Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kultur
Icon Pfeil nach unten
Ulm
Icon Pfeil nach unten

100 Jahre Hildegard Knef: Eine Ulmerin macht Furore in Berlin und Hollywood

100 Jahre Hildegard Knef

Eine Grande Dame, die immer mehr wollte: Eine Hommage zum 100. Geburtstag von Hildegard Knef

  • |
  • |
  • |
  • |
    Unverkennbar: Hildegard Knef – hier in einer Momentaufnahme im Jahr 1982.
    Unverkennbar: Hildegard Knef – hier in einer Momentaufnahme im Jahr 1982. Foto: Jörg Schmitt, dpa

    Kein Jota Schwäbisch, nicht einmal das kleinste Fitzelchen. Bei anderen großen Kindern der Stadt wie Albert Einstein oder Conrad Dietrich Magirus gab es da wenigstens noch eine Nuance Dialekt in der Sprachfarbe. Aber Hildegard Frida Albertine Knef, die am 28. Dezember 1925 im Ulmer Viertel „Auf dem Kreuz“ das Licht der Welt erblickte, halten sie sogar jetzt noch, über 20 Jahre nach ihrem Tod, für eine waschechte Berlinerin. Was für ein Irrglaube! Denn es ist schwarz auf weiß verbrieft, dass Hilde mit Donauwasser im Ulmer Münster getauft wurde. Das Schicksal stand Pate, als ihr Vater Hans Theodor Knef starb und sie noch nicht einmal ein halbes Jahr alt war. Mutter Frieda Auguste, eine gebürtige Berlinerin, entschloss sich, wieder in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Es ließe sich trefflich darüber spekulieren, wie wohl eine Karriere wie die ihre verlaufen wäre, wenn die Familie weiter in Ulm geblieben wäre. Eines kann man sicher behaupten: garantiert anders.

    Berlin prägte Hildegard Knef und die Knef prägte auch Berlin

    Denn Berlin prägte die Knef, und die Knef prägte Berlin. Dort wurde sie zum Weltstar und zur Außenseiterin, zur Ikone des deutschen Nachkriegsfilms, zum internationalen Star, zur Bestsellerautorin. Eine unkonventionelle Grande Dame mit Hirn und trockenem Humor, gefeiert und beschimpft, Projektionsfläche und Widerspruch in Person. Eine Frau, die sich nie damit zufriedengab, so gesehen zu werden, wie andere sie haben wollten. Hildegard Knef war eine Erscheinung, wie sie in Deutschland bis in die Gegenwart hinein einzigartig bleibt. Selbst in Momenten größter Verletzlichkeit strahlte sie Haltung aus. Kein Wunder, dass sie über Jahrzehnte hinweg die Parameter für eine emanzipierten Frau setzte: kantig, hartnäckig, widersprüchlich, ehrgeizig, unverwechselbar.

    Der erste Eindruck von ihr ist bis heute ein akustischer. Noch bevor man ihr Gesicht vor Augen hat, hört man diese Stimme: rau, brüchig, leicht abgesenkt. Sie klingt nicht nach Verführung, sondern nach Bilanz. In ihr liegt das Wissen um Siege, die teuer erkauft wurden, und Niederlagen, bei denen es ums Überleben ging. Wenn sie den Mund öffnete, hörte man nicht nur Chansons, sondern im Grunde ungefilterte Biografie. Kaum eine hat ihr Innerstes, ihre Höhen und Tiefen, so offensiv nach außen gekehrt und manchmal auch zur großen Kunst erhoben. Da sprach keine Diva, die sich hinter Posen versteckte. Es erklang vielmehr eine Frau, die wusste, wie Schmerz, aber auch wie Hoffnung klingt.

    „Der geschenkte Gaul“ hieß Hildegard Knefs Autobiografie

    In Berlin sollte das eigentliche Leben des begabten Ulmer Mädels erst richtig Fahrt aufnehmen. Zunächst ließ sich Hilde als Trickzeichnerin ausbilden und besuchte mit gerade mal 17 die Filmhochschule Babelsberg. Schon 1946 kam der Durchbruch. „Die Mörder sind unter uns“ hieß der erste deutsche Nachkriegsfilm, der die damals 20-Jährige über Nacht berühmt werden ließ. Die Dreharbeiten fanden im zerbombten Berlin statt. Während Deutschland am Boden lag, gingʼs für die Knef erstmal bergauf – mit einem Vertragsangebot des legendären Hollywood-Produzenten David O. Selznick. Doch bevor die erste Klappe fallen konnte, war der Traum von der Traumfabrik auch schon wieder zu Ende. Neider hatten eine kurze Affäre mit einem Nazi-Funktionär durchgestochen. Von ihrem Abenteuer brachte sie aber eine Freundschaft zu Marlene Dietrich und jede Menge guter Geschichten mit, die sie später in ihrer ersten Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ verewigte. Es sollte sich, wie die meisten anderen ihrer Bücher (zum Beispiel „Das Urteil“) millionenfach verkaufen, wurde in viele Sprachen übersetzt und auch in den USA zum Bestseller.

    Zurück in Deutschland legte Hildegard Knef das Fundament für ihren lebenslangen Ruf als „Skandalnudel“. Es waren nur Sekunden, in denen sie in dem Streifen „Die Sünderin“ ihre nackten Brüste zeigte, für heutige Verhältnisse eine unbedeutende Marginalie. Aber 1950 reichte es allemal aus, um die Moralapostel bundesweit auf die Barrikaden zu treiben – und sie wieder ins Gespräch zu bringen. Ihr lakonischer Kommentar „Ich kriegte die Schande, die andern die Penunzen“ stimmte nicht ganz, denn die vermutlich bewusst kalkulierte Provokation sollte ihr abermals die Tore nach Hollywood öffnen – diesmal aber tatsächlich. An der Seite von Gregory Peck und Ava Gardner spielte sie in „Schnee am Kilimandscharo“ und sorgte am Broadway mit Cole Porters Musical „Silk Stockings“ für Beifallsstürme. Ein ständiges Hin und Her, Auf und Ab, und gleich mehrere Leben, in denen sie die Staatsbürgerschaft wechselte wie andere die Autos: von Deutsch zu US-Amerikanisch und schließlich Britisch.

    100 Jahre Hildegard Knef: Für Sie sollte es rote Rosen regnen

    Dass sie schließlich doch Deutsch wählte, um ihre Gedanken, Sehnsüchte und Geständnisse als Chansonnière unter die Leute zu bringen, lag auch an ihren Erfahrungen in den USA. Dort blieb sie Außenseiterin: zu germanisch, zu eigenwillig, zu wenig bereit, sich glätten zu lassen. Dann intonierte die Wort-Jongleurin eben Tucholsky und Brecht, tänzelte zwischen Schlager, Musical, Kabarett und Jazz, schrieb pfiffige eigene Texte und besaß die Fähigkeit, urbane Melancholie in Worte zu fassen, aber auch schonungslos selbstironisch, manchmal sogar selbstzerstörerisch mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Sie erfand sich noch mal neu – als Chansonsängerin. Ihr „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ wurde zur Hymne einer Frau, die sich nicht mehr entschuldigen wollte. Sie sang, was sie lebte: von gescheiterten Ehen, von Krankheit, von Selbstzweifeln – und von ihrer unzerstörbaren Lebenslust. Das rang sogar Ella Fitzgerald, einer der größten Sängerinnen aller Zeiten, ein seltsam kluges Kompliment ab. Sie sei „die größte Sängerin ohne Stimme“. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

    All dies, das mitunter schwer Fassbare, dringt auch in der Doku „Hildegard Knef – So oder so ist das Leben“ zum 100. Geburtstag (zu sehen in der ARD-Mediathek) durch. Aufstieg und Ruhm waren geprägt von der Theatralik einer Klassefrau, die immer mehr wollte. Weil sie wusste, dass sie es verdiente.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren