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Seit der Echo abgeschafft ist: deutscher Pop bleibt ohne zentrale Auszeichnung

Musik

Die größte Dämlichkeit im deutschen Pop – und ihre bis heute peinlichen Folgen

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    Das war das Ende 2018: Die Rapper Kollegah (links) und Farid Bang bekamen einen Echo.
    Das war das Ende 2018: Die Rapper Kollegah (links) und Farid Bang bekamen einen Echo. Foto: Jens Kalaene, dpa

    Wer dem typisch Deutschen heute auf die Spur kommen will, kann natürlich einen Blick in aktuelle Statistiken werfen und dort etwa finden: Deutschland verzeichnete 2025 eine Rekord-Kartoffelernte; kaum wo in ganz Europa ist Alkohol so billig wie in Deutschland; und nirgends auf der Welt verfügt der öffentlich-rechtliche Rundfunk über so viel Geld wie in Deutschland, zuletzt haben ARD und ZDF 10,4 Milliarden Euro im Jahr ins Budget gespült bekommen. Aber wie der Dichter längst weiß: Auch in ihrer Gesamtheit ergeben die Bruchstücke kein vollständiges Bild.

    Lieber eine kleine Geschichte also über scheinbar Nebensächliches, die doch Wesentliches aussagt vielleicht. Es ist jetzt bald acht Jahre her, dass auf wohl dämlichste Weise der sowieso ungeliebte, aber halt trotzdem wichtigste Musikpreis Deutschlands beerdigt wurde. Der eigentlich hübsch betitelte Echo nämlich wirkte nie so ganz entschieden, ob es dabei einfach um Quantität oder auch um Qualität gehen sollte, also: Gewinnt, wer schlicht am meisten verkauft hat oder wer von einer Jury als künstlerisch am besten erkoren wird. Und allein die Unsicherheit in diesen Kriterien ist nicht gerade untypisch.

    In der Literatur etwa wüten hierzulande ja regelmäßig die Erfolgreichsten wie Juli Zeh oder auch Sebastian Fitzek, dass angesichts der Kritiken, die sie einstecken müssen, irgendwie als ausgemacht zu gelten scheint, dass man nicht zugleich gut und erfolgreich sein kann, dass also Superbestseller oder gar Krimis irgendwie nicht so richtige Literatur sein können.

    Was manche schmerzte: All die Echos für Helene Fischer

    Beim Echo schmerzte es andersrum manche, dass eine gewisse Helene Fischer mit 17 Preisen die meistgekrönte Popmusikerin des Landes wurde, dass die Toten Hosen etwa 2013 die Maximal-Abräumer mit vier Hauptpreisen in einem Jahr wurden. Ist das also die beste deutsche Popmusik? In den ebenfalls Echo-prämierten Bereichen Jazz und Klassik gab es die Zweifel auch, allerdings entsprechend der Genre-Resonanz halt deutlich leiser.

    Und eben aus dieser Unentschiedenheit resultierte eine der mit Sicherheit dämlichsten Momente der deutschen Popgeschichte. Als nämlich 2018 in einer Kategorie namens „Hip-Hop/Urban National“ das Rap-Duo Kollegah und Farid Bang wohl allein ihres Erfolgs wegen nominiert war und dabei neben den Genre-typischen Anwürfen wie der Frauenfeindlichkeit vor allem in der Kritik stand, weil die zwei im Song „0815“ Zeilen spuckten wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow“. Voll krass provokativ halt, und genau bei dem Thema, mit dem in diesem Deutschland ja immer Empörungspotenzial zu nutzen ist. Ja, und dann wurde den beiden Spackos, äh, Chabos, nein, Babos bei der Preisverleihung just zum Datum des Holocaustgedenktages die Bühne zum Auftritt bereitet und auch der Preis zugesprochen.

    Die verlässlich nach Deutschland-Drehbuch von moralischer Empörung zu heroischer Verteidigung von Kunst- und Meinungsfreiheit und wieder zurück pendelnde und vor allem Bekenntnisse, aber kein Gespräch bringende Debatte schwoll an und über – und führte dazu, dass Kollegah und Farid Bang letztlich tatsächlich den deutschen Musikpreis beerdigt haben. Bei aller Ungeliebtheit immerhin den Anlass, bei dem sich diese ganze Branche auch mal versammeln und feiern und etwa gemeinsam vor dem Lebenswerk eines Udo Jürgens verneigen konnte. Wie es die Brit Awards in Großbritannien eben sind, die American Music Awards und dazu noch die Grammys in den USA, die Music Awards in Italien, die Victoires de la Musique in Frankreich … Bloß halt für Deutschland, den je nach Datenquelle dritt- oder viertgrößten Musikmarkt der Welt.

    Aber genau an dieser Stelle klafft seit dem Echo-Desaster ein riesengroßes Loch. Genauer gesagt gab es zwar den Versuch eines Nachfolgepreises, bereits im Jahr darauf nämlich wurden dafür die International Music Awards verliehen – aber mit zwei Problemen: 2020 danach kam Corona, machte den Versuch platt, einfach Pech also; aber vor allem wollte der Preis, wie sein Name schon sagt, so irgendwie mit Deutschland eigentlich gar nichts zu tun haben, versammelte eine internationale Jury, kürte internationale Interpreten – eine auch nicht ganz untypisch deutsche Ausweichbewegung vom offenbar ewig verminten Nationalen mit allzu weltläufiger Geste aus dem vermeintlich Provinziellen in die Gesichtslosigkeit. Was zumindest über das Popland Deutschland bis heute einiges zu sagen hat. In den leiseren Sparten sind seitdem nämlich der Opus Klassik und der Deutsche Jazzpreis entstanden, nun aus eigenem Recht alljährlich stattfindend und damit letztlich wohl aus dem Desaster gereinigt und gereift hervorgegangen.

    Roland Kaiser oder Nina Chuba? Der Oimara oder DJ Koze?

    Ist also allein Popland Deutschland abgebrannt? Gibt es womöglich nichts oder nicht mehr genug, was eine Prämierung und Feier für irgendjemand als interessante Renommierveranstaltung erscheinen lässt? Der Quantität nach (gemessen von der Gesellschaft für Konsumforschung) zerfällt das Popland in zwei Teile, erfolgreich 2025 nämlich waren einerseits Alben von Roland Kaiser („Marathon“) und Sarah Connor („Freigeistin“), andererseits Kontra K („Augen träumen Herzen sehen“) und Nina Chuba („Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“) – also entweder Schlageriges oder Gerapptes?

    Aber Erfolgsgeschichten schrieben doch auch Oimara und Zartmann und die junge Zahide. Vom Feuilleton geliebt dagegen wurden etwa Werke von Die Heiterkeit und DJ Koze. Was also prämieren? Eigentlich wäre eine Debatte darüber interessant, bei einer gemeinsamen Feier. Stattdessen ist das alles aber in Blasen zerfallen – und aus der einen wird auf die andere meist nur mit Verachtung geblickt. Aber bitte, mit Deutschland 2025 hat das ja wohl nichts zu tun. Zum Trost noch ’nen Taylor-Swift-Song gefällig? Oder vielleicht besser und sicherlich passender Jan Delays Song „Kartoffeln“ auflegen, laut machen und auf dieses verquere Pop-Deutschland tanzen.

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