In Deutschland gibt es knapp 5,7 Millionen Menschen, die als pflegebedürftig gelten, Tendenz laut Statistischem Bundesamt steigend. Gleichzeitig gibt es immer weniger Pflegekräfte: Sie wechseln die Branche und zu wenig neue Fachkräfte kommen nach. Die Folge: Die Pflege steckt in einer tiefen Krise. Deren Bewältigung ist eine „Mammutaufgabe“ für Politik und Gesellschaft. Aber was ist eigentlich der Grund dafür, dass Pflegekräfte den Job verlassen und in andere Berufszweige wechseln? Die Antwort auf diese Frage ist vielschichtig und überrascht in mancher Hinsicht.
Pflege in der Krise: Zu wenig Pflegekräfte obwohl der Bedarf steigt
Laut dem Statistischen Bundesamt könnten bis im Jahr 2049 bis zu 690.000 Pflegekräfte fehlen. Und gegenübergestellt: Die Zahl der Menschen mit Pflegebedarf könnte im selben Jahr demnach bei 6,7 oder 7,5 Millionen liegen. In ganzen Landstrichen könnte deshalb in Zukunft das nötige Pflegepersonal fehlen. Diese alarmierende Prognose führt immer wieder dazu, dass Experten eine umfassende Pflegereform fordern.
Als Lösung werden seit Jahren Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben. Laut der Bundesagentur für Arbeit wächst die Pflegebranche seit 2022 ausschließlich durch internationale Zuwanderung; die Zahl der deutschen Pflegekräfte in Krankenhäusern stagniert dagegen, nimmt in einigen Bereichen sogar ab. Aber warum ist das so?
Übrigens: Viele ausländische Pflegekräfte müssen trotz Personalmangels monatelang auf ihre Anerkennung warten.
Analyse: Warum verlassen so viele Pflegekräfte den Job?
Die Online-Plattform Pflegia, ein Jobportal für Pflegekräfte, hat im Oktober 2025 dazu eine umfassende Analyse veröffentlicht. Dafür wurden anonymisierte Daten von mehr als 100.000 aktiven Pflegekräfte-Kandidaten ausgewertet, die sich zwischen dem 20. September 2024 und dem 20. September 2025 auf der Plattform Pflegia eingeloggt oder registriert haben. Dabei zeigte sich ein überraschendes Phänomen.
Paradox: Mehr zufriedene Pflegekräfte verlassen den Job
Die Analyse der Daten zeigt ein überraschendes Phänomen: Mehr zufriedene als unzufriedene Pflegekräfte suchen aktiv nach neuen Jobs. Demnach gaben 32 Prozent der Jobsuchenden an, zufrieden bis sehr zufrieden mit ihrem aktuellen Arbeitgeber zu sein, während nur 29 Prozent unzufrieden sind. 39 Prozent stehen neutral zu ihrem derzeitigen Arbeitsplatz.
Als „grundlegenden Wandel im Pflegemarkt“ bezeichnet Pflegia-Geschäftsführer Felix Westphal diese Beobachtung: „Pflegekräfte suchen nicht mehr nur aufgrund von Unzufriedenheit neue Stellen, sondern orientieren sich aktiv nach besseren Möglichkeiten. Das ist ein Zeichen für einen professionelleren Arbeitsmarkt.“
Pflegekräfte verlassen den Job: Je mehr Erfahrung, desto unzufriedener
Hinzu kommt eine andere Beobachtung: Je länger Pflegekräfte in ihrem Beruf arbeiten, desto unzufriedener werden sie laut der Analyse. Die Entwicklung zeigt ein klares Muster: Die ersten zehn Berufsjahre seien Pflegekräfte mehrheitlich zufrieden. Danach scheine sich die Belastung durch jahrelange Herausforderungen zu akkumulieren, so die Jobplattform.
Gegenüber Ippen Media erklärte Westphal, vor allem Rahmenbedingungen seien wichtig, damit aktuelle Beschäftigte in der Branche gehalten werden, die über einen Ausstieg nachdenken. Das betreffe insbesondere die Arbeitsbelastung. „Wie viele Schichten mache ich? Wie häufig muss ich einspringen? Wie häufig fallen Kollegen weg?“ Das seien Fragen, die sich Menschen in der Pflege stellen. „Das ist mit der Grund Nummer eins, den wir hören, wenn Leute vorzeitig aus dem Job ausscheiden, dass sie sagen: ‚Es war einfach zu viel‘“, so Westphal.
Pflegejobs: Diese Positionen wirken sich positiv auf die Zufriedenheit aus
Einen deutlichen Zusammenhang fand die Online-Plattform bei der Analyse zwischen Hierarchieebene und Zufriedenheit: Pflegekräfte in Führungspositionen seien durchweg zufriedener als operative Pflegekräfte. Einrichtungsleitungen führen die Rangliste der Zufriedenheit mit 36,4 Prozent Zufriedenheit, gefolgt von Stationsleitungen mit 34,6 Prozent.
Unzufriedenheit in der Pflege: Welche Möglichkeiten können Arbeitgeber nutzen?
Das Wechsel-Paradox eröffnet laut Pflegia neue Perspektiven für Pflegeeinrichtungen. Denn das neu gewonnene Wissen können Arbeitgeber nutzen, um das Abwandern ihrer Mitarbeiter zu verhindern. „Da die Mehrheit der jobsuchenden Pflegekräfte nicht unzufrieden ist, können Arbeitgeber mit attraktiven Angeboten auch zufriedene Fachkräfte für sich gewinnen“, schreibt das Jobportal. „Arbeitgeber sollten das als Chance begreifen.“ Es gehe nicht mehr nur darum, unzufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu retten, „sondern aktiv um die besten Talente zu werben – auch wenn diese derzeit zufrieden sind“, heißt es.
Dazu gehören auch Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Pflegeberufs, sagte Westphal gegenüber Ippen. Gerade junge Beschäftigte wollten sich weiterentwickeln. Doch in der Praxis würde das häufig aufgeschoben. „Oder sie erhalten nicht die nötige Zeit dafür, oder es fehlen die finanziellen Mittel, um die Weiterbildung zu unterstützen“, sagte Westphal der Mediengruppe. Hier können Arbeitgeber also nachschärfen, um Mitarbeiter zu halten und zu gewinnen.
Übrigens: 2026 gibt es in der Pflege mehr Geld – aber nicht für alle gleichermaßen. Außerdem können Pflegekräfte dank eines neuen Gesetzes nun Aufgaben übernehmen, die bislang nur Ärzte durchführen durften.
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