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In der Welt der Lieferdienstboten: Tomer Gardis Roman „Liefern“

Buchkritik

Lieferando und Co.: Tomer Gardi schreibt einen Roman über das Leben der Lieferdienstkuriere

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    Ein Fahrer - unterwegs für einen Essenslieferdienst. Von solchen Alltagshelden erzählt Tomer Gardis „Liefern“.
    Ein Fahrer - unterwegs für einen Essenslieferdienst. Von solchen Alltagshelden erzählt Tomer Gardis „Liefern“. Foto: Sebastian Gollnow, dpa

    Vielleicht sitzen Sie gerade auf Ihrem Sofa, schon in der Feierabendjogginghose? Und dann greifen Sie doch zum Handy und öffnen die App. Fünf, sechs Klicks. Chicken Tikka Masala, Naan-Brot und eine Cola. Hör ich da „Lieferando“? Aber: Haben Sie mal daran gedacht, welche Menschen so eine Bestellung durch die Straßen manövrieren? Welche Lebensgeschichten Sie da mit einem Klick in Bewegung setzen? Tomer Gardi erzählt in seinem neuen Roman von diesen Menschen in Lieferdienst-Uniform und kommt ihnen berührend nah.

    „Willkommen im globalen Dorf“: Wie lebt es sich als Lieferdienstkurier?

    In Buenos Airs und Delhi, in Istanbul, Tel Aviv und Berlin: Überall flitzen Boten mit Rollern, E-Bikes, Fahrrädern durch die Straße. Im Gepäck das noch heiße Hühnchen. In Gedanken dieser Traum von einem anderen Job, anderen Land, besseren Leben. „Liefern“ heißt Gardis Roman, der von dieser Parallelwelt erzählt. Er kennt diese Ecken: Geboren ist Tomer Gardi 1974 im Kibbuz Dan in Galiläa, heute lebt er in Berlin. Für seine Recherche ist der Schriftsteller drei Jahre durch sechs Städte gereist. Immer den Lieferboten hinterher.

    „Filmon, sagte der Wächter zu mir, willkommen im globalen Dorf. Wir brauchen hier einen Dorftrottel. Wäre das nicht was für dich? Und ich sagte ja.“ Das globale Dorf ist überall, in jeder Stadt in fast jedem Land, und wenn es ums Essen geht, teilt sich die Dorfbevölkerung in zwei Klassen – jene, die bestellen, und jene, die liefern, liefern, liefern müssen. So beginnt der Roman mit Filmon, der in einem Schnellrestaurant in Tel Aviv, Israel, ein letztes Mal durchwischt. Pleite ist der Laden, in dem Filmon bislang Teller wusch, für einen Verdienst, mit dem er sich knapp ein Männer-WG-Zimmer leisten konnte.

    BringBring, Indie-Go und Yamm: Tomer Garder schreibt über das System

    Jetzt beobachtet er die „Rider“ auf der Straße, die mit Essen im Gepäck vorbeiflitzen: Lieferservicenamen ziehen in knalligen Farben vorbei, „BringBring, Indie-Go, Yamm“. Ein Job als Bote könnte doch eine neue Chance sein? Sein Ticket nach Berlin? Denn dann taucht die Geschichte in sein Leben ein: Filmon ist aus seiner Heimat Eritrea geflüchtet, aus dem Wehrdienst ausgebrochen und mitten durch die Wüste abgehauen. Mit der Hilfe von Schleppern. Damals war seine Geliebte Daniat aber schon schwanger und blieb zurück. Israel wird die Tochter heißen: „Als ob das neue Leben, das sie in sich trägt, Filmon seinen Weg durch die Wüste Sinai zeigen werde.“ Daniat ist inzwischen mit dem Kind in Berlin angelangt, sie versucht, den Kontakt zu Filmon und ihre Liebe zu halten. Kurze Sexcalls aus der Ferne, per Videoanruf. Aber sie wollen sich wiedersehen, endlich Familie werden, in Berlin. Wo Filmon dann – zwei Kapitel später – schon wieder liefern wird.

    Der Autor Tomer Gardi legt mit "Liefern" einen packenden Roman vor.
    Der Autor Tomer Gardi legt mit "Liefern" einen packenden Roman vor. Foto: Klett-Cotta

    Die Geschichte kommt im Stolpergang ins Rollen, wie ein Lieferboten-Mofa mit stotterndem Mofa. Aber dann spürt man, wie Gardis Spiel mit der Sprache funktioniert: Zum Beispiel mit Figuren wie Abraham. Der ist ein Freund von Filmon und bringt ihm ein bisschen Jiddisch bei – könnte ja später helfen beim Deutschlernen, sind doch verwandte Sprachen? Es ist ein feines Stück literarischer Architektur, wie Tomer Gardi mit den Tonfällen, Sprachen, Kulturen seiner Figuren spielt. Und wie sich ihre Lebenswege kreuzen.

    Gardi legt das brutale System offen, das diese Lieferdienstboten antreibt

    In Neu-Delhi, Indien, sind gerade zwei Studentinnen aus Berlin gelandet, Leonie und Nina – die sich ganz nebenbei als Lehrerin von Israel, Filmons Tochter entpuppt. Die beiden Germanistinnen arbeiten an einem deutsch-indischen Übersetzungsprojekt. Wobei sie auch durch die Stadt tigern, durch den Smog spazieren und den Schärfegrad der Imbissbudengerichte testen. Und Nina verknallt sich nebenbei in einen jungen Mann aus Buenos Aires. Währenddessen heizt eine Frau auf dem Roller durch dieselbe Stadt: Sachin trägt Lieferdienst-Uniform, Kastenrucksack und an ihren Rücken klammert sich: ihr Sohn. Der Junge will ihr unbedingt beim Liefern helfen. Ihren Mann, der sie verlassen hat, nennt Sachin einen Feigling, auch dieses Wort auf Hindi lernt man mit Gardi. Diese Inderin setzt sich durch im Leben und Überleben auf der Straße. Doch am Ende? Rauschen all diese Figuren in einem einzigen Moment, an einer Kreuzung ineinander. Welten prallen aufeinander. Ein Mensch stirbt.

    Der Autor Tomer Gardi legt mit "Liefern" einen packenden Roman vor.
    Der Autor Tomer Gardi legt mit "Liefern" einen packenden Roman vor. Foto: Klett-Cotta

    Gardi legt das System offen, das diese Boten antreibt: Im Akkord müssen sie für Hungerlohn Essen liefern. Lieferservice-Firmen unterdrücken jeden Aufstand unter ihren Fahrern. Profithungrige Mittelsmänner verkaufen an Migranten teure, falsche Identitäten, damit ihre Zulassung als Bote noch schneller klappt. Und dann zerbricht so ein Lieferantenleben in Sekunden: Unfall, Totalschaden. Oder auch nur, weil er zum dritten Mal eine miese Kundenbewertung in der App kassiert hat, weil das Essen schon kalt war. Das globale Dorf straft ab.

    Der Roman „Liefern“ Es ist ein kleines, globales Literaturkunstwerk

    Es ist ein kleines, globales Literaturkunstwerk, wie Tomer Gardi seine Helden und Heldinnen vernetzt, über vier Kontinente und gut 300 Buchseiten. Jeder kennt jeden über fünf Ecke, alte Weisheit, und manchmal trennt uns nur ein Klick. Denken Sie daran, wenn Sie jetzt Ihre Lieferando-App öffnen. Wenn Sie bestellen – und die anderen liefern.

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