Pro: Mit dem Essen spielen, an Halloween ist es erlaubt
Marshmallows in die Mikrowelle stecken, bis sie sich aufblähen, rät die Youtuberin. Dann die Schaumwürfel auseinanderziehen und die Fäden über den gebackenen Teigturm spannen, fertig ist die Halloween-Torte mit Marshmallow-Spinnweben. 300.000 Likes. #spookyseason. Im Netz geistern tausende Videos und Rezepte zu ausgefallenen Halloween-Häppchen umher. Der reinste Horror, urteilen Halloween-Muffel und verteufeln die spinnverwebten und blutverzierten Snacks als unappetitliche Spielerei.
Dabei sind die essbaren Grusel-Kreationen das Beste, was das Kommerzfest zu bieten hat. Eine Quelle der Inspiration, auch für andere kulinarische Großereignisse. Was lässt sich nicht alles auf den Teller drapieren. Da werden Grimassen in gefüllte Paprika und Totenköpfe in Champignons geritzt, zerkrümelte Schokokekse zu Erdhaufen aufgetürmt und Gräber ausgegabelt. Keks-Knochen backen, Fondant-Spinnen kneten, Oliven zu Augen anrichten, Teigtaschen zu Händen formen und mit Speck umwickeln für den Häutungseffekt, zu Halloween können sich Hobbyköche mal richtig verkünsteln.
Ketchup und Erdbeersoße mutieren zu Blutkonserven, Teigröllchen verwandeln sich in abgetrennte Finger. Fingerfood, zum Anbeißen. Mit dem Essen spielen, an diesem Tag ist es erlaubt. Ein Spaß nicht nur für Kinder, die den Brokkoli vielleicht eher essen, wenn er sich als grüner Schleim unters Ekel-Essen mischt. Und so ein Gruselkabinett auf dem Teller macht was her. An Chips im Schälchen erinnert sich niemand mehr. Der Pumpernickel, auf dem sich Streichwurst mit einem Spritzbeutel aufgeschlängelt zum essbaren Gehirn auftürmt, bleibt im Gedächtnis. Bon appétit! (Felicitas Lachmayr)
Contra: Es heißt, das Auge isst mit, nicht, das Auge isst man mit.
Es gibt im Deutschen die Redewendung: Das Auge isst mit. Es bedeutet: Ob uns etwas schmeckt oder nicht, hängt auch vom Aussehen der Speise ab! Es bedeutet nicht: Das Auge isst man mit. Wie kann man das an Halloween einfach vergessen? Ist Essen, das einen anblickt, an diesem irren Tag weniger verstörend? Auf den Buffets, auf den Tellern, auf Spießchen, überall Augen! Augen aus Mozzarella, Augen aus Löffelbiskuit, Augentörtchen, Augenmuffins, sogar Pannacotta lässt sich mit einer Kiwi und einer Beere optisch verhunzen. Highlight aus dem Horror-Rezeptforum aber: Augen im Eiter, glitschige Litschis, die in Vanillepudding schwimmen.
Nach diesen Amuse-Gueules nun zum Handfesten: Finger! Manche essen gerne mit Fingern, manche nicht, aber die Finger selbst werden nie angeknabbert. Warum an diesem Tag? Rosa Finger aus Wiener Würstchen mit Mandeln als Nägel und ein bisschen Ketchup fürs Blut, gelbliche Griffel aus Teig, oder vielleicht doch gleich eine ganze Butterknoblauchhand, umwickelt mit Schinken? (Wem jetzt das Wasser zwischen dem Dracula-Gebiss zusammenläuft, ja, findet man auch alles in einschlägigen Foren). Noch Appetit an dieser Stelle? Oder muss jetzt doch ein Drink her: Flüssiges Gehirn – der ultimative Halloween Shot aus Pfirsichlikör, Sahnelikör und Grenadine. Damit Gehirnstrukturen entstehen, den Sahnelikör mit einem Ausgießer langsam dazugeben…
Und damit zurück zum Anfang und der Frage: Wem schmeckt das sehenden Auges tatsächlich? Oder ist es denkbar, dass sich auch die Gäste die Wurstfinger leicht angeekelt in den Rachen stopfen? An jedem andern Tag des Jahres so ein Essen der Horror wäre, nur an Halloween nicht, ein wirklich gruseliger Tag. (Stefanie Wirsching)
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