Pro: Plädoyer für die Ohrmuschel-Mauer
Brumm! Hup! TikTok-Sound aus einem viel zu lauten Smartphone. Ein Radfahrer brüllt „Ausm Weg!“ Waaah! Wer durch die Stadt läuft, findet sich oft unfreiwillig einem chaotischen Hörspiel ausgesetzt. Mit Kopfhörern auf den Ohren aber entscheidet man selbst: Musik, Podcast oder einfach nur Stille. Ganz in der eigenen Blase.
Doch es geht nicht nur um auditive Flucht - Kopfhörer sind auch ein nonverbaler Schutzschild. Flyer-Verteiler, grölende Typen, NGO-Teams in neonfarbenen Westen, die unbedingt eine Unterschrift zum Schutz der Pelzrobben in Namibia wollen - sie alle prallen effektiv am unsichtbaren Wall ab. Und wenn sie es doch versuchen? Dann kann man ohne schlechtes Gewissen weiterschreiten. Man ist ja nicht unhöflich… man hat sie einfach nur nicht gehört. Pfft.
Auch machen Kopfhörer aus banalem Pendeln zum Arbeitsplatz einen produktiven Zwischenraum, während die Bahn wieder einmal „kurzfristig verspätet“ ist. Wie wäre es mit einem politischen Podcast? Vielleicht ein cooles YouTube-Video? Oder man hört sich endlich die Sprachnachricht an, die man schon seit drei Tagen ignoriert. Klar - niemand muss sich mit 130 Dezibel das Trommelfell malträtieren oder riskieren, an einer Windschutzscheibe klebenzubleiben. In Maßen genießen. Wobei moderne Kopfhörer mit ihrer integrierten „HearThrough“-Funktion sowieso schon Abhilfe schaffen – sie lassen wichtige Geräusche wie zum Beispiel einen sich schnell nähernden Porsche durchkommen, und man ist auf der sicheren Seite. Wortwörtlich. (Anabel Kufeld)
Contra: Kopfhörer übertönen Lärm nur mit noch mehr Lärm
Manche tragen Kopfhörer wie andere Schuhe. Sobald sie das Haus verlassen, stecken sie sich die weißen Stöpsel in die Ohren. Auf dem Weg in die Arbeit, beim Radfahren, Spazierengehen, im Zug, beim Sport, überall lassen sie sich beschallen. Ist ja auch angenehm, wenn der Lieblingssong den Baustellenlärm übertönt und Gesprächsfetzen unerhört bleiben, wo der Podcast sowieso viel spannender ist. Und wer presst sich freiwillig das Handy ans Ohr, wenn er drahtlos telefonieren kann?
Kopfhörer können praktisch sein, aber eigentlich übertönen sie Lärm nur mit noch mehr Lärm. Denn um Geräuschkulissen im Außen auszublenden, muss man schon ordentlich aufdrehen. Da sind die Grenzen der Dauerbeschallung schnell erreicht. Nicht länger als eine Stunde am Stück, raten Fachleute. Und nicht lauter als 80 Dezibel. Mit so einer Staubsauger-Lautstärke kommt man gegen Laubsauger, Lastwagen und anderen Lärm aber kaum an.
Also werden die Kopfhörer lauter gestellt, auch wenn sich die Haarzellen im Ohr sträuben. Irgendwann knicken sie ein wie Bäume im Wind und das Hörvermögen nimmt ab. Überhaupt kann sich das Ohr nicht mehr so gut reinigen, wenn die Stöpsel ständig den Schmalz in die Muschel drücken. Auch große Kopfhörer bieten ein wunderbar feuchtes Mikroklima für Bakterien und Pilzen.
Aber davon mal abgesehen, schaffen Kopfhörer eine Barriere zur Außenwelt. Sie signalisieren, dass man in seiner eigenen Welt unterwegs ist und in Ruhe gelassen werden möchte. Man ist nicht ansprechbar und hört auch nicht hin. In der akustischen Isolation verpasst man aber auch lustige Wortwechsel oder ein nettes Gespräch. Also vielleicht lieber mal wieder mit offenem Ohr durch die Welt laufen, einfach so, fürs Miteinander. (Felicitas Lachmayr)
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