Mit Zeitung verklebte Schaufenster, leere Ladenflächen: Die Bahnhofstraße gilt schon länger als das Sorgenkind in der Friedberger Altstadt. Vor dreieinhalb Jahren wurde die ehemalige Haupteinkaufsstraße nach einer teuren Sanierung wiedereröffnet, trotzdem herrscht dort mit Blick auf die Geschäftswelt im südlichen Teil immer weniger Leben. Erst letztes Jahr mussten ein Optikergeschäft und der „Teegarten“ schließen. Wo liegt das Problem und was kann laut Geschäftsleuten und Anwohnern helfen?
Patrick Gruner wohnt seit seiner Kindheit in der Bahnhofstraße. „In den 70er-Jahren war sie die Haupteinkaufstraße in Friedberg. Jedes Geschäft war besetzt“, erinnert sich der 63-Jährige. Von Lebensmittelläden über Elektro- und Haushaltswaren bis hin zur Kneipe sei alles vorhanden gewesen. Seitdem habe sich viel verändert: In der südlichen Bahnhofstraße wurden viele Läden zu Wohnungen umgestaltet. Dass die Wohnhäuser zugunsten von Geschäften rückgebaut werden, hält Gruner heute aber für unwahrscheinlich: „Die Einkaufsstadt war ein Phänomen des 20. Jahrhunderts.“
Die Sanierung der Friedberger Bahnhofstraße brachte nicht den gewünschten Effekt
Daran konnte auch die aufwendige Sanierung nichts ändern. Gruners Bruder Mathias Gruner, der seit mehr als 35 Jahren das gleichnamige Juweliergeschäft in der Bahnhofstraße führt, äußerte sich vor gut drei Jahren gegenüber unserer Zeitung noch zuversichtlich, dass nach der Wiedereröffnung wieder mehr Kundschaft den Weg in die Bahnhofstraße finden würde. Heute sagt er: „Die Belebung hat nicht stattgefunden.“ Dennoch sieht er darin kein Problem, das speziell Friedberg betrifft. Die Ursache liege vielmehr in den veränderten Verbrauchergewohnheiten, die der zunehmende Onlinehandel schafft. Der Goldschmiedemeister hat sich auf Auftragsarbeiten spezialisiert – ein Glück, wie er sagt: „Meine Serviceleistung kann man nicht im Internet kaufen.“
Auch Willi Weißgerber, dessen Altstadtcafé am Eck Ludwigstraße-Bahnhofstraße liegt, sieht die Geschäfte vor Ort angesichts der Übermacht des Onlineangebots unter Druck: „Immer alles verfügbar zu haben, das kann der familiengeführte, stationäre Einzelhandel nicht bieten“, sagt Weißgerber. Das erlebte er selbst: 2015 öffnete seine Frau Mirjam ein Geschäft mit „Kleinigkeiten“ in der Bahnhofstraße, 2019 musste es schließen. Schuld seien auch die Internetbestellungen gewesen: Wenn etwas nicht gleich in der Ladentheke lag, hätten sich viele Kundinnen stattdessen zuhause an den PC gesetzt. Heute locke die Gastronomie wie sein Altstadtcafé das Publikum für den Einzelhandel an, nicht mehr umgekehrt.
Konditor Weißgerber: Pop-Up-Stores könnten Leben in die Bahnhofstraße bringen
Wie können sich also attraktive Läden wieder dauerhaft in der Bahnhofstraße halten? Weißgerber schlägt vor, Kleinunternehmer bei der Gründung von sogenannten „Pop-Up-Stores“ folgenderweise zu unterstützen: Die Stadt könnte für vielversprechende Jungunternehmer vorübergehend, etwa für ein halbes Jahr, den Großteil der Miete übernehmen. Dadurch verringere sich das Risiko für die Neugründungen. „So könnte sich eine neue Szene an Einzelhändlern und Dienstleistern etablieren“, sagt der Konditormeister.
Patrick Gruner hält das für ambitioniert: Für eine nachhaltige Entwicklung müssten vor allem die Hauseigentümer an einem Strang ziehen. Einige würden längst nicht mehr in Friedberg leben. Auf Anfrage teilt Pressesprecher Frank Büschel mit: „Die Stadt macht sich angesichts der Leerstände natürlich Gedanken und führt zahlreiche Gespräche, inwieweit sie mit ihren Mitteln und Möglichkeiten unterstützen kann.“ Die Förderung im Einzelfall sei derzeit aber nicht auf der Agenda.
Mathias Gruner sieht die Hausbesitzer eher in der Verantwortung als die Stadt. „Im oberen Teil der Straße sind meist die Mieten zu hoch, im unteren Drittel sind viele Läden sanierungsbedürftig.“ Er setzt auf Beratung, die erfahrene Einzelhändler Neugründerinnen und -gründern bieten sollten: „Es braucht ein gutes Konzept, das gefragt ist“, sagt Gruner. Also eine Idee, die den Menschen beim Stadtbummel durch Fachkompetenz einen Vorteil gegenüber dem Onlinegeschäft verspricht und zugleich Leben in die Innenstadt zieht.
Juwelier Gruner: Einzelhandel muss mit Onlineangebot konkurrieren können
Für Michael Schmitz, Innenstadtkoordinator des Aktivrings und Geschäftsführer von Kini Hören, sind ähnliche Stellschrauben wichtig: „Mit Eigentümern sprechen, Mieten erfassen, Startups subventionieren und Bürokratie abbauen“, betont er. Denn Denkmal- und Brandschutzverordnungen führten zu hohen Renovierungskosten und teuren Mieten. Natürlich habe es Friedberg nicht leicht mit Augsburg vor der Tür, meint Weißgerber. Die große Stadt ziehe eben Kaufkraft ab. Aber Friedberg habe dennoch Potenzial: „Warum werden wir nicht das schöne Wohnzimmer von Augsburg?“, schlägt er vor.
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