Kälte und Regen bestimmen noch immer das Wetter in England, obwohl der Frühling laut Kalender naht. Und während sogar vor einem Wintersturm mit Schnee gewarnt wird, macht sich Dr. David Hunter im neuen Roman „Knochenkälte“ des englischen Bestseller-Autors Simon Beckett auf den Weg zu einer Suchaktion nach einem vermissten Teenager. Becketts erstes Buch „Chemie des Todes“ über den Forensiker wurde 2023 sogar als Serie verfilmt und faszinierte Millionen von Menschen. Im siebten Teil der Romanserie spielt der Autor nun mit der Angst, sich auf einer unbekannten Route zu verirren – nur weil man dem Navigationssystem vertraut hat.
Im Glauben, dass das Navi ihn schon irgendwie an sein Ziel bringen wird, verirrt sich der berühmte forensische Anthropologe mitten in den Cumbrian Mountains und schließlich in das abgelegene Dorf Edendale. Noch weiß er nicht, dass eine Leiche, die er dort finden wird, das Leben der Bewohner auf den Kopf stellen wird.
Ein 90-jähriger Boxer verströmt Grusel in „Knochenkälte“
In solch Dörfern wie Edendale kennt jeder jeden – fast wie in einer großen Familie. Und wie in fast jeder Familie gibt es auch in diesem Dorf Geheimnisse. Als Hunter nach der unendlichen Reise durch die Dunkelheit schließlich zum Pub des Orts findet, merkt er schon beim Betreten, dass hier etwas in der Luft liegt: „Während ich mich bemühte, die Tür hinter mir zu schließen, fiel mir etwas auf. Die Stille.“ Bald soll der Forensiker auch verstehen, warum alle so still sind und wer im Pub, ja im ganzen Dorf das Sagen hat: ein 90-jähriger ehemaliger Boxer, Wynn Beddoes. Die Ehrfurcht der Pub-Stammgäste vor dem widerspenstigen Beddoes beschreibt Beckett schnell eindringlich. So hat Beddoes zwei Kinder, die ihrem Vater niemals widersprechen würden. Denn wie der 90-Jährige später selbst klarstellt: „Einem Beddoes schreibt niemand vor, was er zu tun hat! Niemand!“ Nicht mal die eigene Familie.
Wer ist die Leiche, die David Hunter unter einer Fichte findet?
Auffällig ist auch ein weiterer Stammgast und guter Freund der Familie Beddoes: Vic Hooley – ein stämmiger, aufmüpfiger Mann, der sich gerne in alles einmischt. Außer Wynn Beddoes hat eine andere Meinung, dann verstummt selbst er – wenn auch widerwillig. Von Anfang an wirkt Hooley, mit seiner hochnäsigen Art, auf Hunter nicht gerade vertrauenswürdig: „Der dicke Dartspieler wirkte auf eine Art brutal, die sich mit jedem weiteren Bier nur verschlimmern würde.“ Dabei hebt Beckett die Unterschiede zwischen dem studierten Forensiker und den Dorfbewohnern sprachlich hervor: Hunter verwendet auch ausgewählte Fachbegriffe, während Hooley und die anderen Bewohner öfter zu Schimpfwörtern greifen. Beckett zeigt damit, dass Hooley versucht, sich selbst besser und wichtiger zu fühlen, indem er Hunter erniedrigt, vorführt, beleidigt. So empfiehlt er Hunter als Unterkunft ein ehemaliges Hotel, das zufällig Jon Reese gehört. Den Hooley aus einem ganz bestimmten Grund verabscheut. Warum, wird Hunter später selbst klar, als er sich auf die Suche nach einem Handysignal macht und dabei eine mit den Wurzeln einer Fichte verflochtene Leiche findet.
Für die Dorfbewohner steht fest: Das muss das Skelett des verschwundenen Jed Beddoes, Sohn von Wynn Beddoes, sein. Laut der Familie und Hooley soll Jon Reeses Vater Owen den jungen Beddoes umgebracht haben. Grund dafür sei der Streit der beiden um eine Frau. Zwar lässt sich die Ähnlichkeit der Struktur des Skeletts mit Wynn Beddoes nicht leugnen, aber in einer Sache stimmen die Indizien der Knochen nicht mit den Aussagen der Bewohner überein.
Tiefe Verflechtungen: Das macht Simon Beckets Thriller so spannend
Seinen Fund will und muss Hunter sofort der Polizei melden, nur sitzt er in dem Dorf fest und das ohne Strom oder Netz. Damit beginnt für den Forensiker wortwörtlich eine Verfolgungsjagd nach der Wahrheit, bei der er selbst in die Geheimnisse zweier Familien hineingezogen wird. Je mehr der Forensiker herausfindet, desto mehr offenbart sich der Abgrund der Eitelkeit, des gekränkten Egos und der Überheblichkeit zweier Männer.
Zwar tauchen am Anfang des Romans viele Namen auf, die sich erst im Laufe der Geschichte im Gedächtnis verfestigen, doch mit Beschreibungen wie „elfenhafte Frau“ oder „der dicke Dartspieler“ behält man als Leser wenigstens etwas den Überblick. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verhältnisse zwischen den Dorfbewohnern selbst wie eine Verflechtung von Baumwurzeln wirken. Und doch macht genau das die Geschichte so spannend. Von Seite zu Seite wird es schwerer, den Thriller beiseite zu legen und ehe man sich versieht, fällt einem mindestens zweimal die Kinnlade beim Lesen herunter. Und einen Gedanken nimmt man mit: Vielleicht ist es manchmal doch klüger, einfach im Stau stehenzubleiben, statt der vermeintlich besseren und unbekannten Route eines Navigationssystems zu folgen – zumindest bei Knochenkälte und Dunkelheit.
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