Was bleibt, wenn es nur noch den Blick durch ein Krankenhausfenster gibt? Wenn man nicht mehr aufstehen kann, weil man zu schwach ist? Wenn einen Schläuche ans Bett fesseln, wenn man damit rechnen muss, nicht mehr lange zu leben?
Marco Recher lag so da. Wochenlang. Er bekam im Juni 2024 die Diagnose Darmkrebs. Mit 43 Jahren. Für den vierfachen Familienvater ein mächtiger Schlag, klar.
Keine Schmerzen: Mit 43 Jahren erkrankte Marco Recher an Darmkrebs
Dabei war es nicht die erste Zäsur in seinem Leben, wenn auch die schwerste. Recher ist es gewohnt, zu kämpfen. Mit einem Herzfehler kam er auf die Welt. Der schränkte ihn im Alltag zwar zum Glück nie ein, beginnt er zu erzählen, doch der Weg zu seinem Traumjob Pilot sei mit dieser Vorerkrankung versperrt gewesen. Dennoch wollte er zumindest in der Nähe von Hubschraubern arbeiten. „Also habe ich nach der Realschule auf dem zweiten Bildungsweg mein Abi nachgeholt und Wirtschaftsingenieurwesen studiert.“ Auch zu seinem damaligen Wunscharbeitgeber Eurocopter, heute Airbus Helicopters, schaffte er es. Doch nach knapp zehn Jahren sei er in einen Burn-out, eine totale Erschöpfung, gerutscht. „Das habe ich am Anfang gar nicht erkannt und auch nicht akzeptiert. Ich gehe nur sehr ungern zum Arzt, nehme Medikamente nur, wenn es unbedingt sein muss.“ Er räumt ehrlich ein: „Für meinen Zustand habe ich mich damals vor allem geschämt.“
„Für meinen Zustand habe ich mich damals vor allem geschämt.“
Marco Recher, Er erkrankte vor Jahren an einem Burn-out
Recher lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in einer ländlichen Idylle im Landkreis Aichach-Friedberg. Das Haus, in dem man an den vielen Spielsachen und Kinderzeichnungen gleich sieht, dass hier die Kinder im Mittelpunkt stehen, grenzt am Haus und früheren Hof seiner Eltern an. Ein Ort, an dem jeder jeden kennt. An dem auffällt, wenn einer nicht mehr zur Arbeit geht. „Früher war es mir sehr wichtig, was die Leute über mich denken“, sagt Recher. „Heute ist mir das egal.“ Damals habe er daher lange erzählt, dass er im Homeoffice sei, Überstunden abbaue, Urlaub habe... bis es nicht mehr ging.
Nach dem Burn-out machte er eine Therapie – zunächst widerwillig
Widerwillig habe er eine Therapie gemacht. „Und nur, weil ich an so einem Tiefpunkt angelangt war, habe ich erkannt: Ich muss selbst die Verantwortung für mich übernehmen.“ Er habe sich intensiv mit mentalem Training und Coaching befasst und gespürt, das ist etwas, das ihn nicht nur selbst aus dem Tief zieht, auch andere will er unterstützen. Recher ließ sich zum Coach ausbilden und machte sich selbstständig. „Kein leichter Schritt“, erinnert er sich: „Wir hatten schon zwei Töchter, hatten gebaut, und ich habe einen sehr gut bezahlten Job aufgegeben. Doch meine Frau stand schon damals hinter mir. Ich habe eine wunderbare Frau, für sie bin ich wirklich täglich dankbar – sie war und ist mein Fels in der Brandung.“
Allerdings kam dann Corona. Und Recher ging pleite. Als es gerade wieder gut gelaufen sei, Vorträge und Seminare geplant waren, bekam er Krebs.
Der Tumor hatte sich nicht in Form von Schmerzen bemerkbar gemacht. „Aber ich fühlte mich kraftlos, war sehr kurzatmig.“ Seine Großmutter war mit 59 Jahren an Darmkrebs gestorben. Dennoch sei eine genetische Veranlagung bei ihm zu über 90 Prozent ausgeschlossen worden. „Die Ärzte sagten zu mir: Sie hatten einfach Pech.“
Bei der Darmspiegelung kann man Vorstufen von Krebs sofort entfernen
Heute rät er jedem, die Vorsorgemöglichkeiten in Anspruch zu nehmen und frühzeitig eine Darmspiegelung machen zu lassen. Der März ist Darmkrebsmonat. „Ich werde auch meinen Kindern vor dem Hintergrund meiner Krankengeschichte raten, sehr früh zur Darmspiegelung zu gehen.“ Während der Untersuchung können Vorstufen von Darmkrebs – Polypen und Adenome – direkt entfernt werden. So wird Krebs verhindert, bevor er entstehen kann.
Marco Recher wurde damals gesagt, sein Tumor habe noch eine Größe, die gut zu operieren sei. Doch es gab Komplikationen. Viele Komplikationen. „Immer wieder musste ich notoperiert werden. Einmal versagten fast meine Nieren, dann ist etwas wieder aufgebrochen. Als ich nach der OP aufwachte und an meinen Bauch fasste, spürte ich einen Beutel. Ich war fassungslos. Plötzlich hatte ich ein Stoma.“ Von einem künstlichen Darmausgang sei nie die Rede gewesen. „Es war im wahrsten Sinne des Wortes alles beschissen“, erinnert er sich. „Ich hatte starke Schmerzen, mir ging es richtig schlecht. Damals hatte ich innerhalb kurzer Zeit über 20 Kilo abgenommen, ich spürte: Ich habe keine Kraft mehr.“ Als er zu einer Ärztin sagte, er könne nicht mehr, habe die zu ihm gesagt: Aufgeben ist keine Option.
Er umgibt sich mit Menschen, die ihm guttun
Er gab nicht auf. Marco Recher ist ein gläubiger Mensch. Heute ist er überzeugt, dass ihm vor allem seine mentale Stärke überleben ließ: „Ich kann nur jedem raten: Räum in deinem Leben auf. Ich habe das zum Glück schon vor meiner Krebserkrankung getan.“ Das heißt, er habe den Fokus radikal auf das gelegt, was ihm persönlich wichtig ist, und umgibt sich mit Menschen, die ihm guttun.
Auch hat er sich helfen lassen, war bei der Bayerischen Krebsgesellschaft, „die mir als Selbstständigen einen Zuschuss gewährt hat“. Denn Krebs gehe nicht nur mit körperlichen und psychischen Belastungen einher, „irgendwann waren auch alle unsere finanziellen Rücklagen aufgebraucht“.
Recher ist zuversichtlich, den Krebs besiegt zu haben. Seit gut einem Jahr muss er kein Stoma mehr tragen, könne wieder alles essen.
„Du kannst ja alles für nach deinem Tod regeln, das habe ich auch getan. Was du aber nicht regeln kannst, das ist das Leben deiner Kinder.“
Marco Recher, Vierfacher Familienvater, der an Krebs erkrankt war
„Vor dem Sterben hatte ich keine Angst“, sagt er und schaut aus dem Fenster in den Garten. Dort stehen ein Trampolin, Schaukeln, eine Rutsche. „Mit dem Tod habe ich mich schon früh auseinandergesetzt.“ Umgetrieben habe ihn nur eines: „Ich habe mir solche Sorgen um meine Kinder gemacht“, sagt er und bekommt kurz feuchte Augen. Seine älteste Tochter war damals zehn, die mittlere acht und die Zwillinge gerade zwei Jahre alt. „Du kannst ja alles für nach deinem Tod regeln, das habe ich auch getan. Was du aber nicht regeln kannst, das ist das Leben deiner Kinder.“ Sie waren es, die ihm Kraft zum Kämpfen gegen den Krebs gegeben haben. „Denn meine Kinder haben es verdient, mit einer Mama und einem Papa aufzuwachsen.“
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