Herr Sommer, muss man die Antike vom Sockel holen?
MICHAEL SOMMER: Das ist schon geschehen, aber trotzdem ist das Tor zu dieser aufregenden Epoche noch für viele verschlossen. Sich mit lateinischer Literatur, griechischer Kunst oder eben Alter Geschichte zu befassen, gilt als elitär. Das muss es aber nicht sein, und unsere Absicht war es, einen barrierefreien Zugang zu diesem Zeitalter zu öffnen, das uns allen viel zu sagen hat.
Unterscheidet man nicht gerne zwischen den schwafelnden Griechen auf der Agora und den Römern auf dem Schlachtfeld?
SOMMER: Das schon, aber die Unterscheidung ist doch sehr holzschnittartig. Die Römer waren da pragmatischer, wo die Griechen es mit der Theorie hielten. Die Griechen haben mitnichten den ganzen Tag philosophiert, vielmehr hing in Athen oder Sparta fast immer Krieg in der Luft. Und bei den Römern war die Sache mit dem „römischen Frieden“, der Pax Romana, nicht nur so dahingesagt. Ja, die Römer eroberten mit dem Schwert, aber sie bescherten der Mittelmeerwelt auch eine lange Phase des Friedens und des Wohlstands.
Im Buch geht es vor allem um die Gewalt, welchen Einfluss hat die Regierungsform?
SOMMER: Der überraschende Befund ist: Die attische Demokratie ruhte auf den Lanzen der Hopliten (Anm. d. Red.: schwer bewaffnete Bürgersoldaten) und den Rammspornen ihrer Kriegsschiffe. Ohne den Attischen Seebund und die Beiträge, die Athens Bundesgenossen regelmäßig in die Metropole überwiesen, wäre die teure Demokratie gar nicht lebensfähig gewesen. Die Athener Demokraten machten eine kleine Stadt wie Melos, die sich vom Seebund lossagen wollten, kurzerhand platt.
Und Rom?
SOMMER: Da fällt die wirklich dynamische Phase der Expansion mit ihren vielen blutigen Kriegen in die republikanische Ära. Unter den Kaisern, ab Augustus, konsolidierte sich das Imperium und ließ seine Peripherie an den Segnungen der Mittelmeerzivilisation teilhaben. Dass die attische Demokratie und die römische Republik weniger friedlich waren als die Alleinherrschaft der Kaiser, ist aus heutiger Sicht einigermaßen paradox. Trotzdem war es so.
Was bei vielen Cäsaren irritiert, ist die Willkür. Ein falsch zitierter Vergil-Vers konnte eine Hinrichtung nach sich ziehen. Ganz schlecht kam es an, über den Kaiser zu spotten.
SOMMER: Caracalla veranstaltete im ägyptischen Alexandria ein Massaker, weil sich die notorisch spottlustigen Alexandriner über ihn lustig gemacht hatten. Und Nero konnte es nicht leiden, wenn Senatoren bei seinen künstlerischen Darbietungen einschliefen. Es gab aber auch Mächtige mit Sinn für Humor. Caesar ertrug es, wenn man über ihn lachte. Er zahlte es den Spöttern gern in gleicher Weise heim.
Welche besonders fiesen Morde hat die Antike parat?
SOMMER: Dass Kaiser Claudius, der seiner Gattin Agrippina länger schon im Wege war, an einem Pilzgericht gestorben ist, war wohl kein Zufall. Wenn es so gewesen ist. Und wenn Geta in den Armen der Mutter vom eigene Bruder Caracalla erdolcht wird, dann kann man so etwas gar nicht erfinden.
Gebührt nicht Kaiser Domitian ein Spitzenplatz in den Blut-Charts?
SOMMER: Ja, sowohl als Mörder wie auch als Mordopfer. Aus politischem Kalkül ließ er reihenweise Senatoren über die Klinge springen. Als er selbst an der Reihe war, verteidigte er sich mit Mut und Stärke. Aber irgendjemand hatte den Dolch entwendet, den er immer unter dem Kopfkissen aufbewahrte. So zog er am Ende den Kürzeren.
War die Gewalt in der Antike besonders heftig?
SOMMER: Die Antike war brutal, aber nicht brutaler als andere Epochen auch. Der römische Dichter Plautus hat gesagt: „homo homini lupus“ – „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Solange es Menschen gibt, wird es auch Gewalt geben und solche, die Gewalt für ein legitimes Mittel der Politik halten.
Immerhin war Rom 700 Jahre lang Weltmacht. Irgendetwas scheint gut funktioniert zu haben.
SOMMER: Das kann man wohl sagen. Ein Imperium, das so lange hält, beruht auf mehr als nackter Gewalt. Die Römer waren eben auch Integrationsweltmeister. Sie haben den Verlierern ihrer Eroberungen Angebote gemacht, die sie nicht ablehnen konnten. Binnen einer oder zweier Generationen wurden aus Opfern dann Römer und damit Teilhaber ihrer Zivilisation.
Welche Phase der Antike war besonders übel?
SOMMER: Schwer zu sagen. Im klassischen Griechenland gab es mehr Kriegs- als Friedensjahre. Die Römer kämpften blutige Eroberungs- und fast noch blutigere Bürgerkriege. Sie strömten ins Amphitheater, um zu sehen, wie das Blut der Gladiatoren spritzt und Gliedmaßen durch die Gegend fliegen. Trotz allem hatten antike Gesellschaften effektive Mittel des Gewaltmanagements. Auf den Straßen Athens und Roms ging es nicht gewalttätiger zu als auf denen Berlins oder New Yorks.
Wie immer sind die blutrünstigen Frauen in der Unterzahl. Medea, die ihre Kinder umbringt, zählt ja eher nicht.
SOMMER: Medea wird erst zur Täterin, nachdem man sie zum Opfer gemacht hat. Es gibt aber schon ein paar Beispiele von Frauen, die um der Macht willen über Leichen gingen: Agrippina zum Beispiel, die ihren Sohn Nero um jeden Preis auf dem Kaiserthron sehen wollte und die alle aus dem Weg räumte, die diesem Ziel im Weg standen. Oder Theodora, die machtbewusste Gattin des Kaisers Justinian, die 532 nach Christus ihren Mann antrieb, einen gefährlichen Aufstand mit brutaler Gewalt zu unterdrücken.
Welche Rolle spiel die Religion? Man könnte doch annehmen, dass durch Konstantins Hinwendung zum Christentum die Gewalt zurückging.
SOMMER: Das wäre wohl zu schön gewesen, um wahr zu sein. Tatsächlich haben die einst verfolgten Christen schnell den Spieß umgedreht. Christliche Mobs haben Menschen gelyncht, weil sie sich zu den alten Kulten bekannten. Fast noch schlimmer war es, wenn man den falschen Glauben an Jesus Christus hatte. Was jeweils Ortho- und was Heterodoxie war, konnte sich schnell ändern.
Und die Bergpredigt?
SOMMER: Wurde schnell über Bord geworfen. Das christliche Imperium führte gewiss nicht weniger Kriege als die polytheistischen Kaiser vor ihm. Nicht einmal die blutigen Spiele und die Sklaverei wurden verboten. Eigentlich änderte sich mit der neuen Religion – nichts.
Gibt es etwas, das wir uns gerade heute von der Antike abschauen könnten?
SOMMER: Ich denke schon. Die Menschen der Antike kannten nicht unseren Fortschrittsbegriff. Sie waren der Überzeugung, sie hätten schon eine ganze Menge erreicht, wenn sie so halbwegs auf Augenhöhe mit der Generation ihrer Eltern und Großeltern lebten. Das Goldene Zeitalter lag nicht in der Zukunft, sondern in ferner Vergangenheit. Wer so denkt, reagiert weniger nervös auf Krisen, die es natürlich auch in der Antike gab. Ein kleines bisschen von dieser Einsicht, dass nicht immer automatisch alles besser und schöner wird, täte uns ganz gut.
Zur Person
Michael Sommer, 55, ist Spezialist für das römische Kaiserreich hat nach Stationen in Freiburg, Oxford und Liverpool seit 2012 eine Professur für Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zusammen mit Stefan von der Lahr hat er im Verlag C. H. Beck soeben „Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram“ vorgelegt (364 Seiten, 26 Euro).
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