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Ulmer Münster verliert Titel: Wie die Ulmer über den Rekordverlust denken

Architektur

„Sollen sie in Barcelona bauen, wie sie wollen“: Wie die Ulmer über den Rekordverlust denken

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    Nicht mehr ganz Weltspitze: das Ulmer Münster.
    Nicht mehr ganz Weltspitze: das Ulmer Münster. Foto: Alexander Kaya

    Plötzlich bleiben sie stehen – und starren in den Himmel. Immer wieder dieselbe Szene, hier am Münsterplatz in Ulm: Menschen legen ihren Kopf in den Nacken und kneifen die Augen zusammen. Ihr Blick wandert über einen Riesen aus Stein, immer höher und höher. Über einen Turm mit Säulen, Spitzen, Balkonen, daran Figuren von Wasserspeiern, Gnomen, Dämonen, von leidenden Märtyrern, Johannes dem Täufer und anderen pausbäckigen Aposteln. Und ganz oben: eine Kreuzblume aus Stein. Die Spitze also! Auf 161,5 Metern. Wie viele Kirchen es auf der Welt gibt, weiß niemand so genau, aber das Ulmer Münster ist die höchste. Also, noch, noch in diesem Moment, einem der letzten Tage des Oktobers.

    Aber dass diese Nachricht aus Barcelona irgendwann kommen wird, weiß man schon: nur nicht genau wann. Am Donnerstag ist es dann so weit, vermeldet die Sagrada Família: „Durch den unteren Kreuzarm erreicht der zentrale Turm eine Höhe von 162,91 Metern und überragt erstmals das Ulmer Münster – den bisher höchsten vollendeten Kirchturm der Welt.“ Im nächsten Jahr, nach der endgültigen Fertigstellung, soll die Sagrada Família mit 172,5 Metern Höhe das Münster sogar um mehr als zehn Meter überragen. Und? In Ulm scheint das die alten Steine nicht zu kümmern. Und die Menschen? Starren und Staunen.

    Weltrekordhalter - noch: Alle wollen sie das Ulmer Münster hinauf

    Ein Turm, eine Herausforderung: Wie weit kann ich da hochsteigen, fragen die Touristen am Boden? Wie viele Treppenstufen sind es? 560 bis zur höchsten Plattform. „Gibt’s da nicht einen Aufzug?“, fragt ein Pärchen aus Speyer. Richard Géczi hört solche Fragen fast täglich: „Alle wollen sie hoch!“, sagt er, lächelt, und setzt sich seinen Lederhut auf. Géczi ist Steinmetz, Bildhauer – und arbeitet seit 2009 als Techniker am Münster. Sein offizielles Amt: zweiter Hüttenmeister in der Münsterbauhütte. In dieser Hütte arbeitet eine Mannschaft von Handwerkern am Gemäuer der Kirche: Sie prüfen und pflegen die Steine, und meißeln und behauen neue, um alte, kaputte zu ersetzen. Und deshalb weiß Géczi: Man sieht und versteht so viel mehr von seinem Münster, wenn man nicht nur auf den Turm steigt. Nicht nur über die Wendeltreppen vom Boden bis zur höchsten Plattform klettert. Sondern kreuz und quer den ganzen Bau erforscht.

    Der Weg, den er heute gehen wird, führt über Seitenkammern, Quergänge und Dachböden, über Balkone und hunderte Treppenstufen, die sich in die Höhe schrauben, bis dort oben nichts mehr ist außer Stein und Luft. Und wenn dann der Himmel so nah scheint, was zählt da noch ein Rekord? Kann eine andere Kirche dieses Münster überhaupt in den Schatten stellen?

    Richard Géczi, zweiter Hüttenmeister am Ulmer Münster
    Richard Géczi, zweiter Hüttenmeister am Ulmer Münster Foto: Veronika Lintner

    Über Meter und Rekorde will Géczi nicht viel sprechen. Lieber schwärmt er vom Ausblick: „Wenn ich frühmorgens oben auf dem Baugerüst stehe und auf dem Hauptturm die Sonne aufgehen seh‘, dann ist das der schönste Moment in meinem Beruf.“ Aber die meiste Zeit bleibt er dann doch am Boden: Die Münsterbauhütte ist ein kleiner, flacher Backsteinbau, ein Winzling neben der großen Kirche. Schon als die Ulmer im Jahr 1377 den Grundstein legten, gründeten sie hier Werkstätten für die Baumeister und ihre Handwerker. Im Gang, der zu Géczis Büro führt, hängen Baupläne an der Wand: Das Münster in Quer- und Längsschnitten, eine ganze Tapete von Skizzen. Hier hat Münsterbaumeister Matthäus Böblinger im Jahr 1477 den großen Plan ausgerollt. Für den Riesenturm. Warum es dann aber 400 Jahre dauerte, bis ihn die Münsterhütte vollendete? Dazu später mehr.

    Géczi zeigt jetzt auf die neusten Pläne und erklärt seine Baustellen, bald werden sie am kleineren Nordturm nachbessern müssen. „Und das Weltgericht steht an.“ Was fast wie eine Prophezeiung aus der Bibel klingt, bedeutet für die Handwerker: Jetzt müssen sie wieder Gerüste in die Höhe bauen, mitten im Langhaus, über den Kirchenbankreihen. Hoch über den Köpfen prangt dort das Wandgemälde vom Weltgericht, mit Jesus und Jüngern. Und im Langhaus ist vor zwei Jahren eben schon ein Stück Putz von der Decke gebröckelt. Es ist eine Arbeit ohne Ende: Immer steht gerade ein Baugerüst an der Kirche und zäunt ein Stück Münster ein. In hundert Jahren arbeitet sich die Bauhütte einmal durch und rund um die Mauern. Um dann wieder von vorne zu beginnen. In der Werkstatt sirren Druckluftmeißel, Hämmer klopfen auf Sandstein und für Richard Géczi könnte ein Arbeitsplatz nicht schöner klingen: „Hier zu arbeiten, das ist für einen Steinmetz das Gelbe vom Ei. Ein Lottogewinn. Und eine Lebensaufgabe.“

    Was verbirgt sich in den Gemäuern des Ulmer Münsters?

    Nun aber mal hinauf: Géczi schleicht durch den Kirchenraum. Dann holt er seinen Generalschlüssel aus der Tasche und sperrt eine Holztür auf: Ab hier führt der Weg ins Innere der Kirche, in Räume und Winkel, die sonst kaum ein Besucher sieht. Rauf die erste Wendeltreppe, die erste von unzähligen, die sich im Münstergemäuer in die Höhe zwirbeln: Es sind Gewinde aus Stein, grau und halbdunkel, mit Stufen, die kaum zwei Schultern breit sind. Und die Drehwurmgefahr steigt mit jedem Schritt.

    Schatzkammern verbergen sich im Innern des Ulmer Münsters.
    Schatzkammern verbergen sich im Innern des Ulmer Münsters. Foto: Veronika Lintner

    Aber dann, als Géczi mit schnellen Schritten fast schon aus dem Blick gehuscht ist, biegt er in einen Seitengang und öffnet Holztür Nummer eins. Dahinter: eine Schatzkammer. Ein Hochregallager von Gipsfiguren, ein Kabinett von kreidebleichen Heiligen, die sie als Modelle gegossen und gesichert haben. Und weiter, nach den nächsten Stufen und Umdrehungen, öffnet Géczi Seitentür zwei: Ein Skelett aus Holzgerüsten füllt den Raum bis zu Decke. Es ist das Gehäuse einer alten, ausrangierten Münsterorgel. Tür auf, Tür zu und weiter hoch.

    Das Gerippe einer alten Orgel, in einer Turmkammer des Ulmer Münsters.
    Das Gerippe einer alten Orgel, in einer Turmkammer des Ulmer Münsters. Foto: Veronika Lintner

    Als der Puls schon schneller pocht, und der Weg sich durch Dachbodenkammern verzweigt, öffnet Géczi eine Tür ins Freie. Circa 70 Meter Höhe, die Luft rauscht. Der Hüttenmeister tippt jetzt mit dem Fuß auf den Boden – auf einen besonders hellen Brocken. Sein Werk, sagt er mit Stolz und lächelt, den Stein hat er selbst behauen. Und jeden Stein kann er deuten, das zeigt er auf dem Weg: hier Mittelalter, hier 19. Jahrhundert, und dort? Circa 2020. Erkennt man an den Steinarten und an Signaturen. „Sehen Sie diese Fingerabdrücke an der Wand?“, fragt Géczi und legt seine Fingerspitzen in die Spuren in der Mauer. Der Abdruck sei wahrscheinlich von einem Handwerker aus dem 14. Jahrhundert.

    Im Ulmer Münster Shop kaufen sich die Touristen Andenken

    Was die Steine bedeuten, für Ulm und den Rest der Welt, das spürt man, wenn man sich im Ulmer Münster Shop umhört. Ein Anlaufpunkt für Auskunft und Souvenirs, ganz dicht an der Kirchenmauer – für gut eine Million Menschen, die jedes Jahr das Münster besuchen. Was geht hier so über die Theke? „Postkarten, Magnete, alles, was nicht schwer ist“, sagt Verkäuferin Birgit Hördt. Also alles, was sich auch leicht die 560 Stufen hinauftragen lässt, bis zum derzeit höchsten Aussichtspunkt im Turm. Aber natürlich verkauft der Shop auch Schwereres: Ulmer Spatzen zum Beispiel – der Vogel sitzt als Steinfigur auf dem Dachfirst des Münsters, viele kleine Spätzle verkauft der Shop.

    „Von den Figuren sind einige nach Amerika gewandert“, sagt Hördt. „Und letztens haben wir 15 Wasserspeier nach London verkauft. Um 9 Uhr in der Früh sind hier die Briten vor der Tür gestanden, um noch am selben Tag die Fähre wieder zurück zu erwischen.“ Drachen, Gnome, Fabelwesen, die das Münster bevölkern, diese Figuren gießt die Münsterbauhütte selbst nach, in Miniatur. Wetterfest seien die und ein Verkaufsschlager zu Weihnachten, sagt Hördt. Viel Münsterliebe, viel Kommerz? Aber auch viel Glaube: „Letztens hat einer die kleine Playmobil-Figur von Martin Luther gekauft. Drei Euro fünfzig. Er war unglaublich glücklich und beseelt.“ Und deshalb hat sie nachgefragt: „Das war ein Lutheraner, aus Brasilien.“ Das Münster, ein evangelischer Pilgerort.

    Aktuell gesperrt: Das sind die letzten Treppen hoch zum Gipfel des Ulmer Münsters.
    Aktuell gesperrt: Das sind die letzten Treppen hoch zum Gipfel des Ulmer Münsters. Foto: Veronika Lintner

    Aber was nun, wenn Ulm nicht mehr ganz Weltspitze ist, fragt man an diesem Tag Ende Oktober? „Ach, das Münster bleibt weiter interessant. Und wenn man's genau nimmt, bleibt unser Kirchturm der höchste, der von unten bis oben gemauert ist“, sagt Hördt. „Das Glaskreuz, das sie auf die Sagrada Família setzen, des zählt für uns nicht. Da simmer scho‘ kleinlich.“ Auch wenn sie jetzt lacht, spürt man einen Funken Ernst, wenn sie das sagt. Hördt lebt seit 30 Jahren in Ulm und kennt die Münstergefühle der Ulmer: „Ob einer katholisch oder evangelisch ist, spielt am Ende nicht die große Rolle. Für Ulmer ist das Münster ihr Münster. Auch wir Verkäuferinnen im Shop, wir stehen alle hinter unserem Münster.“

    Also zurück in die Kirche und kurze Verschnaufpause, gleich beginnen die Turmtreppen: Dass man kein Kind der Stadt Ulm sein muss, um das Münster zu lieben, weiß Richard Géczi. 1979 wurde er in Füssen geboren und erinnert sich jetzt daran, wie er Handwerker wurde: „Ich war noch jung, ein Typ in Stretchhose mit Leopardenmuster“, sagt er und zupft an der Krempe seines Lederhuts. „Als ich mich dann bei einem Allgäuer Steinmetz zur Lehre beworben habe, hat meine Mutter bei ihm nachgefragt: Ja, passt der Job für meinen Jungen? Wie schlimm findet der Meister den Look? Aber der hat nur gesagt: Ein guter Steinmetz muss kreativ sein. Er muss ein Instrument spielen. Und a bissle verrückt sein.“ Die Liste kann Géczi abhaken: Er spielt den Bass in einer Band, und kreativ bleibt er sowieso, auch als gelernter Bildhauer. Im Winter schnitzt er manchmal Schneeskulpturen, mitten auf den Plätzen der Stadt. Vom träumenden Gnomen bis zur Venus, mit üppigen Kurven.

    Die wichtigste Qualität, die so ein Münsterhüttenhandwerker mitbringen muss, ist aber: Geduld. „Einen Stein zu behauen, das dauert im Schnitt 100 Stunden. Es kann auch schon mal ein halber Winter vergehen.“ Dafür hat Géczi erst mit Greifzirkel und der Schablone gearbeitet, dann musste er aber auch den Umgang mit 3D-Scannern und Computer-Bauplan-Programmen lernen. „In meinem halben Jahr als Steinmetz habe ich fünf Werkstücke gehauen“, sagt er und erinnert sich an eine Kreuzblume aus Stein. Als Zweiter Hüttenmeister hat er dann Werkstücke, also Steine und Steinchen, gezeichnet und ausgetauscht. Wie viele? Um die 1500. Jeder Brocken ein Stückchen Pflege, für die höchste Kirche der Welt. Die bald nicht mehr die höchste sein wird. Oder?

    Eine Nachricht schlug ein, im Jahr 2025: Dass eine Kirche in Barcelona den Rekord stehlen würde, war ja bekannt. Aber dann – Eilmeldung! – verkündete ein Ulmer Radiosender, dass die Münsterbauhütte dem Münster noch eins draufsetzen will, um die Bestmarke zu halten: „Ein 15 Meter hoher Funkturm wird auf die Spitze des Ulmer Kirchturms gesetzt und sorgt für freies W-LAN.“ Dazu Stimmen aus der Facebook-Kommentarspalte: „Die Idee wäre doch eigentlich gar nicht so schlecht“, zwinkerndes Smiley. „Ich hoffe, ihr macht es wirklich!“ Nur schlug diese Sensationsnachricht an einem 1. April auf. Kleiner Scherz, am Tag der Scherze. Also ertragen die Ulmer mit Humor, dass sie den Titel verlieren? Oder spüren sie schon Verlustängste?

    Ulmer schwärmen von ihrer Kirche, dem hohen Münster

    Nachmittags im Mohrenköpfle, einem Kaffeehaus im Windschatten der Münstermauern: Eine Gruppe von Freundinnen trifft sich zu Cappuccino und Trüffeltorte. „S’Münschter gehört zu Ulm“, sagt eine der Ulmerinnen. „Es ist ein Anziehungspunkt“, sagt ihre Freundin gegenüber, und eine Spanierin, aus Andalusien: „Ulmer Münster, das ist die schönste Kirche von der ganzen Welt.“ Früher sei man ja noch hochgekraxelt bis zum Gipfel, bis der Wind um die Ohren pfiff, erzählen die älteren Frauen. „Aber so ein Aufzug bis ganz oben wär‘ jetzt scho‘ fein.“ Lautes Lachen, dann aber wieder Worte mit Stolz: „Die Aussicht oben, die gibt’s koi zweites Mal auf der Welt.“

    Am anderen Ende des Tisches lauscht eine Frau in Pudelmütze. „Ich bin ein Münsterkind“, sagt Gudrun Langbein. „Ich bin im Münster getauft, ich habe 1968 im Münster geheiratet, ich habe im Münsterchor gesungen, ich war Teil der Münstergemeinde.“ Sie kuschelt sich jetzt in ihren Wollschal: „Bitterkalt und oben zieht’s“, so sei das Klima im Münster. Und sie hat mitgezählt in all den Jahren: „175 Treppen bis hoch zur Orgelempore. Jeden Sonntag, für die Messe mit dem Chor.“ Aber dafür strahlt Musik in dieser Kirche auch wie sonst nirgendwo. „Das hat man sonst vielleicht nur noch in Köln oder Straßburg. Es ist so ein wunderschöner Raum, die Altäre, das Chorgestühl, die Fenster. Das hat eine Erhabenheit“, sagt Langbein. „Und wenn Posaunentag ist, dann wackeln alle Wände.“ Dreimal nickt sie. „Ja, es ist so, das Münster vibriert, wenn die Bläser spielen.“

    Langbein spricht mit Liebe vom Münster – aber schüttelt den Kopf, wenn man sie nach dem Rekord fragt, Stichwort Barcelona: „Ach, der Höhenschwindel, dieser Wettkampf“, sie seufzt. „Es gibt doch Wichtigeres gerade auf der Welt, oder nicht? Sollen sie bauen, wie sie wollen.“ Ihr ist nur wichtig, dass die ganze Stadt dem Münster treu bleibt: „Die Ulmer spenden auch viel. Das liest man oft, bei Nachrufen in der Zeitung: Von Geldspenden und Blumen bitten wir abzusehen. Lieber eine Spende fürs Münster.“ Das war schon immer so, seit 1377. „Das ist eine Bürgerkirche und kein Dom.“

    Luftaufnahme: Ulm und das Ulmer Münster, samt Münsterplatz.
    Luftaufnahme: Ulm und das Ulmer Münster, samt Münsterplatz. Foto: Alexander Kaya

    Es war kein Fürst und auch kein Bischof, der sich hier einen Traum von der Höhe bauen ließ. Die Ulmer Stadtkirche lag einmal vor den Toren der Stadt, bis ins 14. Jahrhundert. Aber vor den Toren drohte Krieg. Die Bürger hatten sich gerade gegen den Kaiser und seine Truppen gewehrt. Jetzt wollten sie sich selbst eine Kirche bauen, im Mittelpunkt von Ulm. Dafür schleppten die Ulmer, wenn man der Sage glauben darf, sogar Brocken der alten Kirche zum neuen Platz. Und alle Rechnungen bezahlten sie aus der eigenen Kasse, mit Spenden.

    Fast 300 Jahre lang wuchs das Ulmer Münster um keinen Meter

    Es ist auch nicht so, dass die Vision vom Turm ganz langsam in den Himmel gewachsen ist. Schon die ersten Baupläne, gigantische Skizzen: 20.000 Menschen sollten in der Kirche zum Gottesdienst Platz finden. Also hämmerten und feilten die Baumeister und ihre Gewerke, bauten in die Höhe – und kämpften zur gleichen Zeit schon gegen den Verfall. 1492 brachen einmal sogar Steine aus dem Turm, in Panik sprangen die Ulmer aus dem Münster. Und dann: Stillstand. Der Ulmer Rat beschloss 1529 den absoluten Baustopp. Fast 300 Jahre lang wuchs die Kirche um keinen Zentimeter, denn als die Renaissance ins Mittelalter brach, fielen die Kolosse der Gotik plötzlich aus der Mode. Haben die Ulmer damals ihre Liebe zum Münster kurz verloren? Das darf nie wieder passieren, findet Richard Géczi: „Wir wollen der Jugend zeigen: Schaut mal, was hier passiert. Wir wollen die nächste Generation für das Münster und unsere Arbeit begeistern.“ Am Tag des offenen Denkmals zum Beispiel führt er Besucher durchs Innere der bis zu diesem Tag noch höchsten Kirche der Welt.

    Aus dem Wettstreit um den Höhenrekord ist sowieso eine Freundschaft gewachsen, zwischen den großen Kathedralen, Domen, Münstern in Europa. Die Handwerker tauschen ihr Wissen aus, damals wie heute. „Ich habe auch schon die Bauhütte in Straßburg besucht, um mir Tipps und Hilfe zu holen. Um mich auszutauschen und den Kollegen und Kolleginnen unseren Handscanner zu demonstrieren“, erzählt Géczi. „Da habe ich gesagt: Ja gerne, wir hatten ja mal denselben Boss.“ Und damit meint er Ulrich Ensinger, Münsterbaumeister in Ulm um 1400, bis er an die Baustelle in Straßburg wechselte. Aber die Kontakte halten bis in die Gegenwart: Vor kurzem habe er Kollegen vom Kölner Dom getroffen, erzählt Géczi, und sie hätten sich dabei schön gefetzt. Der Dom in Köln sei ja eher klein, meinten die Ulmer, eine dicke Ente. Konter aus Köln: Aber dafür haben wir zwei Türme. Scherze unter guten Kollegen.

    Baumeister und Handwerker haben sich über Jahrhunderte im Münster verewigt – und dabei doch nichts verfälscht: „Jeder Steinmetz hat seine Handschrift“, sagt Géczi, kein Stein lässt sich eins zu eins kopieren. „Aber der Charakter muss erfasst sein.“ Und von Charakteren wuselt es in den Gemäuern. Kurze Atempause auf dem Weg nach oben, und ein Blick aus dem Wendeltreppenfenster: In fast 100 Metern Höhe streckt eine Frau ihre Knollennase in den Wind. Sie hängt am Münster und klammert sich nur mit ihren Beinen ans Gemäuer. Den Rest ihres Körpers spitzt sie kerzengerade in die Länge, Stirn voraus in den aufkommenden Sturm: „Das ist die Frau Huggele“, sagt Richard Géczi, und erzählt die Legende hinter der Steinskulptur: „Ihr Mann hat hier als Bauhelfer gearbeitet, er kam nie zu spät, war nicht einen Tag krank. Nur einmal, da kam er nicht. Dafür kam seine Frau und meinte: Es tue ihr schrecklich leid, sie müsse ihren Mann leider entschuldigen.“ Ja warum, hätten die Kollegen gefragt? „Er ist in der Nacht gestorben.“ Eine Geschichte vom Münster und seinen Menschen.

    So wie die Sage vom Spatz: Eines Tages karrten die Ulmer zum Bau des Münsters einen besonders langen Balken an. Sie schafften es aber nicht, den Pfosten durchs Stadttor zu bringen. Gerade wollten sie schon die ganze Mauer einreißen, da flog ein Vogel an ihnen vorbei. Er trug einen Zweig im Schnabel, um sich sein Nest zu bauen. Und der Vogel drehte das Ästchen im Flug – einfach längs. Da kamen die Ulmer ins Denken und legten den langen Balken der Länge nach auf ihren Karren. Statt quer, wie bisher. Wahrheitsgehalt der Legende? Zweifelhaft. Aber der Spatz ist bis heute das Symboltier der Stadt.

    Der Körper spitzt kerzengerade in die Länge, Stirn voraus in den aufkommenden Sturm: Die Frau Huggele.
    Der Körper spitzt kerzengerade in die Länge, Stirn voraus in den aufkommenden Sturm: Die Frau Huggele. Foto: Veronika Lintner

    Etwas von der Sehnsucht nach Höhe muss in den Ulmern immer geschlummert haben, auch in den 300 Jahren, als der Bau stillstand. Und dann half auch der Zeitgeist, der sich plötzlich drehte: Im 19. Jahrhundert entdeckten die Romantiker eine neue Liebe zur Gotik, zu den alten, vergessenen Kirchenkolossen – und Ulms Bürger machten sich wieder ans Werk. Jetzt wollten sie ihre Stadtkirche endlich vollenden. Fotografien in Schwarzweiß zeigen noch das unvollendete Münster, als eine Kirche ohne echte Spitze. Aber auf dem nächsten Bild im Album sieht man schon eine Spitze ohne Kirche: Die Mannschaft der Bauhütte posiert vor der Kreuzblume, vor dem spitzen Endstück, das sie der Kirche aufsetzen wollen. Am 31. Mai 1890 ist es so weit: Das Münster erhält sein Gipfelkreuz, 700 Zentner wiegt es. Zum Festtag reisen 32 Sonderzüge mit der Dampflok an, gefüllt mit Feiergästen. Turmbläser posaunen, Glocken läuten, im Kirchenschiff spielen sie ein Oratorium von Mendelssohn-Bartholdy. „Vater im Himmel. Baumeister der Welten“, so beginnt der Segensspruch für den letzten Stein, und er endet mit „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Der Wetterbericht für den Festtag? Wolkig durchwachsen, und trotzdem mit einmaligen Aussichten. Auf den jetzt höchsten Kirchturm der Welt.

    Die Sagrada Familia in Barcelona wird zum neuen Rekordhalter

    51.500 Tonnen. So schwer soll der ganze Westturm wiegen. Aber in 102 Metern Höhe, auf dem nächsten Aussichtspunkt, ist das Münster nur noch halb Stein und schon halb Luft und Himmel. Herbstwind pfeift um Lilien, Streben, Kreuzblumen. Herbstlicht fällt auf Stein. Die Wangen glühen und die Lunge pumpt noch ein bisschen schneller, wenn die Augen jetzt tief unten sehen, wie die Donau durch die Stadt fließt und schimmert. Ab diesem Plateau schraubt und zwirbelt sich der Turm immer enger in die Höhe. In der Mitte des steinernen Rundgangs wartet ein letztes Gewinde, Stufen führen hinauf zur allerletzten Wendeltreppe. Aber: Weg gesperrt. Die Gittertür verriegelt. Und das ist schon seit ein paar Jahren so, aus Sicherheitsgründen – noch so eine Baustelle für die Münsterhandwerker. Aber diese paar letzten Meter Turm, so viele können es gar nicht mehr sein, denkt man bei sich. Und dann rechnet man im Kopf nach: Es wären noch einmal vierzig Höhenmeter und zig Treppen weiter in den Himmel. Eine Frage am Gipfel: Wie viel Glauben steckt in diesen Steinen? Richard Géczi überlegt. Er will jetzt nicht zu persönlich werden, nicht von seiner Antwort auf die Frage nach Gott erzählen. Nein, er schweigt und bittet um Verständnis. Lieber blickt er noch ein Weilchen durch die Steine, in die Ferne.

    Diese eine Frage hört er natürlich oft: Wann werden Besucher wieder bis ganz nach oben steigen können, auf 141 Meter? „Status: In Planung, aber noch nicht abzusehen“, sagt Géczi. „Aber wenn das zum Jubiläum im Jahr 2027 klappen würde, wenn Ulm 650 Jahre Münster feiert, dann wär’ das was.“ 650 Jahre. Vielleicht schmerzt die Ulmer auch deshalb der Rekord-Klau in Barcelona nicht: Sie haben ihre Geschichte geschrieben und pflegen sie weiter. Auf die Pressemitteilung aus Barcelona folgt denn auch eine aus Ulm: „Wir Ulmerinnen und Ulmer bleiben selbstverständlich stolz auf unser Münster, auch ohne Rekord“, so der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher. Über die Ulmer Marke ist die Menschheit ja auch längst hinausgeschossen: Als sie 1890 die Spitze auf das Münster setzten, bauten sie in Chicago und New York schon die ersten Wolkenkratzer. Das nächste Höhenrennen begann: Empire State Building, 381 Meter. Petronas Towers, 452 Meter. Taipei 101, 508 Meter. Und aus dieser Höhensucht ist ein Gigant in der Wüste gewachsen: Burj Khalifa, 828 Meter. Fünf Ulmer Münster könnte man übereinanderstapeln und würde noch immer nicht die Antennenspitze des Turmbaus zu Dubai erreichen.

    Richard Géczi ist weit vernetzt in seiner Welt der Münster, Dome, Kathedralen, der Turmbauten für den Glauben. Nur nach Barcelona? Hat er noch keinen direkt Draht. Ja, aber ein Besuch sei natürlich geplant. Da will er schon mal rauf.

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