„Reden, singen, tanzen, warten, aushalten. Und vor allem: atmen.“ Das antwortet Tanja Wirnitzer auf die Frage, was sie Eltern von Sternenkindern mit auf den Weg geben würde. Keine Frage, dahinter steht eigenes Fühlen, eigenes Erleben. Die gebürtige Ulmerin, die in Vöhringen aufgewachsen ist, und nun in der chinesischen Metropole Shenyang lebt, ist Mutter zweier Sternenkinder. „Ich habe meinen Weg gefunden“, sagt die 38-Jährige dazu, wie sie mit ihrer Trauer umgeht. Dazu gehören die Recherchen für ihre zwei Bücher, die sie als eine „Quelle der Kraft“ beschreibt.
Über ihre Publikationen sagt die Autorin: „Ich hätte sie in so einer Situation gebraucht.“ Tanja Wirnitzer nennt sie ganzheitlich, was das Thema betreffe. „Sie sind für alle Sternenkinder, egal wie alt, egal welches Gewicht, egal was die Todesursache war.“ Anregen möchte sie damit betroffene Familien, „jeden Tag eine Entscheidung für die Liebe und Kraft“ zu treffen. Denn: Es gehe darum, „Vertrauen wiederzubekommen“
Die gebürtige Ulmerin befürwortet eine schlichten, pragmatischen Zugang
Sie selber hat mittlerweile drei „Kinder an der Hand“, wie sie ihre lebenden Töchter nennt. Dass sie so offen über Persönliches spricht, „das ist mein Antrieb“, erklärt sie. „Ich halte es für einen verbindenden und gesunden Weg, über alle Kinder zu sprechen.“
2018 haben sie und ihr Mann ihr erstes Kind, eine Tochter, in der 20. Schwangerschaftswoche verabschiedet. Verabschiedet – dieser Begriff ist Wirnitzer wichtig. „Medizinisch wurde der Eingriff als Schwangerschaftsabbruch geführt, im Alltag sprechen viele von einer Fehlgeburt“, schildert sie.
Behinderung mit schweren Missbildungen sei im Jahr darauf bei ihrem Sohn diagnostiziert worden. „Auch hier war es medizinisch ein Schwangerschaftsabbruch“, sagt Tanja Wirnitzer, die den Nachnamen ihres Mannes, Kleinheinz, angenommen hat. Im öffentlichen Diskurs würde in solchen Fällen häufig von Abtreibung gesprochen, fügt sie hinzu. „Für mich sind es in erster Linie unsere verstorbenen Kinder“, sagt sie und befürwortet „einen schlichten, pragmatischen Zugang.“ Das sei hilfreicher.
Eine rein formale Einordnung in Begrifflichkeiten hält die Lehrerin für Ethik und Wirtschaft an Berufsschulen im Alltag aufgrund der so unterschiedlichen Lebensgeschichten oft für zu kurz gegriffen. Denn: „Es ist schwer, um die eigenen Kinder zu trauern, wenn ihre Existenz von der Meinung anderer abhängig gemacht wird, am Ende auch vom eigenen Selbstbild.“
Alle ihre Kinder seien Teil von ihr, betont Tanja Wirnitzer
Dass Fremd- und Selbstwahrnehmung stärker ineinandergreifen, habe sie sich lange nicht eingestehen wollen, resümiert die Autorin. Begriffe und Zuschreibungen, meint sie im Hinblick auf ihre eigene Geschichte, würden jedoch wenig helfen, wenn es um Trauer gehe. „Die Anerkennung ihrer Kinder und ihrer Verantwortung in Liebe“, das sei es hingegen, was Eltern und Mitfühlende in solchen Momenten bräuchten. „Die Verbindung bleibt immer gleich, ebenso der Schmerz.“
Alle ihre Kinder seien Teil von ihr, sie liebe alle. Würde sie sie verdrängen oder verheimlichen, „würde ich einen Teil meiner eigenen Identität ausblenden“, betont Wirnitzer. „Gerade aus dieser Verantwortung heraus haben wir als Eltern Verantwortung übernommen und unsere beiden ersten Kinder bewusst verabschiedet.“
Doch wie damit weiterleben? Für die 38-Jährige, die mit einem Münchner verheiratet ist, heißt das: „Trauer als Liebe zu leben – sie zu benennen, zu reflektieren und in mein Leben zu integrieren.“ Doch dazu müssen die Erfahrungen auch verarbeitet werden. Für sie waren es ihre Recherchen, die sie zum Austausch und generationenübergreifenden Gespräch in drei Länder – Deutschland, China und Simbabwe – geführt haben.
Für einen Verein begleitet sie eine Online-Selbsthilfegruppe
Nur ein Beispiel: „In China geben ältere Menschen ihr Alter manchmal ein Jahr höher an, weil die Schwangerschaft mitgezählt wird“, erzählt sie. Was sie aus ihren Begegnungen und Befragungen mitnimmt: „Die Unterschiede liegen international weniger in der Intensität der Trauer als in der Art, wie sie ausgedrückt wird.“
Entstanden ist aus ihrer sechsjährigen Arbeit das in fast 200 Schritte gegliederte Handbuch „Sternenkindermappe. Was Eltern und Mitfühlende tun können vor dem Abschied, beim Abschied, nach dem Abschied und für immer.“ Die Intention: „Es dient als Nachschlagewerk, weil der eigene Weg je nach Zeitpunkt Unterschiedliches erfordert und es deshalb immer wieder nützlich werden kann. Der längste und wirkungsmächtigste Zeitraum ist – für immer.“ Zum anderen hat sie als Begleitbuch einen Achtsamkeitsratgeber herausgebracht: „Schimmer wirken Sternenkind. Mit Schimmern zu mehr Blickwinkeln und Balance“. „
Doch nicht nur damit möchte Wirnitzer Eltern und Mitfühlende helfen. Für den Verein „Unsere Sternenkinder Hessen“ begleitet sie eine Online-Selbsthilfegruppe. Wer möchte, kann mit ihr über www.sternenkinder.org in Kontakt treten.
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