Sommerzeit, Lesezeit. Wohin aber soll die Reise gehen? Die Redaktion empfiehlt neun Bücher, die nach Deutschland, aber auch in die Ferne führen und einen dabei bestens unterhalten.
Anne Sauer: Im Leben nebenan – Ein berührendes Buch über das Einfinden in ein ungeplantes Leben
Leben wir in einem Multiuniversum? In dem Doppelgänger von uns in Paralleluniversen existieren, da aber ganz andere Dinge tun? In der Physik wird das Konzept ernsthaft diskutiert, im Roman von Anne Sauer ist es nicht mehr nur Theorie: Da wacht eine junge Frau eines Tages in einem anderen Leben auf – und gefühlt auch in einem anderen Universum, dem der jungen Mütter!
„Im Leben nebenan“: Was wie ein Krimi klingt, ist ein spannendes, vor allem aber auch klug komponiertes Buch über Kinderwunsch und Mutterschaft, in dem die Buchwissenschaftlerin und Literaturvermittlerin Anne Sauer das Was-wäre-wenn-Spiel durchexerziert, zwei Lebensentwürfe nebeneinander stellt: da ist einmal Toni, glücklich mit Job und Jacob in der Stadtwohnung mit schönen Holzdielen und bezahlbarer Miete. Nur die Wände im Zuhause sind ein wenig dünn, morgens schon hört sie das Mutter- und Kindergeschrei von nebenan … „Weißt du, was richtig gut wäre? So ein Probemonat. Baby-Abo abschließen, bisschen ausprobieren und alles mitnehmen, was Spaß macht“, sagt Toni zu Jacob: „Parenthood Prime! Und wenn’s nervt, wieder: Ciao!“ Als aber Toni versucht, schwanger zu werden, klappt es nicht – auch nicht mit Hormonbehandlung und zyklusorientiertem Sex.
Wie geht man mit ungewollter Kinderlosigkeit um, wie mit dem Abschied von einer womöglich doch nur anerzogenen Idee, wie mit den mitleidvollen Blicken, mit Sätzen wie diesen: „Ich glaub, du wärst ne tolle Mutter.“ Und wie wirkt sich das auf die Partnerschaft aus? Diesen Fragen stellt sich Anne Sauer am Beispiel von Toni, springt dazwischen hinüber zu Antonia in die andere Welt, in der sich ihre Hauptfigur plötzlich in einem surrealen Traum wiederfindet: Verheiratet mit der Jugendliebe Adam, in einer schmucken Wohnung mit Luxusküche im Heimatort. Und mit Baby! Und wie ist nun das Mutterleben, auch nicht rosarot! Antonia versucht zu fliehen, zurück ins andere Dasein, die Schwiegermutter ist übergriffig, ihr Mann meldet sie zum Mütterkurs an, zweimal im Monat: „Das wird dir guttun. Rauskommen, mit anderen Müttern sprechen. Denen geht’s doch auch beschissen.“
Wäre das also ein besseres Leben? Oder doch nur ein anderes? Anne Sauer erzählt berührend, aber auch mit Humor, vom Hineinfinden in ein neues, so doch gar nicht geplantes Leben. Was wäre wenn … dieser Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landen würde? (Stefanie Wirsching)
Anne Sauer: Im Leben nebenan. dtv, 272 Seiten, 23 Euro
Christine Wunnicke: Wachs – Spannend erzählter Lebensweg zweier ungewöhnlicher Frauen
Die Soldaten, die da in ihrer Stube herumlehnen im Paris des Jahres 1733, kommen aus dem Staunen kaum heraus. Nicht nur, dass da ein junges Mädchen zur Nachtzeit in ihre Kaserne vorgedrungen ist; mehr noch über das, was die noch nicht 14-Jährige vorzubringen hat: Eine Leiche will sie kaufen! Leider haben die Musketiere keine zur Hand, im Augenblick ist kein Krieg.
Marie Biheron, die Hauptfigur in Christine Wunnickes „Wachs“, kommt aber doch recht bald an ihre erste Leiche, zahllose werden es noch sein in ihrem Leben. Denn Marie verspürt von früh auf den Drang, dem Menschen ins Innere zu schauen, ihn zu sezieren. Eine Gottesgabe, ist sie überzeugt, und gewiss gottgefällig, denn die Entdeckungen, die sie in den offenen Körpern macht, sind Zeugen der Schönheit von Gottes Schöpfung. Und so beginnt sie schließlich, die Organe kunstvoll in Wachs zu modellieren.
Die Biheron hat es tatsächlich gegeben, im 18. Jahrhundert war sie eine europäische Berühmtheit ihrer Wachspräparate wegen. Auch Madeleine Basseporte hat gelebt, bei der hochangesehenen Pflanzenmalerin in königlichen Diensten ging Marie in die Zeichenschule. Wie die beiden zusammenfinden, wie sie – Madeleine ist fast 20 Jahre älter als Marie – ein Paar werden und sich in ihrer je eigenen Arbeit vervollkommnen, das formt Christine Wunnicke zur so plausiblen wie spannenden Fiktion vor dem Zeithintergrund des zu Ende gehenden Absolutismus und der folgenden, Freiheit und Schrecken bringenden Revolution.
Wunnicke erzählt nicht linear, sondern sprunghaft in oft weit auseinanderliegenden Episoden – auf den Soldatenbesuch des Mädchens folgt unmittelbar ein Kapitel über die Greisin Marie, die skeptisches Interesse hegt für die neue Maschine, die auf einen Streich den Kopf vom Rumpf zu trennen vermag. Aber gerade in den Aussparungen liegt ein maßgeblicher Reiz dieses schmalen Buches, beschäftigen sie doch den eigenen Kopf mit möglichen Füllungen, Ergänzungen, Ausstaffierungen des ungewöhnlichen Lebenswegs zweier ungewöhnlicher Frauen. (Stefan Dosch)
Christine Wunnicke: Wachs. Berenberg, 187 S., 24 Euro
Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude – Rauschhaft erzählt
Eine klassische Grundkonstellation für Geschichten aller Art: Zwei Menschen treffen aufeinander – und dann beginnt etwas, es entspinnt sich Besonderes, Liebe oder Abenteuer oder Tragödie oder alles auf einmal. Der neue Roman von Ocean Vuong liefert nun eine wiederum besondere und besonders hinreißende Version eines Charakter-Duetts. Eine Einladung zum sommerlichen Versinken in je an sich schon berührenden und sich dann überraschend kreuzenden Lebensgeschichten, aber auch zum Entdecken einer damit klug im Spiegel der beiden mitgelieferten Gesellschaftsbeschreibung.
Und dass dieser Autor (Jahrgang 1988) ein großes Talent im Beobachten und Beschreiben ist, weiß tatsächlich alle Welt seit seinem sensationellen Erfolg mit dem Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“, in dem er seine Herkunft aus Vietnam und das zweite Leben seiner Familie ausgerechnet in die damit historisch prekär verwobenen USA aufarbeitete. Auch in „Der Kaiser der Freude“, seinem zweiten Roman nun, finden sich diese Spuren in der Hauptfigur, dem Jungen Hai, wieder.
Aber gerade dann, als er an einem Widerspruch aus typisch amerikanischem Traum und aktuell amerikanischem Albtraum zu scheitern droht, denn einerseits verkörpert er die Hoffnungen vor allem seiner selbst als Fußpflegerin schuftenden Mutter auf den Aufstieg, andererseits verstrickt er sich abhängig von Schmerzmitteln in Lebenslügen … – gerade da trifft er auf die alte Grazina. Die lebt vereinsamt und vergessen in einer ansonsten verlassenen Siedlung und verliert sich dabei immer wieder in den Zeiten, in ihrer litauischen Herkunft, der Flucht durch Nazi–Deutschland. Und unversehens werden die beiden zu Gefährten.
Diese Weitung über das eigene Biografische hinaus wirkt auch für Ocean Vuong selbst wie eine Befreiung, mit so viel Hingabe wirft er sich in die Schilderung der durch diese fiktive Konstellation befruchtete Außen- und Innenwelten. Das führt einerseits dazu, dass er durch gleich reihenweise großartige Szenen einen Kultort der US-Gesellschaft erobert, den American Diner, in der Belegschaft längst getragen von Menschen, die ein Präsident heute eigentlich am liebsten aus dem Land werfen würde. Andererseits aber vertieft sich der Erzähler dabei manchmal derartig in einen Rausch originell bildhafter Beschreibungen, dass man das Buch gerne schütteln würde, um die Erzählung vielleicht ein paar hundert Adjektive zu entschlacken. Aber bitte, wann, wenn nicht jetzt im Sommer, ist Zeit, in einem Rausch zu versinken? Im Erzählten ist das Buch alles andere als märchenhaft, da darf es das im Erzählen doch mal sein. Was bleibt sonst? (Wolfgang Schütz)
Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl, Hanser, 528 Seiten, 27 Euro
Niall Williams: Das ist Glück – Am Ende bleibt eine Ahnung davon, was Glück bedeutet
Ein Dorf in Irland, in dem die Zeit stehenzubleiben scheint: Niall Williams hat das fiktive Faha in mehreren seiner Romane zum Leben erweckt – auch in seinem neuen Buch „Das ist Glück“. Es ist das Jahr 1958, in Faha brennt noch das Torffeuer im Kamin, das Wasser kommt aus dem Brunnen, das Licht lässt sich noch nicht an- und ausschalten. Die Menschen hier leben wie im 19. Jahrhundert – und sie scheinen zufrieden. Trotz des Regens, der „von hinten und von vorn und aus allen anderen Richtungen kam“. Und dann, mitten in der Karwoche, hört es plötzlich auf zu regnen. Faha erlebt Tage voller Sonnenschein und fast spanischer Hitze, während die Vorbereitungen zur Elektrifizierung beginnen. Und das Dorf wird Zeuge einer Liebesgeschichte, die das Zeug zur Legende hat. Denn mit der Sonne kommt Christy ins Dorf, der für die Elektrifizierung werben soll. Für den Ich-Erzähler Noel, genannt Noe, wird der welterfahrene Mann schnell zum Freund und Wegweiser.
Nicht alle im Dorf heißen die kommenden Errungenschaften für das Dorf gut. Auch Noels schrullige Großeltern Ganga und Doady, bei denen Christy sich einquartiert hat, wehren sich dagegen. Der Untermieter bringt einiges durcheinander in dem Dorf, in dem über Jahrhunderte alles beim alten geblieben war. Und bald wird klar, dass Christy nicht wegen der Elektrifizierung gekommen war, sondern der Liebe wegen. Einer Liebe, die er vor 50 Jahren verraten hatte. Jetzt wollte er alles gut machen, was er damals falsch gemacht hatte. Und Noel sollte ihm dabei helfen – und lernen, selbst so einen Fehler zu vermeiden. In dieser Zeit passiert so einiges: Der 17-jährige ehemalige Priesterschüler verliebt sich zum ersten Mal – und das gleich dreifach. Auf der vergeblichen Suche nach dem populären Musiker Junior Crehan ziehen er und Christy durch die Pubs. In Faha werden die Menschen des schönen Wetters überdrüssig, die Elektrifizierung schreitet voran. Und Noel kommt Christys einstiger Liebe näher.
Das ist allerdings nur das Gerüst dieses Romans, der nicht nur Noels Coming of age erzählt, sondern auch eine Ode an die irische Musik ist, ein Lob der Geschichtenerzähler. Erzählt wird das Ganze mit allen Abschweifungen von einem alt gewordenen Noe, der hin und wieder den Faden auch an sein junges alter Ego abgibt. Und der Titel verdankt sich der Aussage Christys „Das hier, das ist Glück“. Wirklich viel passiert nicht in diesem ausschweifenden Rückblick. Es gibt auch kein Happy End – oder vielleicht doch. Aber am Ende hat man das Gefühl, eine Ahnung davon bekommen zu haben, was Glück bedeutet. Das liegt auch an der poetischen Sprache von Niall Williams, die Tanja Handels ohne Scheu vor Kitsch ins Deutsche übertragen hat. (Lilo Solcher)
Niall Williams. Das ist Glück, Aus dem Englischen von Tanja Handels, Ullstein, 464 S., 24,99 Euro
Gaeta Schoeters: Das Geschenk – ein gute recherchiertes und satirisches Gedankenspiel
Vor einem Jahr machte der damalige Präsident von Botswana Deutschland ein bizarres Angebot: Er würde dem Land 20.000 Elefanten schenken – natürlich nur eine provokante Aussage und kein wirkliches Angebot. Mokgweetsi Masisi ärgerte sich über die europäische Debatte zum Verbot der Einfuhr von Jagdtrophäen. Dieses würde nur Armut und Wilderei fördern.
Im neuen Buch von Gaea Schoeters „Das Geschenk“ macht der Präsident von Botswana seine Drohung wahr und setzt 20.000 Elefanten in Berlin aus, die Folgen: ein Land im absoluten Chaos, die Regierung überfordert. Was am Anfang noch eine verrückte Sehenswürdigkeit war, wird schnell zum Albtraum.
Schoeters erreichte 2024 große Bekanntheit mit ihrem Debütroman „Trophäe“. Auch dieses Buch hat Afrika Bezug. Die Autorin schreibt über einen weißen Großwildjäger, dem irgendwann die Frage gestellt wird, ob er auch auf etwas anderes als Tiere schießen würde – aus Großwildjagd wird Menschenjagd. Tiefgründig ist nun auch der folgende, aber doch wesentlich heiterer, immer wieder unglaublich komisch: Schoeters karikiert die deutsche Politik und lässt die Charaktere bewusst Klischees erfüllen, ohne dabei zu weit von der Realität abzuweichen. Dadurch lässt der Roman einen immer wieder laut lachen, und erinnert einen doch daran, dass die Wirklichkeit gar nicht so weit weg ist. „Das gemeinsame Lachen über den absurden Zustand, in dem sich die Welt heute befindet, ist der erste Schritt, die Realität zu überdenken und die Zukunft anders zu gestalten“, antwortet Gaea Schoeters auf die Frage: „Kann man mit Humor Politik machen?“. Eine flämische Autorin, die die deutsche Politik überspitzt, aber trotzdem überzeugend darstellt.
Die Autorin traut sich mit diesem Buch an die großen Themen: Klimapolitik, Sexismus, koloniales Unrecht. Gut recherchiert und als politische Satire inszeniert, ist das Buch „Das Geschenk“ ein erweitertes Gedankenspiel, das sich die Frage stellt: Macht es sich Europa nicht etwas zu leicht Regeln aufzustellen, deren Auswirkungen vor allem auf anderen Kontinenten zu spüren sind, nur um das eigene Gewissen reinzuwaschen und der eigenen Moral zu entsprechen? (Amina-Sophie Pauler)
Gaea Schoeters: Das Geschenk. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing, Zsolnay Verlag, 138 Seiten, 22 Euro, erscheint am 22. Juli.
Nell Zink: Sister Europe – ein großer Spaß zum Lesen, der in die Tiefe geht
Ein trister, triefender Februartag in Berlin, wohin da am Abend? Die Schriftstellerin Nell Zink schickt ihre Figuren im Roman „Sister Europe“ zur Verleihung eines Literaturpreises ins Hotel Interconti. Geehrt wird ein arabischer Schriftsteller aus Norwegen, aber das Interesse am Event ist beschämend gering – obwohl den Gästen immerhin ein kostenloses Menü aus dem Sternerestaurant in Aussicht gestellt wird. Selbst die Preisstifterin, Prinzessin aus einem der „liberalen Emirate“, mag aus Montreux nicht anreisen, schickt stattdessen ihren Enkel zum öden Abend in die deutsche Hauptstadt.
Was Nell Zink, die amerikanische Autorin, die seit langem in Bad Belzig in Brandenburg lebt, aus diesem Abend macht, ist wiederum sehr komisch und unterhaltsam: Lässt eine kleine bunte Truppe nach der Preisverleihung noch durchs nächtliche Berlin vagabundieren – alle ja auch noch hungrig nämlich, nicht nur nach Burgern. Da ist Demian, der Kunstkritiker, und seine 15-jährige Transtochter Nicole, die eigentlich auf dem Strich an der Kurfürstenstraße überprüfen wollte, ob sie mit weiblichen Reizen überzeugen kann: „Eine kurze Tour über den Laufsteg und für jeden Typen, der ihr hinterpfiff, gäbe es einen Punkt.“ Im Schlepptau außerdem Kleinverleger Toto und sein halb so altes Internetdate Avancia, die mondäne Gartenarchitektin Livia, deren Reichtum mit jeder Scheidung wächst, die Vermögensgrundlage aber stramme Nazi-Vorfahren gelegt haben, und außerdem Prinz Radi, der nicht ganz sicher ist, was er nun will: doch Sex mit Nicole?
Wo das hinführt? Überall und nirgendwohin. Durch den Park, in einen abgeranzten Club in einem U-Bahn-Schacht, zum Fast-Food-Restaurant und schließlich in einen gläsernen Bungalow – auch bei dem stimmen Schein und Sein aber nicht ganz überein: fälschlicherweise wird er für das Werk eines berühmten Architekten gehalten. Drinnen plaudert man munter, zum Beispiel auch über solche Identitätsfragen, ob Mozzarella nicht doch asiatisch sei wegen der Herkunft der Wasserbüffel? Draußen sitzt derweil der korrupte Polizist Klaus, Spanner in Uniform, und versteht alles gründlich falsch…
Ist das alles nur ein großer Spaß? Zu lesen ja, allein der herrlich-pointierten Dialoge wegen, aber der Roman bleibt nicht an der schick-polierten Oberfläche, verhandelt existenzielle Themen – viel mehr Sein als nur schillernder Schein. (Stefanie Wirsching)
Nell Zink: Sister Europe. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler, Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro
Margaret Atwood: Hieb und Strich – Unterhaltsam und höchst aktuell
„Hieb und Strich“ ist nur ein kleines Buch, aber es hat's in sich. Geschrieben hat die hintersinnige Geschichte um vier ältere Damen die Kanadierin Margaret Atwood. Mit dem „Report der Magd“ hat sie Weltruhm erlangt, und immer wieder fällt auch ihr Name, wenn es um den Literaturnobelpreis geht. Denn Atwood, Jahrgang 1939, lässt sich nicht auf den Bestseller reduzieren. Die engagierte Feministin und Umweltaktivistin hat im Lauf ihres langen Lebens wichtige Preise eingeheimst wie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels oder den Booker Prize. Atwood schreibt Lyrik, Romane, Essays und Kurzgeschichten. Ihre Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Bis heute mischt sich Margaret Atwood ein, engagiert sich für den Klimaschutz und für Frauenrechte, setzt sich gern auch kritisch mit dem Literaturbetrieb auseinander: „Wir alle kennen die ersten, taufrischen Romane, gefolgt von den welkenden Zweitlingen und von den dritten, die den Autor oder die Autorin aus dem Grab auferstehen lassen. Dann kommt der vierte Roman, der fünfte, der sechste – das sind die, die Sprinter von Marathonläufern trennen. Aber Kunst ist grausam, und ein grandioser sechster Roman ist nicht notwendigerweise höher einzuschätzen als ein grandioser erster.“
Atwood selbst ist wohl eher Marathonläuferin und darin höchst erfolgreich – auch mit kleinen Stücken. Und da wären wir wieder bei der Story „Hieb und Strich“, in der drei ältere Damen mörderische Pläne schmieden. „Ihr Verstand ist so jung und scharf wie eh und je“, heißt es gleich zu Anfang. Das passt auch auf die Autorin, die diese kurze Geschichte mit beißendem Humor erzählt. Die drei Verschwörerinnen wollen ihre sterbenskranke Freundin Fern rächen, deren unrühmliches Karriereende ein Literaturkritiker und seine Gefolgschaft auf dem Gewissen haben. Bei ihren Plänen haben sie keinerlei Skrupel. Aber dann kommt doch alles anders als sie denken… Mit den Seitenhieben auf die Gender-Diskussion an den Universitäten, die Intrigen im Literaturbetrieb und die Gentrifizierung von Wohnvierteln ist die Geschichte nicht nur unterhaltsam, sondern auch noch höchst aktuell. Typisch Atwood! (Lilo Solcher)
Margaret Atwood: Hieb und Strich. Aus dem Englischen von Monika Baark, Berlin Verlag, 62 S., 6 Euro
Peter Grandl: Reset – Jede Menge Hochspannung bei der Rettung der Welt
Falls eine Dosis Hochspannung fehlt – Peter Grandl bietet in seinem Thriller „Reset. Die Wahrheit stirbt zuerst“ jede Menge davon. Schönes Wetter schadet nicht beim Lesen, denn auf diesen knapp 500 Seiten wird die Menschheit damit konfrontiert, wohin der Fortschritt sie führen kann. Denn plötzlich wird klar, dass es einem geheimnisvollen Unbekannten gelungen ist, jede Form von digitaler Kommunikation zu fälschen. Die Auswirkungen davon kann man sich nicht drastisch genug vorstellen: Hier ein Flugzeugabsturz, dort die Großmächte, die glauben, dass nukleare Waffen im Ukraine-Krieg zum Einsatz kamen – und ihre Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Wem kann man noch trauen?
Ein internationales Team an Ermittlern sucht fieberhaft nach Lösungen und versucht zu verstehen, wie dieses rätselhafte Computervirus arbeitet. An allen Orten herrscht Endzeitstimmung, die öffentliche Ordnung droht zusammenzubrechen. Und wer den digitalen Nachrichten, die weiterhin eintrudeln, glaubt, der wird schnell von dieser geheimnisvollen Macht manipuliert. Dazu taucht auch noch das Figurenensemble auf, das man aus Goethes „Faust“ kennt: Heinrich und Gretchen, die Freundin Martha und dieser Programmcode, der sich Golem nennt, aber wie eine Mischung aus Mephisto und Homunculus agiert. (Richard Mayr)
Peter Grandl: Reset. Die Wahrheit stirbt zuerst. dtv Verlag, 496 Seiten, 22 Euro
Donna Leon: Backstage – Autorin der Brunetti-Krimis blickt klug auf ihr Leben
Über ihre Brunetti-Krimis, beliebte Urlaubslektüre, ist Donna Leon vielen Deutschen sehr vertraut. In dem Büchlein Backstage gibt die inzwischen 83-jährige Autorin aber einiges aus ihrem Privatleben preis, das womöglich auch in ihre Krimis eingeflossen ist. Immerhin hat Donna Leon ein ziemlich interessantes Leben gelebt, ehe sie sich für Venedig als Wohnsitz und später für die Schweiz entschieden hat. Geboren wurde sie in den USA, wo sie an einer Abendschule ihren Master in Englischer Literatur machte und als Aushilfslehrerin an Grundschulen von Newark mit Rassismus konfrontiert wurde. Über den Schüler Cedric, der ihr wohl ans Herz gewachsen ist, schreibt sie: „Er war schwarz und lebte in Amerika, also hatte er von Anfang an kaum eine Chance.“ Erfreulicher, wenn auch nicht undramatisch, ist ihre Erfahrung bei einem Frank-Zappa-Konzert in Montreux, das in einem Brand endete und Deep Purple zu „Smoke on the Water“. Doch das hat sie selbst erst 40 Jahre später bei einem Besuch in Südtirol erfahren.
Im Iran stand Donna Leon noch nach der Macht-Übernahme von Ajatollah Khomeini vor einer unsicheren Zukunft, als zwangspensionierte Englischlehrerin – und erlebt eine abenteuerliche Ausreise. Und dann ist da noch ihr Besuch bei der Sexarbeiterin Regina, die ihr von ihrer Begegnung mit einem Serienmörder und der Untätigkeit der Polizei berichtete. Das wiederum hat Donna Leon in ihre Brunetti-Krimis integriert.
Kein Wunder, dass auch der Commissario in diesem Büchlein vorkommt. In einem Brief an den „teuren Guido“ erinnert sie ihre Romanfigur daran, dass sie sich in 30 Jahren verändert habe. „Um erfolgreich zu sein“, schreibt sie in „Unterwegs“, müsse „ein Roman den Leser so motivieren, dass er Anteil nimmt am Schicksal der Figuren“. Dieser Anleitung ist sie in ihren Krimis mit Erfolg gefolgt. Man kann in dem Büchlein auch über Literatur lesen, über Donna Leons Leidenschaft für die Oper, aber auch Überlegungen zum Problem der Einsamkeit. Auch wenn sich trotz vieler Kapitelüberschriften keine nachvollziehbare Ordnung findet, lesen Leon-Vertraute diese anregenden Plaudereien, klugen Überlegungen und genauen Beobachtungen sicher gern und hoffen mit der Autorin auf noch einige Brunetti-Krimis. (Lilo Solcher)
Donna Leon. Backstage. Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Christa E. Seibicke , Diogenes, 154 S., 25 Euro
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