Tag der Deutschen Einheit: Zeitzeuge spricht über DDR-Aufstand 1953
Tag der Deutschen Einheit
„In der Stadt ist der Teufel los“: Dillinger war 1953 Zeitzeuge des Arbeiteraufstands in der DDR
Hans-Georg Herkner lebte damals in Weimar. Der 85-Jährige hat den Widerstand hautnah mitbekommen. Wie er heute auf den Tag der Deutschen Einheit blickt.
Der Arbeiteraufstand in der DDR: Demonstranten warfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen auf sowjetische Panzer. Foto: dpa
„Ich werde hier in Dillingen wohl noch einer der letzten Zeitzeugen sein, die das miterlebt haben“, sagt Hans-Georg Herkner. Der 85-Jährige wurde mit 13 Jahren Zeuge des Arbeiteraufstands in der DDR im Jahr 1953. Bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990 war der 17. Juni Nationalfeiertag in der Bundesrepublik. Anlässlich des 35. Jahrestags der Deutschen Einheit an diesem Freitag, 3. Oktober, erinnert sich Herkner an die Ereignisse von damals. Der Dillinger erzählt von der Zeit, als Deutschland noch geteilt war. Dabei schildert der Senior, wie er damals in Ost- und Westdeutschland lebte. Und wie er die Bedeutung des anstehenden Feiertags heute sieht.
Von der Flucht aus dem Sudetenland zum Leben in der DDR
Geboren ist Herkner im Sudetenland. In seinen jungen Jahren sei er mit seiner Familie vertrieben worden. Zu Fuß ging es für sie nach Deutschland: erst Zittau, dann nach Erfurt. „Der Marsch nach Dresden war ganz grausam“, weiß Herkner noch. Genauer könne er sich an den Fußmarsch heutzutage nicht mehr erinnern. Letztendlich blieb die Familie in Erfurt, da die Eisenbahn kaputt war. „Wir wollten in die Westzone. Wir wussten alle, dass es überall besser war als in der russischen Besatzungszone. Doch das wurde uns genommen, deshalb mussten wir in der DDR Fuß fassen“, blickt der Dillinger zurück.
Hans-Georg Herkner stammt aus dem früheren Sudetenland und verbrachte einige Jahre in der ehemaligen DDR. Für den Dillinger ist der Tag der Deutschen Einheit etwas Wichtiges, er erinnert dabei auch an den früheren Nationalfeiertag 17. Juni. Foto: Natalia Götz
Fuß gefasst hatten Herkner und seine Brüder in Weimar. Er erzählt vom Alltagsleben – von seiner Ausbildung in der DDR bei der Post, Filmen aus dem Westen, die beim Kino-Veranstaltungen heiß begehrt waren, und politischen Meinungen, die nur innerhalb der Familie ausgetauscht werden durften. Zu groß war die Angst vor den Spitzeln der Staatssicherheit. Lebensmittelkarten habe es bis in die 1950er Jahre gegeben: „Die Magermilch, die ist ständig angebrannt, wenn man sie gekocht hat“, erzählt Herkner.
Hans-Georg Herkner erlebte den Arbeiteraufstand 1953 als Kind in Jena
Zu dieser Zeit habe es wenig zu essen gegeben, so Herkner, sodass die Kinder Vitaminmangelerscheinungen gehabt hätten. „Mein Bruder war immer sehr krank, deshalb ging unsere Mutter jedes viertel oder halbe Jahr mit ihm in die Klinik nach Jena.“ Auf die Ausflüge in die Stadt habe er sich als Junge immer gefreut, sagt Herkner. Dort gab es ein altertümliches Hallenbad, in welchem der damals 13-Jährige viel Zeit verbrachte.
Die Wiedervereinigung Deutschlands wurde am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag in Berlin gefeiert. Foto: Jörg Schmitt, dpa (Archivbild)
Am frühen Morgen des 17. Juni 1953 weckte ihn seine Mutter mit den Worten: „In der Stadt ist der Teufel los.“ Weiter erzählt Herkner, dass der große Arbeiteraufstand erst gar kein politischer Aufstand war, doch schon bald zu einem wurde. „Die Polizei ist mit langen Unterhosen und mit Badekappen auf den Köpfen mit dem Aufstand mitmarschiert, sie haben mit ihren Gewehren in die Luft geschossen“, schildert Herkner die Situation. Seine Mutter habe Angst gehabt, dass der Zug zurück nach Weimar nicht fahren würde. Diese Sorge stellte sich aber als unbegründet heraus und die Familie kehrte zurück nach Weimar, wo es keinen Arbeiteraufstand gegeben hatte. Nur in den größeren Städten sei es zu den Unruhen gekommen. „Am dritten Tag kamen dann die Russen, die den Aufstand niedergeschlagen haben. Das größte Massaker war in Berlin.“
„Der goldene Westen war nicht so goldig, wie man meinte“
Von 1946 bis 1956 lebte Herkner in der DDR, ehe er einen Antrag stellte, mit seinem Fahrrad in den Schwarzwald fahren zu dürfen. Da er zu dem Zeitpunkt ein junger Mann war, wurde ihm das gewährt. „Die dachten sich, dass ich schon zurück zu meiner Mutter gehen würde“, erklärt Herkner. Mit seinem Facharbeiterbrief kam der Weimarer somit in den Westen, wo seine Ausbildung in Nürnberg nicht anerkannt wurde.
Der junge Mann arbeitete zuerst bei einem Bekannten seines Vaters bei der Firma Grundig, wo er nach zwei Jahren zum Rundfunkmechaniker umgeschult wurde. „Und dann war ja schon der Mauerbau. Vom Osten konnte man nicht mehr gefahrlos in den Westen.“ Zwar habe er in der Bundesrepublik schnell eine Arbeitsstelle bekommen, wie Herkner berichtet. Doch „der goldene Westen war nicht so goldig, wie man meinte. Arbeit hat man sofort bekommen, aber keine Wohnung und man hat nur wenig Geld bekommen.“ Letztendlich bezog Herkner mit seiner Familie eine Sozialwohnung in Fürth. Später lernte er seine Frau – eine Dillingerin – kennen.
Die Deutsche Einheit ist dem Zeitzeugen Hans-Georg Herkner wichtig
Seitdem ist Herkner mit seinem Wohnwagen viel in der Welt umhergereist: nach Litauen, Polen und Italien. Der 3. Oktober und der Tag der Deutschen Einheit seien ihm „sehr, sehr wichtig“. Wohingegen er es schade finde, dass in Deutschland nicht viele Personen von dem Arbeiteraufstand 1953 wüssten.
Die Wiedervereinigung Deutschlands vor 35 Jahren wurde auch im Landkreis Dillingen mit mehreren Veranstaltungen gefeiert. Foto: Berthold Veh
Es sei wichtig, dass Deutschland wieder zusammen gekommen sei, und dass der Osten und Westen sich gegenseitig wieder wahrnehmen. „Wenn du da drüben in der DDR etwas Kritisches gesagt hast, wurdest du direkt eingesperrt. Jetzt kann man frei sagen, was man denkt – ohne große Konsequenzen“, schlussfolgert Herkner. Das sei eines der wichtigsten Güter einer Demokratie.
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