In seinen Büchern setzt Ferdinand von Schirach seine Leserinnen und Leser gern moralisch-juristischen Grenzfragen aus, die über den reinen Schuldspruch hinausgehen. Nun hat der Bestsellerautor und ehemalige Strafverteidiger ein Kinderbuch geschrieben (und auch mit eigenen Zeichnungen illustriert), in dem er jungen Leserinnen und Leser die Grundlage zur Erforschung dieser moralischen Grenzbereiche an die Hand gibt: die Grundrechte, allen voran die Unantastbarkeit der Würde eines Menschen. Auf eine klassische Heldenreise schickt er den Jungen Alexander, an deren Ende nichts weniger stehen soll als die Erkenntnis, wie die Menschen in Frieden und Freiheit zusammenleben könn(t)en.
In Kaliste, einer fiktiven antiken Stadt am Meer, fragen sich die Einwohner nach Krieg und Tyrannei, wie sie die Zukunft besser gestalten können, damit die Stadt wieder zu einstiger Blüte gelangt und die Menschen in gegenseitiger Verantwortung und Rücksicht miteinander leben. Sie erkennen, dass sie hierfür Regeln benötigen, die allen gleiches Recht zugestehen.
Ferdinand von Schirachs „Alexander“: Welche Regeln braucht eine friedliche und tolerante Gesellschaft?
Nur so können sie verhindern, dass wieder einer allein die Macht an sich reißt. Nur ein Kind, das unvoreingenommen und neugierig ist, kann ihrer Meinung nach diese „guten Gesetze“ finden und so schicken sie den in sich gekehrten, sanften Alexander los, nach diesen Gesetzen zu suchen. Auf seiner Reise trifft er das Orakel von Delphi, einen Philosophen in der Tonne, einen eingebildeten Modeschöpfer, ein streitlustiges Zwillingspaar, auch ein Schaumschläger ist sehr zum Vergnügen erwachsener Mitleser darunter, der nackt in der Badewanne sitzt und dessen Haare ganz orange geworden sind. Aus diesen Begegnungen gewinnt Alexander Erkenntnisse, die Prinzipien einer friedlich und tolerant zusammenlebenden Gemeinschaft sind, in der die Freiheit des Einzelnen zählt, solange sie die Freiheit des anderen nicht beschränkt.
„Alexander“ ist kein peppig erzählter Roadtrip, der von einem Abenteuer zum nächsten führt, sondern eine in ruhigem Fluss voranschreitende Geschichte im typischen von Schirach-Ton: manchmal ein wenig melancholisch, manchmal auch ein wenig altväterlich, dabei klar und gewählt in der Sprache.
Von Schirach ist nah an der Gedankenwelt von Kindern
Doch bleibt der Autor mit seiner Figur und ihrer Art, auf die Welt und ihre Menschen zu blicken, nah an der Gedankenwelt von Kindern - und lässt sie so letztlich ein Abenteuer der ganz anderen Art erleben: die Idee der Gerechtigkeit.
Ferdinand von Schirach: Alexander. Penguin Junior, 160 S., 18 Euro – ab 10
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