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Mithu Sanyal über „Wuthering Heights“: Emily Brontes Roman ist revolutionär

Interview

„Im Film ergibt die Geschichte keinen Sinn“: Kulturwissenschaftlerin über „Wuthering Heights“

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    Jacob Elordi als Heathcliff und Margot Robbie als Catherine Earnshawin „Wuthering Heights“
    Jacob Elordi als Heathcliff und Margot Robbie als Catherine Earnshawin „Wuthering Heights“ Foto: Warner Bros. Pictures, dpa

    Frau Sanyal, gerade läuft die Verfilmung von Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“ in den Kinos. Sie haben dieses Buch rund 40 Mal gelesen und bezeichnen es in einem Essay als ihr Lebensbuch, das Sie einmal im Jahr wieder lesen. Was fasziniert Sie so an dem Roman?

    MITHU SANYAL: Es war der erste Roman für Erwachsene, den ich gelesen habe, und er hat mich damals umgehauen. Aus dem Rückblick würde ich sagen: ganz eindeutig, weil es ein Buch war, das sich explizit mit Rassismus auseinandergesetzt hat. Heathcliff, die Hauptfigur, war die erste Mixed-Race-Hauptfigur, die mir in einem Buch begegnet ist. Also wahrscheinlich ist er der uneheliche Sohn von Mr. Earnshaw und einer ehemaligen versklavten Frau.

    Aber genau diese Zuspitzung verliert sich in der Neuverfilmung, weil Heathcliff von Jacob Elordi, einem weißen Schauspieler, verkörpert wird.

    SANYAL: Ja, es ist sogar noch viel absurder, denn nicht nur ist Heathcliff weiß gecastet worden, wie es übrigens in vielen Verfilmungen zuvor auch schon der Fall war. Aber der im Roman zarte, blonde Edgar Linton ist in diesem Film mit dem pakistanisch-britischen Schauspieler Shazad Latif besetzt worden. Das Race-Motiv wurde also komplett umgedreht und so macht die Geschichte nun keinen Sinn mehr. Die Gewalt und Diskriminierung, die Heathcliff erleidet, werden nur noch mit dem Klassenunterschied erklärt, der zweifellos in „Wuthering Heights“ auch eine große Rolle spielt, aber da gibt es einfach andere Charaktere, die ebenfalls einer anderen class angehören und trotzdem nicht diese Erniedrigungen erfahren. Es ist bedauerlich, dass der Race-Aspekt, der ja so aktuell und brisant wäre, nicht verwendet wurde. Und es ist in gewisser Weise auch ein Rückschritt.

    Warum dies?

    SANYAL: Weil es in der Verfilmung von Andrea Arnold 2011 einen farbigen Heathcliff gab. Damals waren viele Filmkritiker überrascht: Das ist aber mal innovativ. Dabei steht es ja so auf fast jeder Seite im Buch: Heathcliff ist schwarz, und weil er so schwarz ist, ist er nicht so wie wir. Deshalb ist es toll, dass es jetzt Leuten auffällt und das das auch kritisiert wird. Aber jede Verfilmung ist auch eine Neuadaption, und nicht umsonst ist der aktuelle Filmtitel in Anführungszeichen gesetzt. Damit ist klar, es ist nicht das Buch, das wir kennen.

    Aber jetzt mal ehrlich, Frau Sanyal, Sie haben das Buch doch auch als einen Roman über eine große tragische Liebe gelesen, oder? Catherine Earnshaw heiratet nicht das Findelkind Heathcliff, zu dem sie sich seit Kindheit hingezogen fühlt, sondern den reichen Edgar Linton und löst damit eine verhängnisvolle Kette aus Rache und Gewalt aus.

    SANYAL: Natürlich ist es auch eine Geschichte über Liebe, aber über eine, die die Gesellschaft unterbindet. Für mich geht es in erster Linie darum, wie Liebe gesellschaftlich ungleich verteilt ist. Wer gilt als liebenswertes Subjekt, und wer darf überhaupt lieben? Während des transatlantischen Sklavenhandels ist beispielsweise gesagt worden, dass Schwarze diese Gefühle gar nicht haben können, weil sie „wie Tiere“ seien. Liebe galt als eines der „verfeinerten Gefühle“, das man erst ab einem bestimmten „Zivilisationsgrad“ empfinden kann. Mit Liebe ist eben auch ganz viel Politik gemacht worden, und das ist das Thema, das in „Wuthering Heights“ mit der Liebesgeschichte verbunden ist.

    Heathcliff wird abgesprochen, dass er Liebe für Catherine empfindet?

    Sanyal, Ja, und das finde ich so faszinierend an der Figur, dass er dem widerspricht und sagt, dass er ganz im Gegenteil viel mehr in der Lage ist zu lieben als die anderen. Heathcliff akzeptiert diese gesellschaftliche Liebeshierarchie nicht. Wo nimmt er diese Resilienz her? Das ist für mich das Revolutionäre an diesem Roman. Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, war es das, was zu mir gesprochen hat.

    Ist das der Grund, warum das Buch zu seiner Zeit als gefährlich eingestuft wurde?

    SANYAL: Ganz zu Anfang wurde es ja noch relativ positiv besprochen, aber als man dann bemerkte, dass es von einer Frau geschrieben worden war, drehte sich das plötzlich. Denn das ging ja gar nicht. Und es war tatsächlich etwas, was natürlich den Konventionen der Zeit überhaupt nicht entsprochen hat.

    Aber auch formal war das Buch außergewöhnlich.

    SANYAL: Es entzog sich einer eindeutigen Interpretation, weil der Text auf mehreren Ebenen erzählt. Wir erfahren die Geschichte eben nicht von Heathcliff selbst, sondern von Lockwood, einem jungen Mann, der ganz unbeteiligt ist. Der bekommt sie von Nelly Dean, der Haushälterin der Earnshaws, erzählt. Und Nelly wiederum hat sie aus Briefen von Isabella und Tagebüchern von Catherine – es gibt also viele Filter und alle sprechen aus ihrer Position. Bei anderen Büchern dieser Zeit hört man immer die Stimme der Autorin oder häufig auch den erhobenen Zeigefinger. Bei „Wuthering Heights“ ist das nicht so. Man hört die Figuren, aber es gibt nicht eine Autorinstanz, die uns sagt, wie wir die Geschichte bewerten sollen.

    Zusammengefasst Frau Sanyal: Warum sollte man „Wuthering Heights“ unbedingt noch lesen?

    SANYAL: Der Roman liest sich wirklich so, als wäre er heute über diese Zeit geschrieben worden. Bis auf einzelne Worte, die wir heute nicht mehr verwenden, ist er verblüffend aktuell. Wer kann, sollte ihn im Original lesen, denn die Übersetzungen sind schneller gealtert als die Originale. Es ist ein Buch, das psychologisch wirklich spannend ist, weil es ein intergenerationelles Trauma beschreibt, das erst die dritte Generation auflösen kann. Obwohl fast alle Figuren sterben, gibt es dadurch trotzdem ein Happy End. Sogar die Geister sind fröhlich und gehen übers Moor, es sei denn, es regnet, dann sind sie in „Wuthering Heights“, dem Gutshof, der dem Roman seinen Namen gibt.

    Zur Person

    Mithu Sanyal, geboren 1971 in Düsseldorf, ist Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie schreibt über Rassismus, Feminismus und Postkolonialismus. 2022 kam der Essay „Über Emily Bronte“ heraus, in dem Sanyal über „Wuthering Heights“ schreibt (Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 20 Euro.

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