In der Pflege sind dringend Reformen nötig. Das ist schon länger klar. Bereits Anfang 2025 hatte die Finanznot ein neues Ausmaß angenommen. Durch einen speziellen Ausgleichsfonds musste erstmals eine Pflegekasse vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet werden – und das, obwohl der Pflegebeitrag erst kurz zuvor im Januar 2025 um 0,2 Prozentpunkte erhöht wurde. Nun, ein Jahr später, hat sich die Lage kaum verändert. Zumindest lässt das die dringliche Warnung von Oliver Blatt, Chef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), vermuten.
Im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärte Blatt, dass 2026 mehreren Pflegekassen die Zahlungsunfähigkeit drohen könnte. Zudem würden dem studierten Volkswirt und Pflegeexperten zufolge ohne ernsthafte und durchgreifende Reformen ab 2027 nicht nur in der Krankenversicherung Beiträge von durchschnittlich 18 Prozent drohen. In der Pflege könnte eine große Finanzierungslücke entstehen, die durch eine Beitragserhöhung gestopft werden müsste.
GKV-Chef fordert schnelle politische Entscheidungen: „Die Brisanz der Lage ist immer noch nicht allen Beteiligten klar“
An besagten Reformen wird bereits gearbeitet. Dazu hat die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ ihre Ergebnisse laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) Mitte Dezember 2025 vorgestellt. „Untätigkeit ist keine Option mehr“, sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) demnach insbesondere in Bezug auf die finanzielle Lage der Pflegeversicherung. Die Reformvorschläge kamen allerdings laut der Deutschen Presseagentur (dpa) nicht nur gut an. Der Ergebnisbericht beschreibe zwar Probleme in der Pflege klar, bliebe bei den Lösungen aber unverbindlich, sagte etwa Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen.
Auch Oliver Blatt beschrieb die Ergebnisse gegenüber dem RND als „enttäuschend“. „Ich habe den Eindruck, die Brisanz der Lage ist immer noch nicht allen Beteiligten klar“, sagte der GKV-Chef. Was er damit meint: „Die Pflegeversicherung lebt auf Pump, mit Darlehen des Bundes in Höhe von mittlerweile 4,2 Milliarden Euro.“ Das decke 2026 zwar annähernd das Defizit in der Pflege ab – „allerdings nur rein rechnerisch“. Die Finanzierung sei „derart auf Kante genäht“, dass der Spitzenverband nicht nur befürchtet, sondern davon ausgeht, dass einzelne Pflegekassen im Jahr 2026 Liquiditätshilfen benötigen werden.
Das zeige, wie groß der Reformbedarf sei, sagt Blatt. Der „Hammer“ folge allerdings erst, wenn die Rücklagen und Kredite aufgebraucht seien. Dann müssten die weiter steigenden Ausgaben nämlich irgendwie bezahlt werden – womöglich aus dem Geldbeutel der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler. Denn ohne Reform entsteht dem GKV-Chef zufolge ab 2027 eine Finanzierungslücke, die rund 0,3 Beitragssatzpunkten entspricht. Ihre Leistungen kann die Pflegeversicherung aktuell also gar nicht nachhaltig finanzieren.
Neue Definition von Pflegebedürftigkeit gefordert: Wer soll künftig noch einen Pflegegrad bekommen?
Trotzdem lehnt Blatt nicht alle Vorschläge der Bund-Länder-Arbeitsgruppe ab. Der GKV begrüße etwa, dass die Voraussetzungen für die Anerkennung einer Pflegebedürftigkeit sowie die Beantragung eines Pflegegrads überprüft werden sollen. Die Reform von 2017 – als ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, der insbesondere Menschen mit Demenz einschließen sollte, sowie die Pflegegrade von 1 bis 5 eingeführt wurden – sei „sehr großzügig gestaltet“ worden.
Seitdem habe „sich die Zahl der Pflegebedürftigen in etwa verdoppelt, von drei auf fast sechs Millionen“. Das sei nicht auf die Alterung der Gesellschaft, sondern viel mehr auf die damalige Gesetzesänderung zurückzuführen. „Wir dürfen das nicht mehr so laufen lassen“, sagte Blatt dem RND. Gerade bei einem solidarischen System müsse darauf geachtet werden, dass diejenigen, die Hilfe bekommen, auch wirklich darauf angewiesen sind. Angesichts der angespannten finanziellen Situation sei das umso dringlicher.
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