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Wie gut geht es Elefanten in deutschen Zoos?

Debatte Zoo

Wie gut geht es Elefanten in deutschen Zoos?

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    Elefanten gelten als Kassenmagneten. Nichts aber geht über Elefantenbabys wie Kaja, der neue Star im Opel-Zoo.
    Elefanten gelten als Kassenmagneten. Nichts aber geht über Elefantenbabys wie Kaja, der neue Star im Opel-Zoo. Foto: Boris Roessler, dpa

    Der Elefant ist ein Riese. Er hat den größten Kopf, den längsten Rüssel und das größte Gehirn unter den Landsäugetieren. Die Giraffe mag ihn zwar an Höhe überragen, aber in der Kombination aus Größe und Gewicht kann sie nicht mithalten. Gemessen von der Rüsselspitze bis zum Schwanzansatz kann der afrikanische Savannenelefant bis zu 7,5 Meter lang werden und bis zu zehn Tonnen schwer. Allein im Rüssel besitzt er mehr Muskeln als der gesamte menschliche Körper.

    In Deutschland leben 126 dieser Riesen in Tierparks und zoologischen Gärten. Afrikanische und asiatische. Mehr als in jedem anderen Land in Europa. Sie gelten als Kassenmagneten. Warum? Weil schon Kinder wissen: Elefanten sind großartig. Dumbo kann fliegen, der kleine Elefant im Fernsehen ist blau und schlau, und Benjamin Blümchen kann mit allen Tieren, aber auch mit Menschen sprechen und sein bester Freund ist ein Junge namens Otto. Törööö, törööö! Und natürlich wollen Kinder, die Elefanten lieben, dann auch mal einen echten Elefanten sehen. Und wo? Im Zoo.

    In der Debatte um die Zoos steht meist ein Elefant im Raum

    Seit Jahren aber fordern Tierschutzverbände wie Pro Wildlife, die Elefantenhaltung in Zoos auslaufen zu lassen: Weil die Riesen, die die Wärme lieben, nicht nach Deutschland gehören. Weil sie hier kein gutes Leben haben können, auch wenn man es ihnen noch so schön mache mit großen Häusern, viel Auslauf und Wasserbecken zum Planschen. Tatsächlich aber werden in deutschen Zoos für die Art gerade Millionen investiert, in eben solche Häuser, Außenanlagen und Wasserbecken. Geht es also um die Frage, ob Zoos noch zeitgemäß sind, steht da immer auch ein Elefant im Raum. Oder eben gleich 126. Braucht man die? Sechs in Wuppertal, neun in Leipzig, oder zwei in Augsburg, wie die Website Elefanten-Wiki auflistet? Nur so als Beispiel?

    Im Tierpark Berlin gibt es seit September 2020 gar keine Elefanten mehr. Seitdem wird geplant und gebaut. Ein bisschen länger als vorgesehen, teurer natürlich auch, fast 50 Prozent. 52 Millionen Euro wird der Umbau des ehemaligen Dickhäuterhauses kosten, im nächsten Frühjahr sollen die ersten Afrikanischen Elefanten einziehen. Aber auch ohne Tiere ist das Gehege schon eine Attraktion. Einmal im Monat bietet der Tierpark eine Baustellenführung an, 36 Euro pro Person. An diesem Freitag elf Mal gebucht.

    Im nächsten Jahr sollen hier im umgebauten Dickhäuterhaus in Berlin die ersten Afrikanischen Elefanten einziehen.
    Im nächsten Jahr sollen hier im umgebauten Dickhäuterhaus in Berlin die ersten Afrikanischen Elefanten einziehen. Foto: Tierpark Berlin

    Beton, Absperrgitter, Bagger, Erdhügel… Wenn man nicht wüsste, wo man ist, könnte man sich auch vorstellen, dass das hier vielleicht die neue Abfertigungshalle des Flughafens wird. Oder ein riesiges Gewächshaus, selbst die Novembersonne schickt durchs Foliendach noch literweise Licht. Aber das viele Licht soll einmal dem Vitamin-D-Haushalt der Elefanten zugutekommen und deren Gemüt. Im noch grauen Betonbecken sollen dann die Tiere planschen, zwischen den Erdhügeln sich mit Sand abduschen und draußen durch eine Landschaft wandern, die ein bisschen nach Afrika aussieht, nach der passenden Geozone, in der man quasi nebenan oder im Hintergrund die Giraffen, die Gnus und die Zebras sehen wird.

    Auch das ist Zoos heute wichtig: Dass die Kulisse stimmt

    Auch das ist Zoos heute wichtig: dass die Kulisse stimmt, dass am Ende eines Besuchs ein Gefühl, eine Idee, da ist, wie das Tier in der Freiheit lebt. Fast als sei man da gewesen. Deswegen beispielsweise kann man im Zoo Leipzig mit dem Boot durch die Riesentropenhalle Gondwanaland fahren, deswegen bauen sie in Frankfurt demnächst einen gläsernen Tunnel unter dem Flusspferde-Bassin. Landscape Immersion wird das von den Zooarchitekten genannt, Eintauchen in eine Landschaft, in der paradoxerweise aber viele Tiere stehen, die ihr natürliches Habitat gar nicht kennen.

    Ein Blick von oben mit der Drohne auf die derzeit größte Baustelle im Tierpark Berlin: die künftige Savannenlandschaft mit dem umgebauten Elefantenhaus.
    Ein Blick von oben mit der Drohne auf die derzeit größte Baustelle im Tierpark Berlin: die künftige Savannenlandschaft mit dem umgebauten Elefantenhaus. Foto: Tierpark Berlin

    Schwer vorstellbar das mit der Landschaft gerade noch auf der Baustelle in Berlin. Das Wesentliche aber wird inmitten von Beton schon sichtbar: Im Vergleich zu früher, sagt Teresa Frede, die im Tierpark das Projekt als Architektin betreut, hätten sich die Verhältnisse umgekehrt. Im alten Dickhäuserhaus konnten sich die Besucher auf etwa zwei Drittel der Fläche breit machen. Künftig gehört mehr als die Hälfte den Tieren. Auf der Website des Zoos klingt die Beschreibung ein wenig wie eine Immobilienanzeige: „Mit den naturnah gestalteten Außenanlagen umfasst die Baumaßnahme insgesamt 16.300 qm – das entspricht der Größe von zwei Fußballfeldern. Davon entfallen 3.500 Quadratmeter auf überdachte Innenbereiche, in denen die Elefanten Schutz und Rückzugsmöglichkeiten finden.“ Zwei Gruppen sollen hier leben, bis zu 21 Tiere: Mütter mit Kindern, junge Bullen mit anderen jungen Bullen. Manchmal auch die einen mit den anderen oder einer alleine. Dafür sind all die großen Türen im neuen Elefantenhaus, sagt die Architektin: „Damit können wir die Tiere zusammenführen oder auch aneinander vorbeiführen, wenn sie sich nicht begegnen sollen.“

    Frede deutet jetzt auf die Löcher in der Wand. Auch da braucht es noch Fantasie. Futterstellen, sagt sie, die von den Pflegern nach einem sich ständig ändernden Rhythmus befüllt werden. Elefanten haben ein Elefantengedächtnis. Sie sind schlau. Gäbe es einen festen Fütterungsplan, sie würden ihn durchschauen. So aber sollen die Tiere auf der Suche nach Futter quer durchs Gelände streifen, auch da gibt es Verstecke für Heu. Im Baumstamm aus Beton beispielsweise, im Kasten direkt am Zaun … „immer in kleinen Mengen, als würden sie in der Savanne Grasbüschel ausreißen“, sagt Frede. Kein Elefant soll hier einfach nur rumstehen, keiner sich langweilen!

    Es klingt alles nach schöner neuer Elefantenwelt, nach größtmöglicher Freiheit in Gefangenschaft, nach dem bestmöglichen Elefantenleben in Deutschland.

    Pro Wildlife beklagt: Den Bedürfnissen der Elefanten kann ein Zoo nicht gerecht werden

    Für Laura Zodrow von der Tier- und Artenschutzorganisation Pro Wildlife klingt es nicht gut genug. „Es gibt Tierarten, dazu zählt der Delfin, der Eisbär, die Menschenaffen, und dazu gehört auch der Elefant, deren Bedürfnissen können wir nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Zoo nicht gerecht werden.“ Auch nicht im schönsten und modernsten Gehege der Welt. Natürlich sei eine Verbesserung der Lebensqualität „unglaublich zu begrüßen“, sagt Zodrow. Aber ein Zoo ist immer noch ein Zoo. „Da wird natürlich nicht investiert, wenn man die Haltung auslaufen lassen will.“ Genau das aber fordert Pro Wildlife: gar keine Elefanten mehr in Deutschland.

    Kann ein Elefant in Deutschland kein gutes Leben haben?

    Die Diskussion darum wird seit Jahren geführt, alle Argumente hundertfach ausgetauscht. Kein noch so großer Zoo kann die freie Wildbahn nachstellen, in der die Herdentiere bis zu 100 Kilometer am Tag wandern, in der Familien zusammenbleiben, in der die Jungen von den Alten lebenslang lernen, in der das Klima ein ganz anderes ist. Sagen die Tierschutzverbände und verweisen immer wieder auf Missstände: zu kleine Gehege, auseinandergerissene Familien, verhaltensauffällige und kranke Tiere.

    Die Haltung der hochintelligenten Tiere ist hochkomplex – sagt auch der Zoodirektor

    Die Antwort der Zoos?

    Anruf bei Thomas Kölpin, Direktor der Wilhelma, des Zoologisch-Botanischen Gartens in Stuttgart. Kölpin hat schon in seiner Zeit beim Zoo in Erfurt für die Elefanten neu gebaut, die größte Anlage in Deutschland, nächstes Jahr sollen die Arbeiten in der Wilhelma beginnen. Auch wieder ein Mammutprojekt. Es wird die erste Fission-Fusion-Anlage weltweit für Elefanten aller Geschlechter und aller Altersstufen sein. Fission-Fusion? Kölpin weiß, dass er das erklären muss. In Stuttgart werden sie so bauen, dass sie drei Außen- und drei Innenanlagen haben. Jeweils eine für die Matrilinie, angeführt vom weiblichen Familienoberhaupt, eine für die heranwachsenden Junggesellen, eine für einen einzelgängerischen Zuchtbullen. Alle drei Gruppen können getrennt leben, Fission, aber auch mal zusammenkommen, Fusion. „Elefanten sind Lebewesen, die ganz wenig Instinkt haben und ihr Leben lang lernen, ähnlich wie wir Menschen“, sagt Kölpin. Deswegen sei es wichtig, dass beispielsweise die männlichen Teenager auch mal in Kontakt mit einer Mutterherde kommen oder auch mal erleben, wie der erwachsene Bulle sich verhält. Was macht man als erwachsener Elefant? Wie ernährt man sich? Wie geht man mit den Elefantenkühen um? Lernen durch Anschauung. Man wisse seit einigen Jahren, dass dies die beste Art der Haltung sei, bislang habe man sie aber nicht umsetzen können.

    Thomas Kölpin ist mit Laura Zodrow ganz einer Meinung: Der Elefant ist ein hochintelligentes, sozial extrem komplexes Tier. Auch die Haltung ist hochkomplex. Aber deswegen damit aufhören?

    Natürlich kommt Kölpin, Vorsitzender der Elefanten-Spezialisten-Gruppe des europäischen Zooverbandes EAZA, zu einem anderen Schluss als Zodrow. Weiterlernen, weiterbauen, die Haltung den Bedürfnissen anpassen. „Das ist ja ein Prozess der Entwicklung“, sagt Kölpin. Dass es den Elefanten in Deutschland lange nicht sehr gut gegangen ist, keine Frage. Er kann da problemlos in die Kritik der Tierschutzorganisationen einstimmen. „Da wurden Elefanten einfach aus der Natur entnommen, meistens sogar Einzeltiere, was natürlich total falsch war. Deswegen gab es auch immer viel Stress in den Gruppen.“ Nicht der einzige Fehler. Wie sollen junge Elefanten lernen, wenn sie ohne erfahrene Muttertiere groß werden? „Das wäre so, wie wenn man Kinder auf einer Insel aussetzt und die sollen dann irgendwie ohne jeglichen Kontakt zu Erwachsenen klarkommen. Das ist schlimm gewesen, was man da gemacht hat. Aber man wusste es nicht.“ Oder dass man die pubertierenden jungen Bullen einfach separiert hat, ohne Möglichkeit, sich etwas abzuschauen von den Alten. Auch falsch. Aber die Zoos hätten gelernt. „Ich glaube, wir sind jetzt in der Lage, für beide Geschlechter das natürliche Sozialverhalten komplett nachzuahmen.“ 2029 wollen sie in Stuttgart mit dem Bau fertig sein, Kosten etwas über 68 Millionen Euro.

    Der Beruf des Elefantenpflegers galt lange als der gefährlichste der Branche

    Die Zoos von morgen sind nicht die von heute, die von heute nicht die von gestern. In der Wilhelma ritten früher die Pfleger morgens auf den Elefanten durch den Zoo. Bis 2030 müssen nach langer Debatte alle Einrichtungen, die zur EAZA zählen, ihre Haltung umgestellt haben vom direkten auf den geschützten Kontakt. „Ein großer Fortschritt“, sagt Laura Zodrow, „aber die Forderung ist ja schon 30 Jahre alt. Die Zoos, die jetzt erst umstellen, sind wirklich spät dran.“ Der Schutz, er gilt für Tiere wie für Menschen. Kein anderes Tier im Zoo hat so viele Menschen verletzt oder getötet wie der Elefant. Der Beruf des Elefantenpflegers galt lange als der gefährlichste der Branche. Allein in den Jahren zwischen 2000 und 2012 kamen laut des Vereins Elefanten-Schutz Europa in europäischen und US-amerikanischen Zoos 12 Pfleger ums Leben. Der Elefantenhaken war das Werkzeug, um die Tiere in Schach zu halten.

    67 Jahre alt wurde Targa im Augsburger Zoo, sie galt als älteste Elefantin in Deutschland.
    67 Jahre alt wurde Targa im Augsburger Zoo, sie galt als älteste Elefantin in Deutschland. Foto: dpa

    Was bedeutet das aber für die Elefanten? „Sie können hier eigentlich machen, was sie wollen“, sagt Thomas Lipp, Kurator im Augsburger Zoo. Bis 2022 lebte dort die älteste Elefantin Deutschlands. Targa starb mit 67 Jahren, eine „gewiefte Elefantin“, sagt Lipp: „Sie hatte Humor.“ Nun stehen im neu gebauten Gehege zwei junge asiatische Elefantenbullen, Ta Wan und Assam. So nah wie Targa kommen die Tierpfleger den beiden nur an der trennenden Trainingswand. Geschützter Kontakt bedeutet, Pfleger und Elefanten sind niemals im gleichen Raum, immer durch eine physische Barriere getrennt. Das Training für die medizinische Versorgung, die Pflege, alles basiert auf Freiwilligkeit und Kooperation. „Wenn ein Tier keine Lust auf Fußpflege hat, dann stellt es sich in eine andere Ecke, dann passiert nichts“, sagt Lipp.

    Zookurator Thomas Lipp: „Was vor 20 Jahren okay war, ist es heute nicht mehr.“

    Im Augsburger Elefantengehege kann einem Lipp schon jetzt zeigen, was in Berlin erst Wirklichkeit werden soll. Ein Gehege, in dem man die Junggesellen, wenn sie einen Testosteronschub haben und in die sogenannte Must kommen, auch separieren kann. Die unregelmäßig gefüllten Futterverstecke, die die Elefanten dazu animieren sollen, durchs lang gezogene Gelände zu patrouillieren, ein Badebecken draußen, ein Badebecken drinnen mit Wasserfall, eine fahrbare Beregnungsanlage und Heizungen in der Wand, weil das die Tiere gut finden. Sie hätten vor allem Wert daraufgelegt, dass die Innenanlage so groß wie möglich wurde, die Elefanten auch im Haus entspannt zusammenleben können. „Was vor 20 Jahren okay war, ist es heute nicht mehr“, sagt Lipp. Die alte Elefantenanlage war es nicht mehr.

    Junggesellen-WG im neu gebauten Gehege im Augsburger Zoo: Assam (links) und Ta Wan.
    Junggesellen-WG im neu gebauten Gehege im Augsburger Zoo: Assam (links) und Ta Wan. Foto: Klaus Rainer Krieger

    Aber braucht ein Zoo wie Augsburg zwei Elefanten? Thomas Lipp sagt: „Es gibt viele Zoos, die gut ohne Elefanten auskommen.“ In Nürnberg hat man sich zum Beispiel dagegen entschieden. Aber in Augsburg standen da die zwei alten Elefantendamen. Und ohne Elefanten, so war die Befürchtung, sei der ganze Zoo existenziell gefährdet. Vielleicht wären dann die Besucher einfach nach Hellabrunn gefahren? 7,3 Millionen kostete die 10.000 Quadratmeter große Anlage, im Vergleich zu Berlin fast schon günstiger Elefanten-Wohnraum. Für eine Junggesellen-WG, wobei sich die Freunde des Augsburger Zoos eigentlich eine Zuchtgruppe wünschten. Aber sagt Lipp, „man kann ja nicht einfach in einen anderen Zoo fahren und sich Elefanten aussuchen.“ Alles läuft über die EAZA, die wies den Augsburgern zwei Junggesellen zu. Weil auch 10.000 Quadratmeter heute nicht mehr Platz genug sind für eine Zuchtgruppe mit eigenen Gehegen für die weiblichen Tiere und für die Bullen. Nun also Ta Wan und Assam. „In der Konstellation sind die beiden top“, sagt Lipp: Assam, der Große, sei der Sensiblere, der kleine Ta Wan rotzfrech. Der Große gebe dem Kleinen deswegen auch mal ab und zu eine mit. Auf einem Schild vor dem Innengehege werden nun die Besucherinnen und Besucher darauf hingewiesen, dass das Ausfechten unter heranwachsenden Bullen ganz normal sei. „Teenager halt.“

    Wären die Millionen nicht sinnvoller in Artenschutz vor Ort investiert?

    Und damit zurück zur Debatte. Laura Zodrow von Pro Wildlife sagt: „Wir sind unbedingt für eine bessere Haltung für die Tiere. Aber natürlich ist es in unseren Augen nicht sinnvoll, wenn das dazu führt, dass langfristig mehr Elefanten in Zoos leben, die in die Gefangenschaft hineingeboren werden.“ Laura Zodrow ist gegen Zucht. Thomas Kölpin in Stuttgart ist dafür. Ohne Nachwuchs würde es in deutschen Zoos irgendwann keine Elefanten mehr geben.

    Sowohl der Asiatische wie auch der Afrikanische Elefant stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere. Allein in Afrika ist einer wissenschaftlichen Studie zufolge die Population innerhalb von 50 Jahren um 77 Prozent geschrumpft. Für Asien wird die Lage als noch dramatischer bezeichnet, dort gibt es geschätzt noch etwa 45.000 frei lebende Elefanten. Laura Zodrow sagt, all das Geld für die Neubauten sei viel sinnvoller für Artenschutz vor Ort verwendet. „Die Tiere sind ja nicht vom Aussterben bedroht, weil sie sich zu wenig vermehren. Sie sind vom Aussterben bedroht, weil der Lebensraum schwindet. Und da müssen wir ansetzen, um die Tiere zu retten.“ Thomas Kölpin argumentiert durchaus ähnlich. Die Wilhelma wie auch andere Zoos spenden an Artenschutzprojekte vor Ort, Augsburg beispielsweise 50.000 Euro jährlich an ein Elefanten-Projekt in Malaysia. In-Situ-Artenschutz nennt man das, neben dem Ex-Situ-Artenschutz in Zoos. Der aber ist für Kölpin im Falle der Elefanten ebenso wichtig. Eben weil die Tiere so bedroht sind, brauche es eine Ersatzpopulation in den Zoos. Für den Asiatischen Elefanten gäbe es die mittlerweile in Europa. Er sagt: „Es ist nicht auszuschließen, dass wir sogar noch einmal abhängig werden von dieser Population.“

    Elefantenforscherin Stöger: „Es geht den Tieren da draußen alles anderes als gut“

    Und noch eine Stimme, diesmal aus Wien, Angela Stöger, Universitätsprofessorin, international renommierte Elefantenforscherin, auch Elefantenflüsterin wurde sie schon genannt. Stöger hat ein preisgekröntes Buch über Elefanten geschrieben: „Elefanten. Ihre Weisheit, ihre Sprache und ihr soziales Miteinander.“ Sie weiß davon zu erzählen, wie die Tiere über weite Entfernungen kommunizieren, oder wie sie die Welt wahrnehmen, nämlich vor allem mit der Nase. „Das ist eine ganz andere Sinneswelt, die für uns nur schwer vorstellbar ist.“

    Elefanten in einem Nationalpark in Südafrika. Die Afrikanischen wie auch die Asiatischen Elefanten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.
    Elefanten in einem Nationalpark in Südafrika. Die Afrikanischen wie auch die Asiatischen Elefanten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Foto: Jon Hrusa, epa/dpa

    Kann ein Elefant im Zoo glücklich sein?

    Eine natürlich stark vermenschlichte Frage, sagt Angela Stöger: „Aber tatsächlich wissen wir auch nicht, ob die Tiere in der Wildnis immer glücklich sind.“ Sie macht sich große Sorgen um die Elefanten, einfach weil so viel ineinander spielt. Die Dürre, die Wilderei, der immer kleiner werdende Lebensraum und die daraus resultierenden Konflikte. „Das heißt, es geht den Tieren da draußen alles andere als gut.“ Stöger sagt, sie habe nichts gegen Kritik an Zoos. Im Gegenteil. „Aber wenn ich in den Foren lese, nur die Freiheit ist artgerecht, da frage ich mich immer, welche Freiheit hat der Elefant da draußen?“ Ein Fall von Ökoromantik?

    Ob es in hundert Jahren noch frei lebende Elefanten gibt? Ungewiss.

    Stöger also argumentiert wie Kölpin. In gut geführten Zoos seien die Tiere eine wertvolle Ressource für Forschung und Erkenntnisgewinn. Viel von dem Wissen, was man heute über Elefanten besitzt, habe man in Zoos entdeckt. Zum Beispiel, dass die grauen Riesen in der Lage sind, Infraschall zu produzieren, dass sie Laute imitieren können. „Da kann man natürlich fragen, brauchen wir das?“ Aber um die Elefanten zu schützen, müsse man sie verstehen, das System, in dem sie leben. Was man in den Zoos zum Beispiel mache: Equipment wie Sensoren auf Halsbändern zu testen, die dann für das Monitoring von Wildtieren eingesetzt werden. Nur ein Beispiel.

    Angela Stöger sagt: „Wenn die Gesellschaft beschließt, wir wollen keine Elefanten in Zoos mehr, dann werden die Zoos damit leben. Aber es muss einem bewusst sein, dass dann ein gewisser Genpol verloren geht, was immer auch passiert in der Wildbahn.“ Ob es da in hundert Jahren noch Elefanten gibt, man wisse es nicht.

    Hilft es also den Elefanten, wenn die Besucher sie im Zoo sehen? So sieht es Thomas Kölpin. So sieht es Angela Stöger. Weil die Besucherinnen und Besucher eine emotionale Bindung aufbauen, weil man nur schützt, was man kennt. Laura Zodrow von Pro Wildlife aber glaubt: Es hilft erst einmal vor allen den Zoos, die den Elefanten inszenieren, um mit ihm Geld zu verdienen. „Die Elefanten haben Namen, sie haben Geschichten, da werden Geburtstage gefeiert und Weihnachten. Da können sich die Menschen identifizieren.“ Bei einem Erdmännchen fällt das vielleicht schwerer. Oder wie auch Angela Stöger sagt: „Es geht ja niemand in den Zoo, um Ziegen zu sehen. Das muss man auch mal offen sagen, oder?“ Als Zodrow das einzige Mal mit ihren Kindern im Zoo war, um sich eben die Haltungsbedingungen für Elefanten anzuschauen, da hätten sich die übrigens am meisten für den Spielplatz interessiert. Und Zodrow hat noch ein Beispiel parat. Ihre Kinder könnten wie so viele alle Dinosauriernamen rauf- und runterbeten. Obwohl sie natürlich noch nie einen lebenden Dino gesehen haben. „Das heißt, die Faszination für Tiere, die kann ich auch wecken und fördern, ohne dass man sie in einem Gehege in der Innenstadt präsentiert.“

    Elefanten als Luxus? Kleinere Zoos werden die Haltung vielleicht aufgeben

    Was sie bemerkt, wie im Übrigen auch Kölpin in Stuttgart, Lipp in Augsburg und Stöger in Wien: Dass die Sensibilität der Menschen zunimmt. Wer einmal ein modernes Elefantengehege gesehen hat, schaut kritischer auf die alten Anlagen. So war das schon immer. Elefanten in Ketten wie noch im vergangenen Jahrhundert will heute niemand mehr sehen. „Die Wahrnehmung verändert sich“, sagt Kölpin: „Die Leute kommen ja auch rum und gehen auch in andere Zoos.“ Gut so, sagt er. „Wir haben ja auch aus uns heraus die Antriebsfeder, unsere Tiere möglichst optimal unterzubringen. Da kennt jeder seine Schwachstellen und weiß, wo er ran muss.“ Aber natürlich seien die finanziellen Mittel auch endlich. Er kann sich vorstellen, dass in Zukunft vielleicht der eine oder andere kleine Zoo die Elefantenhaltung deswegen aufgibt. Thomas Lipp sieht es ähnlich. „Ich sehe derzeit schon eine Zukunft für Elefanten in deutschen Zoos, aber wie lange, kann keiner sagen.“ Elefanten als Luxus, den man sich vielleicht nicht mehr leisten kann? Oder möchte?

    Denn vielleicht kommt es auch so, wie es sich Laura Zodrow wünscht. Dass immer mehr Menschen gar keine Elefanten mehr in Zoos sehen wollen. Vor Jahren sei der kopfstehende Elefant in Zirkussen noch selbstverständlich gewesen, auch da hätten sich die Zeiten massiv gewandelt.

    Im Tierpark Berlin aber freut sich Andrea, rote Haare, 60, auf die Ankunft der Afrikanischen Elefanten. Die Karte für die Baustellenführung hat ihr eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Die ist nun auch dabei. Etwa 300 Elefanten aller Art hat Andrea in ihrem Leben angesammelt, Elefantentassen, Elefantenschlüsselanhänger und so weiter. Steht alles in ihrer Wohnung, „wobei, das sieht da aber nicht krankhaft aus“, beteuert die Freundin. Einen der 300 Elefanten hat Andrea dabei. Sie öffnet die Tasche und zieht ein Stofftier heraus: weich, grau, süß. Riesige Elefantenliebe eben, törööö!

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