Viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen, aber auch von ambulanten Pflegediensten versorgt. Ohne sie würde die Pflege nicht funktionieren. Durch den Iran-Konflikt und die in diesem Zusammenhang stark gestiegenen Spritpreise steht die Branche aber vor einem Problem.
Trotz Waffenruhe und einem laut NBC Newsnur kurzfristigen Einbruch der Ölpreise auf dem Weltmarkt bleibt die Lage Stand 10. April 2026 sehr volatil. An den Tankstellen bewegt sich der Spritpreis laut NDR weiterhin in der Über-zwei-Euro-Sphäre – auch wenn dieser seit 1. April nur noch einmal am Tag um 12 Uhr erhöht werden darf.
Die weitere Entwicklung in der Krise bleibt abzuwarten. „Der Waffenstillstandsprozess ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Wir sind noch weit von einem Abkommen entfernt, und erhebliche Rückschläge sind jederzeit möglich“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille in der Bundespressekonferenz am 8. April in Berlin. Zudem sei auch bei positiver Entwicklung nicht mit einer schnellen Absenkung der Spritpreise zu rechnen. Wie stark belastet das ambulante Pflegedienste – und gibt es Lösungen?
Hohe Spritpreise, ein Problem in der Pflege? So gehen ambulante Dienste damit um
Bereits kurz nach Beginn des Irankriegs am 28. Februar 2026 meldete sich der Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad) zu Wort und warnte vor einer zunehmend kritischen Situation für die ambulante Pflege. Die Spritpreisentwicklung treffe die Pflegedienste „mit voller Härte“, erklärte Verbandsvorsitzender Andreas Kern.
Damit die Versorgung pflegebedürftiger Menschen sichergestellt bleibt, könnten diese nicht weniger Auto fahren oder alternative Transportmittel nutzen. Jede weitere Preissteigerung zwinge die Anbieter dazu, „Gelder einzusetzen, die durch die mit den Kostenträgern vereinbarten Vergütungen nicht refinanziert sind“, sagte Kern.
Wie der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der bundesweit rund 700 Pflegeeinrichtungen vertritt, auf Anfrage mitteilte, versorgt eine Pflegekraft im ambulanten Dienst pro Tag durchschnittlich etwa zehn bis 20 Patientinnen und Patienten. Dabei würden sie häufig Strecken von 25 bis 40 Kilometern zurücklegen, in ländlichen Regionen auch deutlich mehr. Ähnliche Zahlen hat das Bayerische Rote Kreuz (BRK) unserer Redaktion gemeldet: Im Schnitt besuche eine Pflegekraft dort zwölf bis 14 pflegebedürftige Menschen pro Tag und lege dabei zwischen 60 und 95 Kilometer zurück. Heißt in beiden Fällen: Das Auto ist „ein zentrales Arbeitsmittel der ambulanten Pflege“, wie auch Dr. Uwe Martin Fichtmüller, Hauptgeschäftsführer des ASB-Bundesverbands, unserer Redaktion erklärte.
Beim BRK liegt „der Anteil der Treibstoffkosten an den Gesamtkosten eines ambulanten Pflegedienstes durchschnittlich bei etwa drei Prozent“, sagte Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. Das sind die Zahlen von vor der Krise. Die höheren Spritpreise seien damit spürbar, würden sich „aktuell [Anm. d. Red.: Stand Ende März 2026] aber noch eher begrenzt“ auswirken. „Sorge bereitet vor allem, wenn sich diese Entwicklung über längere Zeit fortsetzen und sich die allgemeine Inflation weiter verschärfen sollte“, erklärte Taheri-Sohi.
Ähnlich sieht es auch bei der Diakonie Bayern aus. Natürlich würden sich die Auswirkungen der gestiegenen Spritpreise bei den ambulanten Pflegediensten bemerkbar machen, bisher gebe es aber noch kein „Alarmsignal“, sagte Diakonie-Sprecher Daniel Wagner auf Nachfrage. Bleibt der Spritpreis allerdings dauerhaft erhöht, wäre das schwierig und man müsste Lösungen finden, damit die pflegerische Versorgung weiterhin gewährleistet ist.
Die Sorge beim ASB ist schon jetzt größer. In der Pflege sei Mobilität eine Voraussetzung für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Die gestiegenen Spritpreise würden ambulante Pflegedienste daher unmittelbar treffen, sich direkt auf deren Wirtschaftlichkeit auswirken und die Betriebskosten spürbar erhöhen. „Anders als in vielen anderen Branchen können Preissteigerungen nicht kurzfristig kompensiert werden“, stellte ASB-Chef Fichtmüller klar. Die Vergütungssätze werden nämlich mit den Kostenträgern verhandelt, sodass auf aktuelle Entwicklungen häufig nicht dynamisch genug reagiert werden könne.
Hohe Spritpreise in der Pflege: Werden die Kosten an die Pflegebedürftigen weitergegeben?
Pflegebedürftige müssen sich aufgrund der hohen Spritpreise aktuell keine Sorgen um steigende Kosten für ihre ambulante Versorgung machen. Dass diese vorerst nicht weitergegeben oder umgelegt werden, geht aus den Antworten des ASB, des BRK und der Diakonie hervor. Auch auf die Versorgung selbst hat der Iran-Konflikt und die Spritpreissteigerung laut dem BRK aktuell keine Auswirkungen. „Die pflegerische Betreuung der Patientinnen und Patienten ist weiterhin sichergestellt und nicht beeinträchtigt“, sagte Taheri-Sohi.
Ambulante Pflegedienste finanziell entlasten: Gibt es Lösungsansätze für die Spritpreis-Problematik?
Anfang April 2026 forderte der bad-Verband in einer Mitteilung politische Lösungen, um ambulante Pflegedienste finanziell zu entlasten. Dazu würden aktuell „viele verschiedene Ansätze diskutiert“ werden. Konkret forderte der Verband, die Tankkosten für Pflegeeinrichtungen auf das Vor-Kriegsausbruch-Niveau zu deckeln. Möglich gemacht werden solle das mit einer schnellen und unbürokratischen Direktauszahlung an die Pflegedienste. Hier sei laut bad der Bundesgesetzgeber gefragt, „unverzüglich tätig zu werden“.
Auch der ASB sieht den Gesetzgeber in der Verantwortung, für eine verlässliche und solidarische Finanzierung der Pflege zu sorgen. Hauptgeschäftsführer Fichtmüller stellte gegenüber unserer Redaktion klar: „Pflege ist Teil der Daseinsvorsorge und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zusätzliche Kosten, etwa durch steigende Energiepreise, dürfen weder auf Pflegebedürftige noch auf die ambulanten Dienste abgewälzt werden.“
Aber: Wann und ob es eine politisch gesteuerte Entlastung wegen der hohen Spritpreise geben wird, wird sich zeigen. Wie der Tagesspiegel berichtet, versicherte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 9. April zwar, dass die Regierung „die hohen Kosten im Blick“ habe und gegebenenfalls mit Entlastungen reagieren würde, wenn die Spritpreise weiter und dauerhaft deutlich steigen, aber vorerst solle man nicht mit kurzfristigen Entscheidungen rechnen.
Eine andere Option: Auch über eine Erhöhung der Anfahrtspauschale, die ambulante Pflegedienste unabhängig von der tatsächlich gefahrenen Strecke erhalten, könnte laut Diakonie-Sprecher Daniel Wagner nachgedacht werden. Die Pauschale liege aktuell je nach Region bei ungefähr 7,50 Euro und sei schon einmal temporär angehoben worden – nämlich als es durch den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu einer vergleichbaren Spritpreissituation gekommen sei. Eigentlich wird die Vergütung von Pflegediensten mit den Kostenträgern nur einmal im Jahr ausgehandelt, damals wurde aber aufgrund der angespannten Lage nachverhandelt. Das Ergebnis: Die Anfahrtspauschale wurde Wagner zufolge von 1. Juli bis 31. Dezember 2024 um rund acht Prozent erhöht. Das wäre auch jetzt „ein denkbarer Weg“, erklärte der Diakonie-Sprecher unserer Redaktion.
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