in ein paar Tagen. Ein anerkennender Blick. Der restliche Inhalt der Tasche interessiert den Mann nicht mehr. 

    Danach schlägt sie scherzhaft bei ihrem Verlag vor, ihr eine weitere Ladung Exemplare ihres Buchs zu schicken. Für Sicherheitskontrollen – und andere Situationen, in denen es eine Rolle spielt, dass man ihr die nicht deutschen Wurzeln ansieht oder ihr Nachname darauf hinweist. 

    Noch ist es ein Mensch, der Saidze am Flughafen kontrolliert und für verdächtig hält. So einen Job kann aber schon bald künstliche Intelligenz übernehmen. Statt Vorurteilen, persönlichen Sympathien und Emotionen könnten dann Maschinen entscheiden, wessen Gepäck genauer untersucht wird. Doch sorgt KI wirklich dafür, dass es fairer zugeht?

    Saidze gründete europaweit die erste Beratungsorganisation für Diversität in der Techbranche

    Genau dafür ist Mina Saidze Expertin. Sie ist die Gründerin der europaweit ersten Lobby- und Beratungsorganisation für Diversität und Inklusion in der Techbranche und KI-Ethik. An diesem Freitag erscheint ihr erstes Buch "FairTech – Digitalisierung neu denken für eine gerechte Gesellschaft". Darin beschreibt sie, dass die Digitalisierung häufig auch Grenzen schaffe und Ungerechtigkeit produziere. Etwa wenn ein Mensch im Bewerbungsprozess aufgrund seines ausländisch klingenden Namens, seines Geschlechts oder körperlicher Merkmale wie einer dunkleren Hautfarbe aussortiert werde. Von einer künstlichen Intelligenz, die dem Menschen helfen sollte, objektive Entscheidungen zu treffen. 

    Mina Saidze schreibt in ihrem Buch, dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz häufig auch für Ungerechtigkeit verantwortlich sind.
    Mina Saidze schreibt in ihrem Buch, dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz häufig auch für Ungerechtigkeit verantwortlich sind. Foto: Dagmara Musial

    Doch häufig werden KI-Systeme mit sehr ähnlichenBildern gefüttert, um sie zu trainieren: Mehrheitlich sind darauf weiße Menschen – meist Männer – zu sehen. Die KI arbeitet dann aber nicht frei von Vorurteilen und Stereotypen – diese werden zur Basis ihrer Entscheidungen.

    Mina Saidze: "Ich habe mich gefühlt wie ein Ausreißer in einem Datensatz"

    Saidze ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Als Tochter politischer Aktivisten aus Afghanistan lernte sie schon früh, zu äußern, wenn ihr etwas nicht gefiel. Ungerechtigkeiten in der Schule sprach sie an. Mina Saidze sagt, sie habe einfach nicht reingepasst. "Ich habe mich häufig gefühlt wie ein Ausreißer in einem Datensatz." Eine alleinerziehende Mutter, die Deutsch mit Akzent spricht. Das nicht mitteleuropäische Aussehen. Klamotten ohne Marke und kein "Tennisplatz-Netzwerk", wie sie sagt. 

    Heute ist sie froh darüber, nicht reingepasst zu haben. Das habe sie angespornt, dranzubleiben an den Dingen, die ihr wichtig waren. Zum Beispiel, andere Menschen zu unterstützen. Nach einem Jahr Studium der Sozialwissenschaften merkte sie aber: Es ist vor allem die Arbeit mit Daten und Statistiken, die sie Buch um Buch lesen lässt. Schließlich studierte sie Volkswirtschaftslehre und brachte sich das Programmieren selbst bei. Nach dem Studium wechselte Saidze in die Techbranche. Inzwischen arbeitet sie für namhafte Organisationen im Bereich Datenanalyse und künstliche Intelligenz. 2021 wählte das Wirtschaftsmagazin Forbes sie zu den 30 einflussreichsten Talenten in der Techbranche unter 30 Jahren. 

    Digitalisierung und künstliche Intelligenz sollen für alle verfügbar sein

    Saidze ist wichtig, in ihrem Buch zu zeigen, dass es essenziell ist, Technologie und damit auch künstliche Intelligenz für alle verfügbar zu machen. Damit Digitalisierung kein Trendthema bleibt, das einer bislang hauptsächlich männlichen Elite vorenthalten ist.

    Techkonzerne sollten laut Saidze nicht nur auf Zahlen, Codes und Statistiken stieren, sondern Menschen in den Mittelpunkt rücken, denen durch künstliche Intelligenz geholfen werden könnte. Etwa in der Medizin, wenn künstliche Intelligenz beispielsweise Krebs schneller diagnostiziert. 

    Sie möchte Brücken bauen zwischen Menschen und der Technik und Wissen demokratisieren. Deshalb hat sie in ihrem Buch bewusst auf Fachsprache verzichtet. Sie sagt: "Wir müssen Sprache verwenden, die über die akademisierte Blase hinausgeht." Als sie ihrem Verlag ihr Exposé geschickt habe, sei die erste Reaktion gewesen: Digitalisierung und künstliche Intelligenz? Komplizierte Themen. Nachdem sie die erste Leseprobe eingereicht hatte, war klar: KI geht auch leicht verständlich. In diesem Jahr hat sie ihr Buch auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. 

    Mina Saidze: "Deutschland ist ein digitales Hinterland"

    Mina Saidze bezeichnet Deutschland als "digitales Hinterland". Sie sagt, die Deutschen seien von der Angst vor KI gelähmt. Das müsse sich ändern. Etwa dadurch, dass Wissensvermittlung schon an den Schulen beginne. Sie fordert das Schulfach Digitale Datenkunde sowie den Pflichtkurs Datenanalyse an Universitäten. 

    Die Techbranche gilt als jung und innovativ, aber sie ist vor allem eines: männlich. Saidze hält es für überfällig, Frauen für die Techbranche zu gewinnen. Bislang arbeiten in Deutschland nur 17 Prozent Frauen in IT-Berufen. Als Frau mit Migrationshintergrund gilt Mina Saidze ohnehin als Ausnahme. Saidze sagt, wenn Frauen nicht an der Entwicklung von Technik und künstlicher Intelligenz beteiligt seien, könne KI auch nicht fairer werden. "Nur durch eine inklusive und vielfältige Gesellschaft können wir das volle Potenzial der digitalen Revolution entfesseln und eine bessere Zukunft gestalten." 

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