Der Bass bringt selbst die Tribünen zum Zittern, wie ein verheißungsvolles Donnergrollen. Die Handys sind gezückt, die Lichter aus, die Aufregung praktisch spürbar. Doch wo ist Nina Chuba, der eigentliche Star des Abends? Während der Geräuschpegel in der Münchner Olympiahalle steigt und die Blicke gebannt auf die Bühne gerichtet sind, lässt die Hamburger Sängerin noch ein wenig auf sich warten. Und ist mit einem Mal doch da, fährt von unten hoch auf die Bühne, in gewisser Weise von der Unterwelt in die unsere.
So ungefähr könnte man zumindest die Kontroverse zusammenfassen, mit der sich die 27-Jährige in den vergangenen Wochen auseinandersetzen musste: Mit ihrem neuen Album „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“, eckt Chuba, die bürgerlich Nina Katrin Kaiser heißt, an. Eigentlich jedoch vor allem mit einem der Songs, der den Titel „Fahr zur Hölle“ trägt. Und genau dorthin wollen viele der Sängerin eben nicht folgen und sehen Zeilen wie „Ich fahr‘ zur Hölle, kommst du mit? Ich hab' gehört, da ist 'ne Party“ kritisch.
Mit ihrem neuen Song „Fahr zur Hölle“ eckt Nina Chuba an
„Ich hoffe du findest den Weg zu Jesus“, kommentiert etwa ein User unter einem von Chubas Tiktok-Videos zu dem neuen Song. „Nee ich fahr lieber zum Himmel“, schreibt ein Account mit dem Namen „Gottes Mosaik“. Ein Cover des Lieds mit ebenjenem Titel ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten. Was mit ein paar Kommentaren begann, habe sich „zu einem wütenden Bibel-Klumpen“ zusammengebraut, fasste Chuba den Shitstorm in einer Folge ihres Podcasts zusammen. Eigentlich gehe es in dem Song metaphorisch um einen Ort, an dem es okay ist, nicht perfekt zu sein, stellte sie außerdem bei einem ihrer Auftritte klar.
In der ausverkauften Olympiahalle ist von dieser Kritik am Mittwochabend jedoch nichts zu spüren. Viele Mädchen und junge Frauen tragen T-Shirts und Pullis mit dem Gesicht der Sängerin, passend zum neuen Album, mit dem die 27-Jährige derzeit auf große Arena Tour geht. Kleine geflochtene Zöpfe und zwei Dutte auf dem Kopf gehören ebenso zum Outfit der kleinen und großen Fans – die sogenannten Space Buns, die Nina Chuba so gut wie immer trägt. Die sprichwörtliche Welle der Euphorie, die die Sängerin spätestens seit ihrem Erfolgshit „Wildberry Lillet“ aus dem Jahr 2022 umspielt, sie ist nicht gebrochen.
Nina Chuba zeigt sich auf der Bühne in München auch verletzlich
An manchen Stellen ihrer perfekt durchchoreografierten Bühnenshow zeigt sich Chuba in München allerdings genau so: gebrochen, verletzlich, nahbar, unsicher. „Auch wenn ich gerade hier stehe“, wendet sie sich nach etwas mehr als der Hälfte der Songs an das Publikum, „bin ich in vielen Situationen sehr unsicher. Wir alle leben schließlich gerade zum ersten Mal.“ Das kollektive Sich-unsicher-Fühlen beim gleichnamigen Song hat dann etwas sichtlich Berührendes, Unterstützendes, das in vielen „Nochmal!“-Rufen endet.
Auch wenn etwas beim Konzert mal nicht perfekt läuft – wie etwa, als Chuba sich bei einer Überleitung etwas verhaspelt oder ihre Stylistin in einer kleinen Pause laut fragt, ob sie etwas zwischen den Zähnen hat – sind das keine peinlichen Momente. Im Gegenteil: Sie machen den Charme der Sängerin aus, die sich ihren Fans abseits der Bühne auf Instagram und Tiktok gern nahbar, witzig und auch mal ungeschminkt zeigt.
Chuba beendet ihr Konzert in der Münchner Olympiahalle mit einem friedlichen Song
Aber richtige Power, die hat Nina Chuba eben auch: Und das spürt man. Zum Beispiel wenn sie die gesamte Halle bei dem Song „Rage Girl“ zum Tanzen und Springen bringt, und der Bass – zusammen mit den unzähligen mitsingenden Fans – die Lautstärke auf ein neues Level hebt. Begleitet von einer Feuershow, deren Hitze man bis oben in den Tribünenrängen spürt.
Also doch ein bisschen Hölle mitten in München? Zumindest beendet Chuba den Hauptteil ihres Auftritts mit eben jenem Song, der ihr so viele kritische Kommentare einbrachte. Und taucht die Bühne für „Fahr zur Hölle“ in feuriges rotes Licht, bevor sie mit einem letzten, ausdrucksstarken Blick über ihre Schulter und dem Knall der Konfettikanonen wieder verschwindet. Minutenlang rieselt schwarzes Konfetti auf die Fans herab, von denen einige versuchen, die Papierschnipsel zu erhaschen. Ein wenig wirkt dieser Abgang wie der Ascheregen nach einem Vulkanausbruch.
Doch ganz so endzeitstimmungsmäßig lässt Chuba den Abend dann doch nicht enden: Bei ihrer Zugabe hat sich die Atmosphäre auf der Bühne noch einmal komplett gewandelt, der Hintergrund erinnert mit weißen Wolken auf hellblauem Grund nun doch eher an Himmel statt Hölle. Ihren letzten Song „So lange her“, beschreibt sie als „friedlich“. Und ergänzt: „Davon haben wir grade zu wenig“. Sie habe zuletzt sehr viel gearbeitet, sei nur selten zu Hause gewesen und möchte das nach dieser Tour nachholen. Ihr Appell an ihre Fans: „Ruft auch mal wieder eure Oma an!“
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