„Früher war alles besser“, das war früher noch ein Satz, den nur Großeltern aus der Tiefe ihrer Lungenflügel seufzen durften. „Früher war alles besser“, der Satz roch wie Old Spice, klang nach Wählscheibentelefon und schmeckte wie Werthers Original, wenn sie in den Backenzähnen klebenblieben wie durch Fugenzement. Aber jetzt schreiben wird das Jahr 2026 und ganz Internet scheint sich in eine kollektive Großmutter zu verwandeln. „Früher war alles besser“, also posten Millionen Menschen gerade Bilder aus ihrem Jahr 2016. Private Erinnerungen von vor zehn Jahren. Denn das sei das letzte Jahr gewesen, in dem wir angeblich noch glücklich waren. So lautet die These und Nutzer öffnen auf Sozialen Medien ihr Archiv: Wie in einer Vorher-nachher-Show stehen sie einander im Direktvergleich gegenüber, hier ein Bild meines 2016-Ich, dort mein 2026-Ich.
Man sieht: Wer heute Botox-Model ist, trug damals straffenden Babyspeck im Gesicht. Andere posten Bilder ihres liebsten Pekinesen (Gott hab Hasso selig!), oder Frisuren, die man vergessen wollte, aber jetzt zum Lachen findet. Prominenz steigt mit ein: Neuer und Schweinsteiger posten ein Bild, das sie als junge, amtierende Weltmeister vor dem Abflug zur EM zeigt. Meghan Markle zeigt ein Video, wie sie mit dem Prinzen noch barfuß Pasodoble tanzte, auf englischem Rasen. Und Heidi Klum postet sich in historischem Schwarz-Weiß und Reizwäsche, weil sich manche Dinge nie ändern. Dazu stellt die Glamour, Fachmagazin für populärsoziologische Feld- und Fun-Forschung, nun eine Frage: „War 2016 wirklich das letzte Jahr, in dem wir uns gut gefühlt haben?“ Gute Frage. Zeit für eine Zeitreise …
Erinnerung ist ein geduldiges Material, das man formen und kann
Auf TikTok sind die Suchanfragen nach „2016“ angeblich um mehr als 450 Prozent gestiegen. Und wer da tippt und klickt, sucht verlorenes Glück, verlorene Zeit. Glaubt zumindest die Glamour und zitiert eine Psychologin: „In dieser Nostalgie steckt ein leises Gefühl des Verlusts”, sagt die Amerikanerin Tracy King. „Viele Menschen sagen nicht, dass 2016 perfekt war. Sie sagen, dass sich das Leben überschaubarer, verbundener und menschlicher anfühlte. Die Welt fühlte sich immer noch wie etwas an, durch das man sich ohne ständige Anspannung oder Wachsamkeit bewegen konnte.“
Aber die Erinnerung ist ein geduldiges Material. Ein Stoff, den man je nach Gefühlslaune dehnen, kneten, formen, zuckern kann. Aus der schönen Erinnerung springen Kaminfeuergefühle über, wenn sich die Seele gerade nach Trost sehnt. Aber was bedeutet das für 2016 in unserem Gedächtnis? Dazu eine kurze Tiefenbohrung, mit Stichproben in den Jahreskalender 2016:
- Großbritannien: Brexit. Die Inselbevölkerung beschließt, dem Festland den Mittelfinger zu zeigen
- Aus aller Welt: Horrorclowns liegen im Trend. Mitmenschen mit Masken zu erschrecken, kommt in Mode
- Lateinamerika: Das Zika-Virus verbreitet sich weiter
- Deutschland: „Volksverräter“ ist das Unwort des Jahres und Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Heime häufen sich
- Kultur: Erst stirbt David Bowie, dann fährt auch Prince, nun ja, mit seiner Little Red Corvette durch den Purple Rain in den Sonnenuntergang
- USA: Im diesem letzten guten Jahr wählt die Bevölkerung einen Prahlemann mit Immobilienbesitz und Realiy-TV-Karriere zum 45. Präsidenten ihres Landes.
Schön, dieses 2016? Aber, Schlagzeilen täuschen, selbst in Summe. Zeiten und Sorgen ändern sich, sind flexibel. Grönland ist da vielleicht ein Gradmesser. Als sich 2016 manche sorgten um die Insel, war das Klima der Grund, wegen des schmelzenden, gar nicht so ewigen Eises und der bedrohten Eisbären. 2026 ist es wiederum eine politische Invasion, die droht. Immer mal was Neues.
Was macht ein gutes Jahr aus? Erforscht am Beispiel 2016
Fazit: News-Querschnitte taugen nicht für Jahres-Qualitätestests. Aber wenn wir gerade um die besten Jahre streiten, am Frühstückstisch oder in der Mittagspause, spürt man, dass auch privatpersönliche Geschichten aus dem Gedächtnis keine Orientierung bieten. Katastrophen und Glückssekunden scheint das Schicksal eh per Losverfahren über die Länge eines Lebens zu sträuseln: 2016 noch das Herz zerbröselt am Liebeskummer und den Master-Studienabschluss fast vermurkst, dafür vier Jahre später die Pandemie vollkommen heil überstanden, ohne plötzlich Songs vom Wendler zu hören. Oder die alten Naidoo-CDs. Sie ist schwer zu greifen, diese Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, diese Reibung zwischen Glück oder Elend da draußen und privatem Pech oder Dusel.
Andere holen deshalb ihren Taschenrechner heraus, um die Glücksformel zu finden: Wohnraum-Quadratmeterpreis hoch Weltuntergangsangst? Dazu addieren wir die Lebenszeit, die wir in Bildschirme versenken, plus die Zahl verhaltensauffälliger US-Präsidenten und setzen das Ganze ins Verhältnis zum Radius des Ozonlochs. Und am Ende landen wir bei ... 1880, als Edison die Glühbirne patentierte! Nein, das Gute will sich nicht leicht berechnen lassen.
2026 könnte vielleicht ja wirklich das neue 2016 sein?
Und die optimistischen Nostalgiker haben ja ihre Argumente sortiert: „Love yourself“, sang der niedliche Justin Bieber im Jahr 2016, als Botschaft der Selbstliebe. Die Netzbevölkerung auf Snapchat polierte ihre Bilder auf extrem süß, dekoriert mit Hundestupsnasen-Filtern und Katzenöhrchen. Außerdem würde Angela Merkel fünf weitere Jahre regieren, was eine Mehrheit damals freute. Und 2016 waren die meisten nicht so heillos süchtig nach dem Bildschirm, Selbstbestätigung per Klick.
Außerdem spüren wir den Trend: Sehen Bots, die das Netz mit immer mehr Nonsens fluten, und fühlen den Hass, der durch Kommentarspalten sickert. Dazu in Dauerschleife Kriegsbilder aus der Welt. Die Tendenz lässt sich vielleicht nicht leugnen. Aber freuen wir uns deshalb, wenn durch Nostalgie im Netz etwas Gutes aus den like- und liebesbedürftigen Seelen schwappt. Misstrauen wir unserer miesepetrigen Privaterinnerung. Glauben wir zum Spaß an die Theorie, dass 2026 das neue 2016 wird. Denn das sich alles schnell wenden kann, zwischen Weltpolitik und Wohnzimmer, das scheint gesichheit.
Deshalb, kurz an der Uhr geschraubt: Rückblende, 1969. Da befragte Der Spiegel den Philosophen Theodor W. Adorno zur Lage der Welt. Und dabei zerschellte diese Frage nach dem schönen Gestern und dem schlimmen Heute an der Präzision einer Erkenntnis. Fragt der Reporter: „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …“ Adorno: „ … mir nicht!“
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