Als mögliche Kanzlerin sei Alice Weidel „eine Ermutigung für Frauen“. Man muss schon ein wenig schlucken, um diese Formulierung zu verdauen, die im „Spiegel-Spitzengespräch“ mit Markus Feldenkirchen aus dem Mund von Alice Schwarzer gekommen ist. Jene Alice Schwarzer, die eine Ikone der Frauenbewegung ist, sieht nun also eine Frau als Role-Model, deren Partei ein reaktionäres Frauenbild vertritt, das Schwarzer Jahrzehnte vehement bekämpfte? Wie passt das etwa zum von der AfD propagierten Versorger-Modell der Ehe; wie zu den AfD-Bestrebungen nach einer Verschärfung des Rechts auf Abtreibung, die Schwarzer doch ganz, also auch ohne Pflichtberatung, der Entscheidungsfreiheit der Frauen überlassen möchte?
Nach großem Aufschrei und hämischen Kommentaren haben Alice Schwarzer selbst und auch die Frauenzeitschrift Emma, deren Gründerin sie ist, klargestellt: Natürlich befürworte Schwarzer keine Kanzlerin der AfD – und im Übrigen auch keinen Kanzler dieser Partei. Der Satz sei aus dem Zusammenhang gerissen und werde dadurch unzulässig zugespitzt bzw. „skandalisiert“, wie es bei Emma heißt. Gegenüber dem Tagesspiegel stellte Schwarzer klar, dass für sie persönlich eine Kanzlerin Weidel nicht ermutigend sei. „Ich finde ja die gesamte AfD eine Katastrophe und bedaure, dass sie durch eine in Teilen unrealistische Migrationspolitik so wachsen konnte.“
Alice Schwarzer äußert sich zu Weidel als möglicher Bundeskanzlerin
Also alles aufgebauscht und nur die übliche Aufregungs-Maschinerie der Medien, die gern auf die pointierten Formulierungen Schwarzers anspringen? Und wie konnte es überhaupt zu dieser Äußerung kommen?
Im Spitzengespräch des Spiegel hatte Markus Feldenkirchen Alice Schwarzer Fotos einiger prominenter Frauen gezeigt, darunter auch Alice Weidel, verbunden mit der Frage: „Wenn Alice Weidel nach Angela Merkel die nächste Bundeskanzlerin werden würde, wie gut wäre das für die Sache der Frauen? Schwarzer antwortete zuerst: „Schwierig. Das ist schwierig.“ Und auf Feldenkirchens Einwurf, er höre da eine gewisse Ambivalenz heraus, folgte dann ihre Ausführung: „Ja, Sie unterstellen da jetzt ganz viel. Sie wäre Bundeskanzlerin usw. Sie fragen nicht nach der Person an sich. Das wäre sicherlich … hätte trotz alledem vermutlich den Effekt, ermutigend für Frauen zu sein. Wahrscheinlich. Unter anderem ja.“
Schwarzer kritisiert schnelle medizinische Eingriffe bei Transgender
Große Begeisterung, gar Befürwortung für eine künftige Kanzlerin Alice Weidel, hört sich in der Tat anders an. Und der Korrektheit halber muss auch erwähnt werden, dass Schwarzer in dem Gespräch vor einem Erstarken der AfD warnt. Dennoch muss sie sich fragen lassen, ob sie, die doch sonst so wortgewandt und schlagfertig zu argumentieren versteht, hier nicht reichlich undifferenziert die Belange des Feminismus vertreten hat, impliziert ihre Antwort doch: Egal wer, Hauptsache eine Frau. Stellte sie sich deshalb auch an die Seite der Putin-Fürsprecherin Sahra Wagenknecht, um ihre Gegnerschaft zu Waffenlieferungen an die Ukraine deutlich zu machen, und nicht an die des SPD-Mannes Ralf Stegner, der diese Haltung ebenfalls vertritt? Lieber schillernde Powerfrau als Polit-Langweiler?
Nicht zum ersten Mal eckt Alice Schwarzer mit ihrer aus dem feministischen Blickwinkel argumentierenden Sichtweise gerade bei Feministinnen an. Ihre Äußerungen über Transgender werden, ähnlich wie die der Schriftstellerin Joanne K. Rowling, höchst zwiespältig gesehen. Denn Schwarzer zieht in Zweifel, dass die stark angewachsene Zahl von Menschen, die sich als im falschen Geschlecht geboren fühlen, wirklich Transsexuelle seien. Viel zu schnell und auch in zu jungen Jahren erfolgten mittlerweile entsprechende medizinische Behandlungen, kritisiert sie.
In ihrem neuen Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ – einer Art Handbuch des Feminismus, in dem sie in Kurzessays zu zentralen Begriffen historische Entwicklungen und aktuelle Debatten aus Politik und Gesellschaft aufgreift – weist Schwarzer darauf hin, dass es viele Geschlechterrollen gebe, aber nur zwei biologische Geschlechter. Sie verstehe, dass gerade Frauen sich in den ihrem Geschlecht zugewiesenen Rollen nicht wohlfühlen könnten, und kommt zu dem Schluss: „Um der Geschlechterrolle zu entkommen, muss man weder Hormone schlucken noch sich als Frau die Brüste abnehmen oder gar die Genitalien verstümmeln lassen. Man kann sich einfach dieselben Freiheiten nehmen wie ein Mann.“ Für Frauen, die sich in der existenziellen Zwangslage befinden, im falschen Körper zu leben, ein Affront – genauso wie jener, der Alice Weidel zum emanzipatorischen Vorbild macht.
Alice Schwarzer: Feminismus pur. 99 Worte. Heyne, 224 Seiten, 22 Euro.
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