Viele Menschen haben ein Bedürfnis nach Orientierung und Zugehörigkeit. Dazu vergleichen sie sich mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Beim Thema Einkommen wird gerne mit Begriffen wie Unter-, Ober- oder Mittelschicht gearbeitet. Während des Erwerbslebens kann man zur Einordnung in die Mittelschicht das Gehalt heranziehen. Doch auch im Alter beschäftigt viele die Frage nach der finanziellen Zugehörigkeit. Wann gehört man als Rentner zur Mittelschicht? Welche Einkommensgrenzen bei der Einordnung helfen, erfahren Sie hier.
Was ist die Mittelschicht?
Wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Kurzbericht von 2025 informiert, gibt es keine einheitliche Definition der Mittelschicht. Abgrenzungen orientieren sich demnach meist an der Relation zum mittleren Einkommen der Gesellschaft – dem sogenannten Median. Wo die Grenzen zwischen den einzelnen Schichten gezogen werden, ist dabei jedoch häufig nicht eindeutig festgelegt. Insofern gibt es verschiedene Definitionen und unterschiedliche Angaben zu den Einkommensgrenzen – je nach Quelle.
Das IW definiert den Begriff der Mittelschicht so: „Demnach gehört eine Person zur Mittelschicht im engen Sinne, wenn ihr bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen zwischen 80 Prozent und 150 Prozent des Medians liegt.“
Die wirtschaftliche Organisation OECD zieht andere Grenzen: Demnach zählt zur Mittelschicht, wer zwischen 75 und 200 Prozent des nationalen Medianeinkommens hat.
Unterschied zwischen Median und Durchschnitt
Bei Vergleichen von Gehältern und Einkommen stößt man oft auf Durchschnittsangaben. Als aussagekräftiger gilt jedoch der Median, der genau in der Mitte von allen nach aufsteigender Größe sortierten Werten liegt, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) erklärt. Er ist demnach robuster gegenüber Ausreißern, die einen Durchschnittswert verzerren können.
Neben den wissenschaftlich-mathematischen Ansätzen ist auch ein Blick auf die „gefühlte Zugehörigkeit“ spannend: Wie Forschende des ifo-Instituts schreiben, fühlten sich im Jahr 2023 mehr als 80 Prozent der Deutschen der Mittelschicht zugehörig. Nach Mittelschichtsdefinition der OECD gehörten 2019 jedoch nur 63 Prozent der Haushalte in Deutschland zur Einkommensmittelschicht.
Rente: Wie viel braucht man, um zur Mittelschicht zu gehören?
Wenn man der IW-Definition folgt und deren Auswertung heranzieht, gehört ein Alleinlebender zur Mittelschicht im engen Sinne, wenn er über ein Einkommen zwischen 1850 und 3470 Euro netto monatlich verfügt – wobei für die Analyse Zahlen aus dem Jahr 2022 herangezogen wurden. Wer eine höhere Rente als 1850 Euro bekommt, gehört demnach laut dem Institut zur Mittelschicht.
Wenn man hingegen die OECD-Definition zur Mittelschicht heranzieht, muss man zunächst das nationale Medianeinkommen kennen. Dieses betrug laut Destatis im Jahr 2024 in Deutschland 52.159 Euro brutto. Das entspricht im Monat etwa 4346 Euro. Somit hat die Mittelschicht nach OECD-Definition ein Einkommen zwischen 3260 und 8692 Euro brutto zur Verfügung. Nach diesem Ansatz würden nicht viele Rentner zur Mittelschicht gehören, da nur wenige Rentner über 3000 Euro Rente bekommen.
Der große Unterschied bei den Einkommensgrenzen von IW und OECD lässt sich unter anderem damit erklären, dass Zahlen verschiedener Jahre genutzt wurden und bei dem einen Netto-, bei dem anderen Bruttowerte ermittelt wurden.
Übrigens: Rentner müssen von ihrer Brutto-Rente noch Steuern und Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung zahlen.
Mittleres Einkommen von Rentnern in Deutschland – reicht es für die Mittelschicht?
Man könnte nun fragen, wie hoch das mittlere Einkommen von Rentnern in Deutschland ist und ob es damit für eine Einordnung in die Mittelschicht reicht. Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, da sich ein Haushaltsnettoeinkommen auch im Ruhestand aus verschiedenen Einkommensquellen zusammensetzen kann: Neben der gesetzlichen Rente oder Pension gibt es gegebenenfalls auch Hinterbliebenenrente, Einkommen aus Vermietung oder Verpachtung, Kapitaleinkünfte und Co. Das zeigt eine Übersicht des Statistischen Bundesamtes zu Einkommen und Einkommensverteilung. Auch zusätzliche Einkünfte aus einer privaten Altersvorsorge oder Betriebsrente sind möglich.
Wenn man vereinfacht nur das Einkommen aus Renten und Pensionen heranzieht, ergibt sich laut Destatis für Alleinlebende ein Medianwert von 1647 Euro. Mit dieser Rente erreichen Ruheständler nicht den Schwellenwert nach IW-Definition, um zur Mittelschicht zu gehören.
Auch der IW-Bericht hat die Haushaltszusammensetzung und den Erwerbsstatus der Menschen untersucht. Demzufolge liegt das Medianeinkommen eines Singlehaushalts im Ruhestand bei 1849 Euro – und damit knapp an der Grenze zum Schwellenwert von 1850 Euro, um nach IW-Definition zur Mittelschicht zu gehören. Ein Großteil der Rentner in Deutschland erreicht also nur mit der gesetzlichen Rente nicht die Mittelschicht, sondern liegt darunter.
Laut dem Institut ist das Armutsrisiko bei alleinstehenden Rentnern mit rund 27 Prozent – im Vergleich zu erwerbstätigen Singlehaushalten mit rund 13 Prozent – überdurchschnittlich hoch. Es fällt jedoch geringer aus, wenn zwei Rentner zusammenleben oder ein Ruheständler mit einer Person mit sonstigem Erwerbsstatus zusammenlebt.
Übrigens: Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass nur in vier EU-Ländern die Renten zum Leben reichen – Deutschland gehört nicht dazu.
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