Noch im Mai 2026 will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen Gesetzentwurf für eine umfassende Pflegereform vorlegen. Das berichtet unter anderem die Tagesschau. Vorgesehen sind demnach umfangreiche Einsparungen: Der nach der Aufenthaltsdauer gestaffelte Zuschuss im Pflegeheim könnte abgesenkt, die Hürden für die Anerkennung eines Pflegegrades erhöht und der Pflegebeitrag für die Familienversicherung angehoben werden.
Viel wichtiger wäre jedoch laut dem Medizinischen Dienst (MD) Versicherte „dabei zu unterstützen, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder ihrer Verschlechterung aktiv entgegenzuwirken“, sagt Carola Engler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des MD Bund in einer Pressemitteilung. Denn der starke Anstieg der Pflegebedürftigkeit stelle eine große Herausforderung dar, die es mit der Pflegereform zu lösen gelte. Dazu hat der MD neue Zahlen veröffentlicht.
Zahl der Pflegebedürftigen steigt weiter – besonders bei Kindern und Jugendlichen
Einer Auswertung des MD zufolge haben im Jahr 2025 etwa 6,01 Millionen Menschen Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung bezogen. Damit hat sich die Anzahl pflegebedürftiger Menschen seit 2015 – damals waren es rund 2,67 Millionen Menschen – mehr als verdoppelt.
Einen starken Zuwachs gab es insbesondere 2017, als laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und die Pflegegrade von 1 bis 5 eingeführt wurden. Seitdem steigt die Zahl pflegebedürftiger Menschen jedes Jahr um mehrere Hunderttausend an.
So haben sich die Zahlen und der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr entwickelt:
| Pflegebedürftige | Zuwachs | |
|---|---|---|
| 2015 | 2.670.000 | - |
| 2016 | 2.750.000 | + 80.000 |
| 2017 | 3.300.000 | + 550.000 |
| 2018 | 3.690.000 | + 390.000 |
| 2019 | 4.000.000 | + 310.000 |
| 2020 | 4.320.000 | + 320.000 |
| 2021 | 4.610.000 | + 290.000 |
| 2022 | 4.880.000 | + 270.000 |
| 2023 | 5.240.000 | + 360.000 |
| 2024 | 5.640.000 | + 400.000 |
| 2025 | 6.010.000 | + 370.000 |
Auch die Zahl der Pflegebegutachtungen ist laut dem MD seit 2015 stetig gestiegen. Während im Jahr 2015 etwa 1,61 Millionen Begutachtungen durchgeführt wurden, waren es 2020 bereits 2,34 Millionen und 2025 etwa 3,14 Millionen.
Der Mitteilung des MD zufolge ist der Bedarf vor allem bei pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen gestiegen. Die Anzahl dieser Pflegebegutachtungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht – von rund 53.000 im Jahr 2015 auf über 190.000 in 2025. Aktuell machen Kinder und Jugendliche einen Anteil von rund sechs Prozent aller Gutachten aus. Die häufigsten Gründe für die Vergabe eines Pflegegrades sind dabei ADHS und Entwicklungsstörungen.
Anzahl pflegebedürftiger Menschen erklärt
Statistisches Bundesamt vs. Medizinischer Dienst
Das Statistische Bundesamt (Destatis) veröffentlicht alle zwei Jahre eine neue Pflegestatistik mit der Anzahl pflegebedürftiger Menschen. Im Dezember 2024 wurden die Zahlen für 2023 veröffentlicht und im Dezember 2026 sind die Zahlen für 2025 zu erwarten.
Dementsprechend geben die Zahlen des Medizinischen Dienstes (MD) einen deutlich aktuelleren Einblick. Aber: Während der MD für das Jahr 2023 rund 5,24 Millionen Pflegebedürftige angibt, spricht Destatis von etwa 5,69 Millionen. Woher kommt dieser Unterschied?
Wie eine Sprecherin des MD unserer Redaktion auf Nachfrage erklärt hat, hängt das in erster Linie damit zusammen, dass der MD nur die Pflegebedürftigen in der sozialen Pflegeversicherung erfasst. Destatis hingegen rechnet mit allen Pflegebedürftigen – also auch mit denen, die privat pflegeversichert sind. In der Pflegestatistik 2025 dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt also über 6,01 Millionen liegen.
Pflegereform 2026: Könnte sie bei der Begutachtung des MD ansetzen?
„Der starke Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen stellt die Pflegeversicherung vor finanzielle und strukturelle Herausforderungen“, erklärt Oliver Blatt in der Pressemitteilung des MD. Der Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) betont, dass genau hierfür dringend eine Lösung gefunden und die Finanzierbarkeit der Pflegeversicherung „endlich zukunftsfest“ aufgestellt werden müsse. Dabei sei allerdings darauf zu achten, dass „auch zukünftig diejenigen Hilfe bekommen, die wirklich darauf angewiesen sind“.
Laut dem MD sollte daher eine wirksame Prävention von Pflegebedürftigkeit sowie die nachhaltige Stabilisierung des Gesamtsystems ein zentrales Ziel der geplanten Pflegereform sein. Dafür befinde sich der Dienst mit seinen Gutachterinnen und Gutachtern in einer guten Position, weil der MD „als erster bei den pflegebedürftigen Menschen vor Ort“ sei. Und in der Begutachtungssituation könnten wichtige Impulse zur Prävention, zur Verbesserung der Pflegesituation und zur Entlastung der Angehörigen gegeben werden.
„Unser Ziel ist es, die Pflegebegutachtung zur bedarfsorientierten und präventiven Impulsberatung weiterzuentwickeln“, sagt Engler. Dafür werde eine bessere Vernetzung und schnellere Kommunikation zwischen allen an der Pflege beteiligten Akteuren benötigt. Und es brauche technische Innovationen sowie grundlegende Ausstattung bei Pflegebedürftigen und Pflegeeinrichtungen wie einen verlässlichen Internetzugang. Ob die geplante Pflegereform Möglichkeiten in diese Richtung bieten wird, bleibt abzuwarten.
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