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Corona-Gespräche

12.02.2021

Theaterleiter trifft Theaterzuschauerin: "Der Austausch fehlt enorm"

Machten den Auftakt zur Serie "Corona-Gespräche": Theater-Abonnentin Verena Hueck und Theatermacher Sebastian Seidel.
Bild: AZ

Plus Theatermacher Sebastian Seidel und Abonnentin Verena Hueck sprechen zum Auftakt unserer neuen Serie über die spiellose Zeit, Online-Inszenierungen und neue Impulse für die Kunst.

Die letzten Vorstellungen im Augsburger Sensemble Theater fanden im November statt. Der Theatermacher, die Theaterzuschauerin – wie sehr vermissen Sie sich eigentlich?

Verena Hueck: Enorm. Im Herbst ging es irgendwie noch so, da hatte man vielleicht auch noch den Sommer im Gepäck, aber jetzt sage ich: Ich brauche Theater, ich brauche die Anregungen, ich brauche euch.

Sebastian Seidel: So geht es uns natürlich auch. Es ist extrem frustrierend, in einem leeren Theater zu sein, ohne Perspektive, wann es wieder geöffnet wird, und an Stücken zu proben, ohne zu wissen, wann man von seinem Publikum, das man schon so lange kennt, wieder diese Reaktion bekommt. Für mich ist es immer ein spannender Moment, wenn man nach der Premiere an die verschiedenen Tische geht, um zu reden und zu gucken, wie kam das Stück an, was habt ihr gesehen, was habt ihr anders gesehen als ich. Dieser Dialog, dieser unmittelbare Austausch direkt nach der Vorstellung, der fehlt mir enorm. Der ist gar nicht aufzuwiegen.

Hueck: Das merke ich auch total. Deswegen sind auch Online-Angebote für mich keine Alternative. Das haben wir bei eurem Improstück, das ihr gestreamt hat, festgestellt. Da konnte man sich zwar im Chat austauschen, aber das hat mit dem Theatergefühl, das man sonst hat, überhaupt nichts zu tun. Es riecht nicht nach Theater, die Leute gehen nicht mit, es gibt keinen Applaus, gar nichts, sondern du sitzt nur da und konsumierst, was da auf dem Bildschirm zu sehen ist – ohne Rückkopplung. Das ist ähnlich wie Gottesdienste im Fernsehen, das geht für mich auch nicht. Was mich interessiert, man bekommt ja jetzt mit, dass sich viele Künstler anders orientieren. Ist das für euch eigentlich ein Problem?

Seidel: In der freien Szene gibt es immer viel Nachwuchs, viel Hoffnung, jetzt aber sind schon wirklich viele ins Grübeln geraten. Der Hauptdarsteller von unserem Stück „Waisen“ hat beispielsweise das Handtuch geschmissen und eine Schreinerlehre angefangen. Eine Schauspielerin macht gerade ihren Meister. Andere haben sich mit Workshops und Trainings ein zweites Standbein aufgebaut. Aber das Problem ist natürlich, wenn sie andere Jobs haben, sind sie zeitlich nicht mehr so verfügbar. Der eine kann Mittwoch nicht, die andere Donnerstag. Aber wir proben ja nun mal jeden Tag. Wenn es losgeht, werden sie sich tatsächlich entscheiden müssen, was sie wollen.

Grübeln Sie denn auch?

Seidel: Dass der Lockdown jetzt so lange geht, das hat schon alle noch einmal verunsichert. Im Moment glaubt keiner mehr so richtig daran, dass es dieses Jahr noch einmal richtig gut wird. Die größeren Projekte, auf die sich alle gefreut haben, fallen alle wieder flach. Ich war fest der Überzeugung, dass wir nach Ostern wieder spielen können, aber eigentlich geht die Theaterszene jetzt vom Sommer aus. Und die Frage ist dann: Unter welchen Bedingungen?

Hueck: Das ist natürlich auch für mich keine schöne Aussicht.

Seidel: Aus Theatersicht finde ich es verheerend. Deswegen kommt man doch ins Grübeln, ob man Online-Formate macht, auch wenn ich durch und durch Theatermensch bin. Ich möchte diesen Livekontakt. Aber es gibt auch einfach sehr brennende Themen in der Gesellschaft, die man ja als Künstler bearbeiten will. Ich habe letztes Jahr ein Stück umgeschrieben, „Wahlschlacht“, das hätte wahnsinnig gut in den Januar gepasst mit der Auseinandersetzung in der CDU um den Parteivorsitz, es wäre im Vorfeld vor der Bundestagswahl wichtig. Jetzt haben wir es auf April verlegt, das wird wohl auch nichts, dann vielleicht September. Aber das ist alles so weit hin, das ist gerade schwer zu ertragen.

Hueck: Mir geht es auch so, dass ich gerade häufig denke: Mensch, das wäre jetzt doch idealer Stoff fürs Theater. Die Skurrilität unseres Alltags oder die unterschiedlichen Arten, wie man mit der Situation jetzt umgeht. Da ist so viel Stoff da. Das würde ich wahnsinnig gerne von euch aufgegriffen sehen, auch um selber besser damit klarzukommen.

Leerstand statt Spielbetrieb: Das Sensemble-Theater in Augsburg im Lockdown.
Bild: Silvio Wyszengrad

Wie oft gehen Sie denn normalerweise ins Theater?

Hueck: Etwa einmal im Monat. Wir haben Abonnements für das Sensemble Theater und das Staatstheater Augsburg, eine Zeit lang sind wir auch noch regelmäßig ins Residenztheater nach München gefahren, das wurde aber zu viel.

Als Sie Ihre Abos verlängerten, sind Sie eigentlich davon ausgegangen, dass alle Aufführungen stattfinden?

Hueck: Nein, ich war ohnehin skeptisch. Insofern bin ich nicht mit der Erwartung rangegangen, dass das jetzt im Herbst alles wieder stattfindet. Aber für mich war es gar keine Frage, dass man natürlich auch weiterhin Abonnent bleibt, das Theater damit unterstützt, und bibbert und hofft, dass die Situation irgendwann wieder so ist, das man sich unbeschwert dort treffen kann.

Könnten Sie das gerade überhaupt – unbeschwert ins Theater gehen?

Hueck: Die Frage stellt man sich schon: Würde man sich eigentlich wohlfühlen? Wenn der Zuschauer neben einem hustet? Man ist da nicht mehr so unbefangen. Im Grunde scannt man seine Umgebung die ganze Zeit. Kann ich mich dann aufs Theater konzentrieren oder denke ich mir eher: Wer trägt hier welche Viren spazieren?

Seidel: Das ist eine grundsätzliche Sache, die du ansprichst. Wir Menschen haben jahrzehntelang so getan, als könnten wir die Natur technisch besiegen und uns davon abgrenzen, und jetzt werden wir gerade darauf zurückgeworfen, dass wir Teil der Natur sind. Doch mehr Tier, als wir dachten. Und dieser Zwiespalt, den man jetzt wahrnimmt, auf der einen Seite will man wieder Menschen erleben, auf der anderen Seite ist genau das die Gefahr. Da ist Theater genau der Schnittpunkt zwischen dem, was wir brauchen und wollen, und dem, worum wir uns nun sorgen. Wie wir damit umgehen sollen, das weiß ich auch nicht so genau, aber der Gedanke, dass mein Nachbar mich ansteckt, wird wahrscheinlich noch ewig bleiben. Wir werden zum Beispiel auch für die Zeit nach Corona den Abstand zwischen den Zuschauern vergrößern.

Schreiben Sie schon an einem Stück, in dem Sie diesen Gedanken verarbeiten?

Seidel: Ja, zusammen mit Christian Krug. Wir arbeiten an einem Stück, in dem es um den Übergang zwischen Leben und Tod geht. Wann lebt man noch und wann ist man schon tot. Das kann man jetzt metaphorisch sehen oder ganz real. Wenn alles, was das Menschsein ausmacht, wegfällt, lebt man dann noch?

Hueck: Das ist so ein bisschen das, worauf ich mich dann auch freue. Ich denke, jetzt, da wir auf so existenzielle Fragen zurückgeworfen sind, das muss doch einen irren Impuls geben. Das muss für die Kulturszene eigentlich auch eine wahnsinnige Chance sein, neue Themen auf die Bühne zu bringen. Da hoffe ich sehr auf euch, weil ich glaube, wir müssen schon viel verarbeiten in nächster Zeit. Auch die Angst, dass so etwas wiederkommt.

Seidel: Was mich gerade überrascht, dass die Klimadiskussion gar nicht so in den Vordergrund rückt. Jetzt haben wir sozusagen Spielraum, wir verschmutzen ja die Umwelt nicht so sehr wie sonst, da könnte man auch positiv rangehen: Was wollen wir mitnehmen, was verändern, wie wollen wir miteinander umgehen? Uns im Theater aber sind gerade die Mittel genommen, diese Auseinandersetzung zu führen. Deswegen glaube ich auch, dass es irgendwann jetzt so eine kleine Explosion geben könnte, einen kreativen Schub. Ich hoffe nur, dass dann nicht so eine Art Kulturüberdruck entsteht und wir auch die Zeit haben, über die Themen zu diskutieren. Das ist ja auch das, was das Sensemble ausmacht. Für mich war immer klar: Wenn ich ein Theater mache, dann nur mit Bar direkt daneben und die Wege kreuzen sich und man redet.

Hueck: Genau das geht mir ja so ab. Dass man nach dem Theater an der Bar steht und, während man aufs Getränk wartet, mit anderen ins Gespräch kommt. Das ist unglaublich bereichernd.

Hier saß schon lange niemand mehr: Der Saal des Sensemble-Theaters in Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Was meinen Sie: Wird diese Zeit im Nachhinein gesehen vielleicht auch für irgendetwas gut gewesen sein?

Hueck: Es heißt ja immer, alles ist für irgendwas gut, aber ich hätte auf Corona verzichten können. Da gibt es eigentlich nichts Gutes. Unsere Wochenenden sind sonst voll mit Freunden und Familie. Ich verkümmere, wenn ich nicht im Austausch mit anderen stehe. Das Einzige, was ich mir geschworen habe, ist, dass man mit Freunden, die weiter weg wohnen, auch künftig die Online-Kommunikation nutzt, weil das immer noch besser ist, als wenn man sich gar nicht sieht.

Seidel: Stimmt, das kann man mitnehmen. Ich hatte selten so viel Kontakt mit Theaterkollegen und -kolleginnen, Familienmitgliedern und Freunden, die im Ausland leben, wie in den letzten Monaten über Videokonferenzen. Was die Kulturszene betrifft: Da ist durch Corona klar geworden, dass wir noch viel mehr Lobby- und Aufklärungsarbeit leisten müssen. Die ersten Hilfsprogramme haben gezeigt, dass viele Politiker doch keine Ahnung haben, wie Künstler und Soloselbstständige überleben. Das war jetzt auch ein Klärungsprozess, der dazu geführt hat, dass wir uns besser vernetzt haben. Was ganz vielen Kunstschaffenden jetzt am meisten Angst macht: Dass, wenn jetzt gespart werden muss, Fördergelder für die Kultur gestrichen werden. Dass uns also die Folgen von Corona noch länger beschäftigen als Corona.

Hueck: Falls ihr dann eine Demo für die Kultur organisiert – ich gehe mit!

Über die Folgen der Pandemie für die Kultur haben wir in unserem Podcast mit den Augsburger Klassik-Solisten Sarah Christian und Maximilian Hornung gesprochen. Hier können Sie das Gespräch anhören.

 

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