Es ist nur ein halber Meter, der an diesem Tag das Leben vom Tod trennt. „Unteres Dach“ nennen die Schweizer diese Stelle auf 4200 Metern Höhe ehrfürchtig. Aus dem Augenwinkel sehen wir den Gesteinsbrocken noch heranfliegen. Doch zum Reagieren bleibt keine Zeit. Mit über hundert Sachen rast der fußballgroße Fels nur hauchdünn an uns vorbei. Gemeinsam mit meinem Seilpartner hatte ich an der Stelle kurz pausiert, um die Steigeisen anzulegen. Nicht ahnend, dass es unsere letzte Pause gewesen sein hätte können.
Losgetreten hatten den Gesteinsblock zwei Bergsteiger weiter oberhalb, die kurz vor dem Gipfel des 4478 Meter hohen Matterhorns standen. Eine Unachtsamkeit, die hätte fatal enden können. Diese schaurige Szene beweist: Seinen Ruf als gefährlichster Berg der Erde trägt das Matterhorn nicht zu Unrecht. Und angesichts des Klimawandels könnte die Lage noch prekärer werden. Denn im Gipfelbereich löst sich immer mehr loses Gestein aus dem Eis und stürzt in die Tiefe.
„Jedes Jahr sterben hier mindestens sechs Menschen“, sagt Anjan Truffer. Ein Satz, den der Chef der Bergrettung von Zermatt mit Blick auf die Einsatzstatistik der vergangenen 40 Jahre immer wieder bemüht. „Wenn du’s international vergleichst, ist das Matterhorn der tödlichste Berg der Welt.“ Erst eine Woche vor der Tour, von der dieser Text handelt, starben zwei Schweizer am Matterhorn.
Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Ist das Risiko solcher Touren überhaupt noch vertretbar? Besonders jetzt eben, in Zeiten der Erderwärmung, wenn erst vor kurzem elf Menschen bei einem verheerenden Gletscherbruch am Berg Marmolata in Italien ums Leben kamen.
Rolando Varesco ist einer, der auf diese Frage mit einem deutlichen Ja antwortet. Der Bergführer stammt aus dem Val di Fiemme im Trentino. Also nicht weit von der Marmolata entfernt. Mit dem 42-Jährigen bin ich an diesem Vormittag am Matterhorn unterwegs. Seit drei Jahren trainiere ich schon für diese Tour, stand zuvor bereits auf Gipfeln wie dem Mont Blanc (4807 Meter), der Dufourspitze – höchster Berg der Schweiz – und dem Großglockner in Österreich.
Wie sich der Klimawandel am Matterhorn auswirkt
Beim Matterhorn entschied ich mich der Gefahren wegen für einen professionellen Guide. Und mein Seilpartner Rolando Varesco ist es, an dem der Stein nur hauchdünn vorbeibraust. Wie viel Glück er dabei hat, kann er gar nicht sehen, denn er steht mit dem Rücken zur Szenerie. Erst als ein Bergführer-Kollege wild gestikulierend von unten auf ihn zukommt, beginnt er zu begreifen. Die beiden Italiener schimpfen, es fallen ein paar rüde Begriffe. Viel Zeit für ein längeres Gespräch bleibt aber nicht, zu groß ist die Absturzgefahr an der Stelle, an der wir stehen. Außerdem weht ein eisiger Wind.
Später wird Varesco zu mir sagen: „Die größte Gefahr am Berg ist der Mensch.“ Damit spielt er sowohl auf die Szene an, die uns hätte das Leben kosten können, als auch auf den Vorfall an der Marmolata in seiner Heimat. Um kurz nach 14 Uhr, als das Unglück dort geschah, habe niemand mehr etwas am Gletscher verloren, sagt Varesco. Es sei nicht so, dass der Trentiner keine Ehrfurcht habe vor den Urgewalten der Natur. Jedoch sei jeder selbst dafür verantwortlich, das Risiko bei der Tourenplanung zu minimieren. Dazu gehöre in Zeiten des Klimawandels ein sehr früher Aufbruch. In der Nacht, wenn es noch Frost hat, ist die Gefahr eines sich aus dem Schnee lösenden Steins oder eines Eisbruchs bei Weitem nicht so groß wie am Nachmittag. Die Tragödie in seiner Heimat wäre durch einen eheren Aufbruch der Alpinisten und Alpinistinnen zu verhindern gewesen, glaubt Varesco.
Auf der Hörnlihütte, dem Ausgangspunkt für die Matterhornbesteigung, klingelt der Wecker inzwischen schon um kurz nach drei Uhr nachts. Eine Stunde früher als noch vor ein paar Jahren. Zu tun hat das auch mit dem Vorfall an der Marmolata. Aber nicht nur. Der Klimawandel fordert eben seinen Tribut. Denn selbst am Matterhorn-Gipfel herrschen an immer mehr Tagen im Sommer nun Plus-Grade. Die Folge: Es gibt an manchen Stellen keinen Permafrost mehr, der lose Steine und Geröll davor bewahrt, in die Tiefe zu stürzen und dabei Bergsteigerinnen und Bergsteiger mit sich zu reißen.
In Zermatt begegnen sie diesem Problem mit Rigidität. Denn am Berg gilt eine klare Rangordnung. Abends wird die Hüttentür verschlossen. Hinausgelassen werden im Morgengrauen als Erste die Zermatter Bergführer mit ihren Gästen, dann die restlichen Schweizer, ehe andere europäische Guides an der Reihe sind. Wer ohne Bergführer unterwegs ist, muss sich ganz am Ende der meist sehr langen Schlange einreihen.
Anjan Truffer, der Chef der Bergrettung, gehört zu den Verfechtern dieses Systems. Ginge es nach ihm, wäre eine Matterhorn-Besteigung sogar nur noch mit Bergführer möglich. Hintergrund: In der Dunkelheit würden sich viele nicht-ortskundige Alpinisten verirren, in brüchiges Gelände geraten und damit nicht nur sich, sondern auch alle anderen gefährden. Selbst der Trentiner Bergführer Varesco hält diese eiserne Regel für richtig. Auch wenn er über die Rigidität seiner Schweizer Kollegen und Kolleginnen manchmal schon etwas schmunzeln muss. „Sie kennen den Weg am besten, wir gehen in der Früh hinterher und überholen dann, sobald es dämmert und der Weg klar erkennbar ist“, sagt er am Abend vor der Tour in der Hütte. Varesco wird recht behalten.
Dass wir tags darauf nur haarscharf selbst an einer menschengemachten Katastrophe vorbeischrammen, kann er da freilich noch nicht wissen.
Über 600 Männer und Frauen kamen bis heute am Matterhorn ums Leben. Die Tragödie nahm bereits bei der Erstbesteigung im Jahr 1865 ihren Anfang. Beim Abstieg stürzten der französische Bergführer Michel Croz und die Engländer Charles Hudson, Lord Francis Douglas und Douglas Hadow ab. Alle vier verloren ihr Leben. Seinerzeit entbrannte eine Debatte über den Sinn des Bergsteigens. Sogar Queen Victoria meldete sich zu Wort und sagte, englisches Blut solle lieber auf den Schlachtfeldern vergossen werden als auf Alpengipfeln.
Doch natürlich wird das Matterhorn weiter bestiegen. Die Tragödie der Erstbesteigung macht den Berg erst zu dem Mythos, der er heute ist. Selbst die Tatsache, dass die Leiche von Lord Francis Douglas bis heute nicht gefunden wurde, schreckt die Leute nicht ab. Bergrettungschef Truffer zufolge werden noch immer bis zu 30 Menschen am Matterhorn vermisst. Der Gletscher habe ihre Leichen mutmaßlich verschlungen.
Sehr viele von denen, die am Matterhorn starben, waren Opfer von Steinschlag. Eine Gefahr, die nach Einschätzung von Alpin-Legende Reinhold Messner noch zunehmen wird. Er rechne infolge der Erderwärmung mit weiteren solcher Unglücke, nicht nur an der Marmolata, sagte Messner verschiedenen italienischen Medien. Der Südtiroler Extrembergsteiger weist aber auch immer wieder auf einen besonderen Umstand hin: „Es gibt einen Unterschied zwischen subjektiver Gefahr und objektiver Gefahr“, sagte Messner vor einigen Monaten im Interview mit unserer Redaktion.
Was er meint, ist im Kern das, was auch Varesco und Truffer betonen. Es gebe menschengemachte Risiken bei einer Bergtour. Etwa wenn Bergsteiger sich bei der Routenwahl überschätzen, dem Berg nicht gewachsen sind und damit sich und andere gefährden. Dazu gehöre auch, wenn Alpinisten grundlegende Spielregeln missachten. Den frühen Aufbruch zum Beispiel, das Gehen am Seil oder andere Sicherungstechniken. Dann gebe es aber auch die objektiven Gefahren. Salopp gesagt also das, wofür der Alpinist nichts kann. Steinschlag, Lawinen, Eisabbrüche. All diese Dinge. „Hier kann man nur versuchen, die Gefahr zu minimieren.“ Ganz ausschließen lasse sich so etwas jedoch nie und nimmer.
An keinem anderen Berg liegen Leben und Tod so nah beieinander wie am Matterhorn
Eine Tatsache, die auch uns bewusst war vor der Tour aufs Matterhorn. Dennoch: Am Ende war es vor allem ein menschengemachtes Risiko, dem wir uns aussetzten. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Denn direkt ausgelöst hatten den Steinschlag eben andere Bergsteiger. Dafür, dass das Matterhorn immer stärker bröckelt, sorgt aber letztlich auch der Mensch durch den Klimawandel.
Wie viel Glück wir hatten, wird uns erst viel später bewusst.
Als wir gegen 7.50 Uhr das Gipfelkreuz des Matterhorns erreichen, sehen wir dort eine Inschrift aus dem Johannes-Evangelium: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Ein Satz, der wie eine Anspielung an die vielen Matterhorn-Toten wirkt und zugleich wie eine Warnung. Wohl an keinem anderen Berg liegen Tod und Leben so nah beieinander wie am Matterhorn.