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Augsburger Huhn: Warum die einzige bayerische Hühnerrasse überleben soll

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Seltene Hühnerrasse: Warum das Augsburger Huhn unbedingt überleben sollte

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    Das Augsburger Huhn ist das einzige bayerische Rassehuhn. Es gibt davon nur etwa 800 Zuchtexemplare, einige davon bei Antje Goschütz in Ried.
    Das Augsburger Huhn ist das einzige bayerische Rassehuhn. Es gibt davon nur etwa 800 Zuchtexemplare, einige davon bei Antje Goschütz in Ried. Foto: Antje Goschütz

    Beyoncé ist eine Schönheit. Aber weiß sie das? Allein der feine Kopf mit dem leuchtend roten Kamm, der einer Krone gleicht, die dunklen Augen, die schneeweißen Ohrscheiben. Dann das Gefieder, schwarz, aber nicht nur schwarz, da ist dieser grüne Schimmer. Und überhaupt, die Proportionen. Wobei die dringendere Frage, die sich gerade stellt, ist eine andere: Wer in diesem ganzen Hühnerhaufen ist eigentlich Beyoncé? Alle doch schön.

    Anja Goschütz steht inmitten der Schar. Ein schwarzes Gewusel zu ihren Füßen. „Da kommt der Rest“, sagt sie, während sie Futter aus einem kleinen Eimer streut. Dann stellt sie vor. Das hier ist Aurora, sagt sie. Die kommt immer zuerst und redet gerne. Boak, boak, boak. Dort ist Lagertha, dort Hahn Ares und da, links, etwas weiter hinten, jetzt Mitte, weil sich der ganze Hühnerhaufen schon wieder neu formatiert, „da ist sie.“ Beyoncé, Augsburger Huhn, eines der schmuckesten ihrer Art. Vor zwei Jahren hat sie bei der Landesgeflügelschau für ihre Schönheit einen Preis gewonnen. Ein Prachthuhn. Eben hat sie sich im Staub gebadet, weshalb das Gefieder und den Kamm nun ein grauer Schimmer überzieht. Geputzt sieht das ganz anders aus. Nahezu perfekt. Nahezu, denn bei Hühnern wie Menschen gilt. Wer ist das schon, perfekt. Das Augsburger Huhn, zu deren Rasse Beyoncé zählt, kommt in den Augen von Antje Goschütz ziemlich nahe dran.

    Hühnerzüchterin Antje Goschütz mit Beyoncé, ihrem ausgezeichneten Prachthuhn.
    Hühnerzüchterin Antje Goschütz mit Beyoncé, ihrem ausgezeichneten Prachthuhn. Foto: Stefanie Wirsching

    Gibt man im Internet Augsburger Huhn ein, bekommt man lustigerweise erst einmal viele Treffer zu „Augsburger Hahn“. Ein Fußballspieler, Vorname André, der einmal beim FCA Augsburg gespielt hat, 2014 ein einziges Länderspiel absolviert hat und dann zugunsten von Christoph Kramer aus dem Kader für die Weltmeisterschaft gestrichen wurde. Eine andere Geschichte. Das Augsburger Huhn spielt in seiner eigenen Liga. Es ist das einzig bayerische Rassehuhn, gezüchtet vom Wachstuchfabrikanten Julius Meyer um 1870 in Haunstetten nahe Augsburg.

    Vom Bergischen Schlotterkamm oder dem Hamburger Goldlack gibt es noch weniger

    Etwa 800 Zuchttiere der Rasse gibt es in Deutschland. Goschütz wird später in ihrem Laptop schauen, irgendwo hat sie die genaue Zahl. 800, das klingt nicht nach viel, erst recht nicht, wenn man die Zahl in Vergleich setzt. In Deutschland leben mehr als 130 Millionen Hühner. Dagegen machen sich die paar Augsburger lächerlich aus. Es gab aber auch schon weniger. Bei manch anderen alten Rassen schaut die verbliebene Schar noch ein bisschen gerupfter aus. Beim Bergischen Schlotterkamm zum Beispiel oder dem Hamburger Goldlack.

    Auf der Roten Liste 2025 stehen insgesamt 61 einheimische Hühner- und Zwerghuhnrassen, von denen mehr als die Hälfte als gefährdet eingestuft ist. Das Augsburger Huhn ist zuletzt aus der Kategorie „Stark gefährdet“ eine nach hinten gerutscht, nur noch „Gefährdet“. „Eigentlich auch verrückt bei der geringen Anzahl der Tiere“, sagt Goschütz. Aber, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, es ist somit eine gute Nachricht für Bayerns Rassehuhn.

    Dass es die gibt, ist Menschen wie Antje Goschütz zu verdanken. 24 Hühner und Hennen der Rasse hält sie in ihrer kleinen Zucht in Ried im Landkreis Aichach-Friedberg. Im Gehege vor dem Stall steht ein Liegestuhl. Bei schönem Wetter sitzt sie da gerne, um ein Buch zu lesen. Inmitten „ihrer Mädels“, wie sie sagt. Wenn sie klatscht, springt Beyoncé auf ihre Schulter. „Aber das müssen wir jetzt erst wieder ein bisschen üben.“

    Augsburger Huhn, Zucht Antje Goschütz
    Augsburger Huhn, Zucht Antje Goschütz Foto: Antje Goschütz

    Ich wollt‘ ich hätt‘ ein Huhn. Goschütz liegt mit ihrem kleinen Hühnerparadies im Trend. Auch in Reihenhausgärten wird mittlerweile gegaggert. Und gefachsimpelt: Lieber gutmütige Barnevelder oder doch wattebauschige Seidenhühner? Sollte man nicht auf die Eierfarbe achten: Das Maran-Huhn produziert schokobraune, das Araucana-Huhn türkisfarbene – ein echter Grünleger! Die Eier des Augsburger Huhns sind dagegen weiß! „Langweilige Farbe“, sagt selbst Antje Goschütz.

    Die Zukunft verspeist man nicht eben mal als Omelett zum Sonntagsfrühstück

    Es geht ihr ja aber auch nicht um die Eier, oder nicht nur. Oder ums nette Gegacker. Ums Miteinander von Mensch und Huhn. So begann das auch bei ihr mit der Hühnerliebe, bevor sie das Augsburger Huhn und seine Geschichte entdeckte. Jetzt als Hühnerzüchterin geht es Goschütz, 45, immer auch um die Zukunft. Die verspeist man während der Brutsaison nicht eben mal als Omelett zum Sonntagsfrühstück. Sie ist Schriftführerin im „Sonderverein der Züchter des Augsburger Huhnes und der Zwerg Augsburger“, die meisten Mitglieder stammen aus Bayern. Aber auch der Rest Deutschlands komme „langsam in die Pötte.“ Der neue Vorstand, Dennis Schöffner, züchtet im hessischen Babenhausen. Um den Verein, gegründet 1938, stand es oft schon schlecht. Um das Augsburger Huhn dann dementsprechend auch. Je weniger Mitglieder, umso weniger Hühner. 1972 hatte er nur noch neun Züchter, mittlerweile sind es wieder 106, Stand September 2025. Die Geschichte, die sich an Huhn und Verein erzählen lässt, ist die: Was mit einem Nutztier passieren kann, wenn es nicht mehr in die Zeit passt. Wenn es nicht mehr genügt.

    Gegen die modernen Hochleistungstiere kommen die alten Rassen nicht an

    Die allermeisten Hühner in Deutschland verbringen ihre Lebenszeit in einem der zwei großen Paralleluniversen: in dem für Legehühner oder in dem für Masthühner. Für beide gibt es hoch spezialisierte Industriezweige. Das Augsburger Huhn passt da in beide nicht hinein. Ein auf Hochleistung gezüchtetes Legehuhn legt etwa 300 Eier pro Jahr, sein Leben währt meist nur zwölf bis zwanzig Monate. Dann ist die Henne ausgezehrt. Ein Masthuhn soll hingegen so schnell wie möglich dick werden, Fleisch ansetzen. Innerhalb von sechs Wochen kann es bis zu 2,8 Kilogramm wiegen. Was bedeutet: In nur 42 Tagen versiebzigfacht ein Masthuhn sein Geburtsgewicht von rund 40 Gramm. Es ist ein Leben im Schnelldurchlauf, fünf bis sechs Wochen nur.

    Und das Augsburger Huhn? Wirtschaftlich kommt es wie alle alten Rassen nicht gegen die sogenannten Hybridhühner an. Der Hahn nimmt zu langsam und zu wenig zu. Die Henne legt nur bis zu 170 Eier. Ein solches Huhn braucht die industrielle Geflügelhaltung nicht. „Es ist nicht geeignet, um ausreichend hochwertige Lebensmittel zu liefern“, sagt Agrarbiologe Philipp Hofmann von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft: „Die Wirtschaftlichkeit gibt es einfach nicht her, diese Rassen zu züchten.“ Es ist das Dilemma aller sogenannten Zweinutzungshühner. Hofmann nennt noch eine Zahl, die das belegt: Ein Legehybrid benötigt etwa zwei Kilogramm Futter, um ein Kilogramm Eimasse zu generieren. Ein Augsburger Huhn zwischen fünf und sechs. Man könnte auch sagen: Es leistet im Vergleich zu den Hochleistungshühnern zu wenig für all das Geld. Es rentiert sich die Haltung weder so noch so. Es rechnet sich einfach nicht. Im Versuchs- und Bildungszentrum Geflügel im Staatsgut Kitzingen haben Hofmann und Kollegen geforscht, wie das Huhn vielleicht aus diesem Dilemma herauskommen könnte.

    Die alten Rassen sind wichtig für den Genpool – eine Art Rückversicherung

    Warum aber ist das so wichtig? Warum kümmert die Wissenschaft die paar Hundert Augsburger Hühner? Die Schönheit, die Antje Goschütz an ihren Tieren zum Beispiel liebt, ist es nicht. Es geht um den Genpool, den man erhalten will, sagt Hofmann. Um die Stärken der alten Rassen, die es in Zeiten von Klimawandel und neuen Krankheitserregern vielleicht besser mit der Zukunft aufnehmen können als die auf Hochleistung gezüchteten Hybridhühner. „Sie sind eine Art Backup“, sagt Hofmann, eine Art Rückversicherung, auf die man im Fall der Fälle zurückgreifen kann.

     „Erhalten durch Aufessen“. Das klingt nach einem Paradox, könnte aber eine Lösung für das Dilemma sein. In Kitzingen haben sie alte Rassen mit modernen Hochleistungstieren gekreuzt. Deren Nachkommen können es zwar immer noch nicht mit den Hybridhühnern aufnehmen, aber schaffen mehr als die alten Rassen. Mehr Eier, mehr Fleisch, vor allem für die Ökolandwirtschaft könnten sich solche Hühner rechnen. Zumal man dann ein Problem in der Geflügelzucht weniger hat: Was tun mit den männlichen Küken? Seit Anfang 2022 ist das Kükentöten in Deutschland verboten. Beim Zweinutzungshuhn haben Henne und Hahn ihre wirtschaftliche Daseinsberechtigung – so ist das auch zu Hause bei Antje Goschütz.

    Die ersten vier Küken bekam sie vor vier Jahren von einer Züchterin geschenkt. Ganz frisch geschlüpft, vier kleine Hähne, wie sich dann herausstellte. „Meine Jungs“, sagt Antje Goschütz. Einer war ganz verschmust, Bubi, er schlief auf ihrem Schoß. Aber man muss an dieser Stelle nicht lange drum herumreden: Vier Hähne sind keine gute Idee, wenn man eine Zucht beginnen will. Ihrem Mann hatte sie wiederum versprochen, dass – wenn er bei der ganzen Hühneraktion mitmache – auch ab und zu ein Gockel auf dem Teller landen würde. Nur bitte keine Hennen. Wenn man jetzt eins und eins zusammenzählt … Sie hat sich von ihren Hähnen verabschiedet. „Das war ein großes Geheule“, sagt Antje Goschütz, „aber so ist es halt.“ Sie kenne das von der Landwirtschaft ihrer Großeltern. Ihre Hähne hätten bis dahin ein tolles Leben gehabt. „Welcher Hahn kann das schon von sich behaupten.“

    Im nächsten Jahr nahm sie sich von der Züchterin dann zwanzig Küken mit.

    Bei Antje Goschütz rennen Götter mit Musikstars durch den Garten

    Jedes Huhn hat hier seinen Namen. Es rennen Götter mit Musikstars durch den Garten. Ares, Adele, Shakira, Beyoncé … und noch Aretha. „Eine Kuriosität“, sagt Antje Goschütz, ohne Schwanzfedern geboren. Sie darf dennoch mitscharren. Eine Tochter von Beyoncé heißt Blue Ivy, wie im wahren Leben. Es gibt aber auch, ganz bayerisch, einen Seppi, Sohn von Shakira.

    Huhn ist nicht gleich Huhn, sagt Antje Goschütz. „Es gibt freche und schüchterne, neugierige, zurückhaltende.“ Manche lieben es, am Bauch gekrault zu werden. „Die sitzen dann auf meinem Schoß, bis sie einschlafen.“ Beyoncé ist eine der Schlausten. Sie hat die Abenteuerlust in den Federn, wenn man das über ein Huhn so sagen kann. „Neulich morgens, da habe ich mir gerade einen Kaffee gemacht und schaue aus dem Fenster und wer läuft da die Einfahrt herunter, Beyoncé.“ Einfach übers Gartentor geflogen. Das Augsburger Huhn ist jedenfalls immer für eine Überraschung gut, sagt Antje Goschütz: „Ich finde die witzig.“ Charakterhühner eben.

    Einst war das Augsburger Huhn ein Zweinutzungshuhn, das perfekt in die Zeit passte

    Was sie auch erst ein wenig später merkte: Dass sie sich eine der schwierigsten Rassen zum Züchten ausgesucht hat. Es schlägt beim Augsburger Huhn immer wieder die Herkunft durch. Und damit einmal kurz zu den Anfängen, die wie bei vielen europäischen Hühnerrassen im 19. Jahrhundert liegen. Es handelt sich um eine Migrationsgeschichte wie bei allen Haushühnern, die allesamt vom Bankivahuhn abstammen, einem wilden Kammhuhn aus den Dschungelgebieten Südostasiens. Die „Ur-Mutter“ des Augsburger Ur-Huhns kam aus dem italienischen Livorno – eine Lamotta. Der Ur-Vater wiederum aus Frankreich, ein La Flèche. Die Rasse ist gut an seinem Kamm zu erkennen, der zwei Hörnern gleicht. Als Julius Meyer, der gegenüber seiner Fabrik einen Hühnerhof betrieb, die zwei Rassen kreuzte, ging es ihm aber nicht um Schönheit, sondern um Widerstandskraft. Die La Flèche galten als nicht wetterfest, erkälteten sich im rauen bayerischen Klima gerne. Die Lamottas waren härter im Nehmen und legten auch im Winter gut. Die Nachkommen aus beiden Linien pickten sich dann offenbar das Beste aus dem Genmaterial heraus. 1885 wurde das junge Augsburger Huhn im Buch „Neue Hühnerrassen“ von Jean Bungartz fast euphorisch beschrieben: „Im Eierlegen gleichwertig mit dem Italienerhuhn, in Fleischproduktion den französischen Rassen nicht nachstehend und das Fleisch selbst von gutem saftigem Geschmack.“ Ein Zweinutzungshuhn, das perfekt in die Zeit passte. Und auch noch besonders schön aussah mit seinem doppelten Kamm, auch Becherkamm genannt, der ein wenig einer roten Krone gleicht.

    Die Sache mit der Krone: Schwer zu züchten, sie vererbt sich nicht so einfach.

    Die Sache mit der Krone aber wurde zum Problem. Sie ist schwer zu züchten, sie vererbt sich nicht so einfach: Mal gar nicht, dann gibt es auch immer wieder welche mit Hörnern. Fehlende Reinerbigkeit nennt man das, oder auch Spalterbigkeit. „Dadurch hat man natürlich enorm viel Ausschuss bei der Zucht“, sagt Goschütz. Dem Augsburger Huhn ist das fast zum finalen Verhängnis geworden. Schon 1905, da hatte sich die Rasse gerade auf den Bauernhöfen etabliert, wurde ihm vom bayerischen Landwirtschaftsrat die Anerkennung als zu empfehlende Wirtschaftsrasse entzogen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sammelte Hans Suttner die letzten doppelkämmigen Hühner zusammen, um wieder eine Zucht aufzubauen. Dann kamen die Hochleistungshühner …

    Ohne Menschen, die ihre ganze Liebe an die Rasse hängen, gäbe es sie schon lange nicht mehr. Ohne Herzblut. Nur so hat es das Augsburger Huhn in die heutige Zeit geschafft.

    Die Sache mit der Krone haben sie im Verein mittlerweile gut im Griff. Seit 2004 gibt es eine reinerbige Linie. Aber neue Züchter zu finden, ist schwierig, sagt Antje Goschütz: „Die brauchen wir natürlich dringend, weil ja auch immer mal ein Züchter aufhört.“ Aber gerade ist es so: Der Verein wächst, ein Trend der letzten fünf Jahre, nachzulesen in den „Kronennews“, dem Newsletter. Und damit auch die Überlebenschance für das Augsburger Huhn.

    Unter dem Licht zeichnet sich im Ei schon das Leben ab.
    Unter dem Licht zeichnet sich im Ei schon das Leben ab. Foto: Antje Goschütz

    Hühnerhalten ist, ganz wertfrei, natürlich auch kein Hobby wie Stricken. Man muss sein Leben danach richten. Ein Beispiel: Goschütz hat in ihrem Stall Kameras installiert. Wenn sie während der Brutsaison die Eier sammelt, etwa zwei Wochen im Frühjahr, überprüft sie jede Stunde auf ihrem Handy, ob nicht eine der Hennen in einem der Fallnester sitzt. Die Hühner kommen da zwar hinein, aber nicht hinaus. Dafür kann Goschütz dann genau zuordnen, welches Ei zu welcher Henne gehört. Sie arbeitet im Rieder Rathaus, fußläufig nur ein paar Minuten vom Stall entfernt. „Dann renne ich mal schnell nach Hause und befreie das Huhn. Länger als ein oder zwei Stunden sollte es da nicht drinsitzen.“

    „Es ist alles eine Wette, ich weiß ja nicht, wie die Genetik zaubert“

    Nicht jede Henne und nicht jeder Hahn ist für die Zucht geeignet. Von ihren 24 Hühnern nur 16. Es gibt Rassestandards, den Kronenkamm natürlich, aber auch Proportionen und Gewicht sind wichtig. Der Körperbau sollte landhuhntypisch gestreckt sein. Ein ausgewachsener Hahn zwischen 2,5 bis drei Kilo auf die Waage bringen, die Henne etwa ein Pfund weniger. „Ich brauche schon Tiere, die der Rasse dienen.“ Wieder ein Beispiel: „Ich habe einen Hahn, der hat ein bisschen einen zu steilen Schwanz, aber dafür einen tollen Kamm und Ohrscheiben“, erzählt Antje Goschütz. Da gesellt sie dann zum Ausgleich eine Henne mit besserer Körperform dazu. „Es ist alles eine Wette, weil ich ja nicht weiß, wie die Genetik zaubert, aber vom Prinzip her könnte es passen.“

    Sie sagt, natürlich ist man ein bisschen betriebsblind. Die eigenen Hühner sind immer die schönsten. Auch deswegen fährt sie nun zu Ausstellungen, was sie zu Beginn noch ablehnte: all der Stress, auch für die Hühner. Der Transport im Umzugskarton, versehen mit Lüftungsschlitzen, dann der Käfig, die Halle mit all den Menschen. „Aber da kann ich sehen: Wo stehe ich mit meiner Zucht?“ Offenbar so gut, dass auch Goschütz bei der Bayerischen Landesgeflügelschau in Straubing ausgezeichnet wurde – für „Züchterische Leistung“.

    Selten, aber nicht teuer: Wie viel kostet ein Augsburger Huhn, wie viel ein Ei?

    Zahlen? 80 Eier hatte sie im vergangenen Jahr im Brutautomaten, 21 Tage liegen sie da, 43 Küken schlüpften. Sie hat ihr Gästezimmer für sie freigeräumt. Nach vier bis sechs Wochen färben sich die Mini-Kronen der Küken rot. Für drei Euro plus Versand verschickt sie Bruteier. Ein ausgewachsenes Huhn kostet bei Goschütz 35 Euro. Was selten ist, muss nicht auch unbedingt teuer sein. Reich wird niemand mit dem Augsburger Huhn.

    Schon bei den Küken ist der Kronenkamm zu erkennen.
    Schon bei den Küken ist der Kronenkamm zu erkennen. Foto: Antje Goschütz

    Womit man wieder beim Dilemma wäre: Denn mit Hühnern soll in Deutschland vor allem Geld verdient werden.

    In Kitzingen im Staatsgut haben sie ihre Augsburger Hühner mittlerweile wieder an einen anderen Züchter abgegeben. Auch der Nachwuchs, gekreuzt mit Hybridhühnern, hat im Vergleich mit anderen nicht mithalten können. Andere Zweinutzungshühner leisten mehr. „Man muss einfach hoffen, dass die Hobbyzüchter weiter motiviert bleiben, diese Rasse zu züchten“, sagt Philipp Hofmann aus Kitzingen. Auch die Politik hätte da einen gewissen Hebel, zum Beispiel durch finanzielle Anreize. In Niedersachsen zum Beispiel gibt es bereits Förderprogramme für gefährdete Geflügelrassen. Sie haben in der Kantine in Kitzingen übrigens auch das Fleisch ihrer Zweinutzungshühner verkostet. Nicht besser oder schlechter, sagt Hofmann, aber anders: Wenn ein Tier länger lebt, ist sein Fleisch fester. „Ist man das nicht gewohnt, findet man das am Anfang vielleicht komisch.“ Bei Antje Goschütz kommt kein gekauftes Hühnerfleisch mehr auf den Tisch. Sie essen nur noch ihr eigenes. „Dann weiß ich auch, was ich gegessen habe.“ Es schmecke intensiver als das gewohnte Hähnchenfleisch, hat schon einen Hauch von Wild- oder Entenfleisch, sei auch ein wenig dunkler. „Mir schmeckt es besser.“

    Hühner sind nicht dumm: Sie können Gesichter erkennen, sie können rechnen

    Wie sieht sie das Verhältnis zwischen Mensch und Huhn? „Angespannt“, sagt sie. „Und unfair, ja unfair. Hühner werden brutal unterschätzt.“ Die Wissenschaft kann sie darin nur bestätigen. Es steckt weit mehr Gefühl und Verstand in ihnen als gemeinhin angenommen. Das Huhn ist nicht dumm. Die Tiere können Gesichter erkennen, sie können rechnen, sie kommunizieren mit über 24 verschiedenen Lauten, sie können träumen. Ihre Hühner hätten zum Beispiel auch mal gute und mal schlechte Laune. Es gibt Tage, da wollen sie ihre Ruhe haben. Aurora, die sonst immer gleich da ist, hält sich auch ein bisschen fern. Dann schaut sie, ob alles okay ist. Und natürlich haben sie eine Hackordnung. „Da denken wir Menschen dann, oh mein Gott, die armen Tiere. Aber für die Hühner bedeutet diese Struktur Sicherheit. Einer ist immer der unterste, aber das ist ja nicht unbedingt etwas Schlimmes.“ Auch Goschütz hat übrigens Lieblinge. Aurora zum Beispiel, die so gerne erzählt. Oder eben Beyoncé, das Prachthuhn, ausgezeichnet als Siegerhenne bei den Augsburger Hühnern. „Auf sie bin ich schon sehr stolz. Wenn man sie anschaut, dann sieht man einfach, da passt alles.“

    Was wäre, wenn das Augsburger Huhn verschwinden würde? Sie hat mittlerweile im Laptop nachgesehen: 768 gelistete Zuchthühner sind es genau, darunter auch 160 Zwerg-Augsburger. Eine Nachzucht wäre nicht mehr möglich, sagt Antje Goschütz. Das Lamotta-Huhn als Urahn ist bereits ausgestorben. „So ein Huhn aber ist doch auch Kulturgut“, sagt sie: „Und dann ist es ja auch noch das einzige bayerische.“ Ein solches Huhn, mit solch einer Krone, das so viele Widrigkeiten schon überstanden hat, das sei doch all die Anstrengungen wert. Goschütz zeigt auf ihre Schar und sagt: „Mit ihren weißen Ohrscheiben, mit dem roten Kamm, dem schwarzen Gefieder, wenn die über das grüne Gras laufen, das sieht doch schon toll aus.“

    Wo in diesem Hühnerhaufen aber ist jetzt noch mal Beyoncé?

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