Vielleicht hängt jetzt schon ein Porträtbild von Marco Buschmann im „Oberbayern“ auf Mallorca. Vielleicht winkt dem Freien Demokraten sogar lebenslang Freibier, in dieser und allen Discos an der Insel-Party-Straße. Denn der Justizminister hatte auf Twitter den Schmuddel-Party-Song „Layla“ ja noch verteidigt, im hohen Namen der Kunstfreiheit.
Es half nur nicht. „Layla“ musste sich trotzdem vor den Würzburger Volksfest-Bierzelten die „Füße platt stehen“: Die Stadt machte als Gastgeberin von ihrem DJ-Recht Gebrauch und verbannte den Song vom Fest. Um noch einmal die Spider Murphy Gang und den „Skandal im Sperrbezirk“ zu zitieren: Nüchtern, bei Tageslicht, hören sich nur die wenigsten „Layla“ freiwillig an – „doch jeder ist gut informiert“, durch das landesweite Schlagzeilengewitter. Das Duo Dj Robin & Schürze preist in seinem Hit eine „Puffmama“, die „schöner, jünger, geiler“ sei. So verharrt „Layla“ seit 24. Juni auf Platz eins der Single-Charts. Ein Sommerhit, den die Lust an Trotz und Suff an die Spitze spülte. Aber, verblüfft das wirklich?
Allesamt verwandt auf leicht gröl- und lallbare Weise
Fest steht: Das Grauen in der Musik kennt viele Gestalten und selten erscheint es in Sonatenhauptsatzform. Allesamt verwandt auf leicht gröl- und lallbare Weise: Der Apres-Ski-Hit („Anton! Anton! Anton!“, der Rest ist bekannt), der Faschings-Knaller („Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die ... Schulter“) sowie – höchster Härtegrad – der Ballermann-Schlager. Warum sich also über diesen einen Song mehr aufregen? Da kann man den Chefkritikern aus dem Bierbankressort fast Recht geben. „Layla“ ist nur der härteste Tropfen im Meer der Sommerschmuddelsongs. Die Peinlichkeit des Eklats belegt das zugehörige Musikvideo: Da spaziert das DJ-Sänger-Duo durch eine deutsche Biedermann-Fachwerk-Kulisse. An der Sparkassenfiliale biegen sie mit einem Lächeln vorbei, als sei Weltspartag, und dann ab in die Dorfdisco. Minimalaufwand bei Idee und Produktion, angemessen zum Lied. Was nun folgt, ist eine Männer-Travestie-Tanzeinlage, die Profis wie Conchita Wurst die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.
Vielleicht muss man die Frage anders stellen, nicht: Darf das sein? Sondern: Muss das sein? Wirklich? Braucht die Festzeltbedienung neben der Last der Maßkrüge im Arm auch noch die Last des Bierparfüms „Chanel No. 2 Promill“ an der Backe, wenn ein Schweralkoholisierter in Lederhosen ihr ins Ohr brüllt, sie sei noch viel famoser als jene Layla? Die Musikkritik kommt aber von allen Seiten: Vertreterinnen des Rotlichts melden sich zur Wort: „Statt ,Layla’ zu verbieten, sollte man über Prostitution reden“, postet der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ auf Facebook. Rotlicht sei Realität und Tabus machen nichts besser.
Nur bleibt am Ende die Frage: Warum sind sich Tausende so einig, dass gerade dieser Song auf den Gipfel der Hitparade gehört? Fühlen sich die Fans nun wirklich wie die letzten Rebellen, im Dienst des Liedguts?
"Ein Bett im Kornfeld" klingt heute fast wie zarter Minnegesang
Jürgen Drews’ „Ein Bett im Kornfeld“ (1976) klingt gegen „Layla“ heute fast wie zarter Minnesang. Aber vielleicht zog damit schon das Elend auf, auch mit dem ehrwürdigen Roland Kaiser: In „Santa Maria“ (1980) sang er von Jungfräulichkeitsverlust und Frauwerdung am Inselstrand. Und später haben die Malle-Mozarts dann das Maßband ausgepackt und an die Körper gelegt. „Das sind nicht 20 Zentimeter“ (2001) sang die Komikerin Mirja „Möhre“ Boes, mit „Du hast nie im Leben 75 D“ legte sie nach. Mickie Krause machte eine ganze Berufsgruppe zum Objekt, er wünschte sich „zehn nackte Friseusen“. Und, man kann es Ihnen nicht ersparen, aktuell erfreuen sich „Die Sacknähte feat. Ikke Hüftgold“ Beliebtheit. Ja, ihr Song ist eine Parodie, eine Idee von Comedian Felix Lobrecht – aber ist das nötig? Mit olympischem Geist steuert die Szene neue Rekorde an, hohler, greller, dreister. Sportart: Niveau-Lambada, nein Niveau-Limbo.
Vielleicht hilft da nur der reine Nonsens. Der „Pizzahut“-Song, das „Rote Pferd“ ... Generationen später werden rätseln, ob auch nur Spuren von Sinn in diesen Gaga-Hittexten schlummern. Oder man lindert den Schmerz mit der Flucht in eine fremde Sprache: Die berühmte „Macarena“ geht zum Beispiel ihrem Mann fremd – und der Song ist immer noch der Mitwackel-Brüller auf Hochzeitspartys. Wissen sie, was sie da auf Spanisch-Englisch singen? Und erinnert sich ein Mensch noch an den Ketchup-Song von 2002? Vielleicht klingelt es beim Refrain, den ein Frauen-Trio am Strand singt: „Y aserejé-ja-dejé, De jebe tu de jebere seibiunouva majavi an de bugui an de güididípi.“ Nun bitte nicht an den eigenen Spanisch-Kenntnissen zweifeln, dieser Text ist – völlig sinnfrei. Verfasst in Fantasie-Sprache. Kein echtes Wort darin. Und Lieder ohne Worte sind manchmal doch die beste Wahl.