Falls Sie die Deutungs-Herrschaft über eine Runde von Wein-Freaks erlangen wollen, empfiehlt sich folgende Quiz-Frage: „Zu welchem Anbaugebiet gehören die Weine vom deutschen Teil des Bodensees?“ Kollektives Stirnrunzeln wird die Folge sein und Mutmaßungen aller Art. Franken? Württemberg? Baden? Egal, es lohnt sich, die Weine aus diesen 650 Hektar Rebland zu ergründen.
Immenstaad
Die Rebsorte, die man am ehesten mit dem Bodensee verbindet, ist der Müller-Thurgau. Seine Geschichte ist auch, wie keine andere, mit dem 536 Quadratkilometer großen Gewässer verbunden: In Zeiten als, die Rebsorte Elbling mit dünnen und eher säuerlichen Weinen die Gegend dominierte, entdeckte Johann Baptist Röhrenbach, der Gutsverwalter von Schloss Kirchberg des Markgrafen von Baden, diese Traube in der Schweiz. Gezüchtet wurde sie vom Schweizer Herrmann Müller aus dem Kanton Thurgau im Jahr 1882 zwar im deutschen Geisenheim, aber der große Erfolg ereignete sich dann in der Schweiz. Da die Einfuhr und der Anbau durch das „Saatgut-Verkehrsgesetz“ in Deutschland verboten war, nahm Röhrenbach seine gesamte kriminelle Energie zusammen und schmuggelte zusammen mit einem Freund insgesamt 400 Reben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, als Fischer getarnt, mit einem Ruderboot über den See nach Immenstaad. Das war genau vor 100 Jahren, Anno Domini 1925. Als „Müller-Thurgau-Edelwein“ wurde er bald schon auf den Getränke-Karten ausgewiesen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dann war der Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Mit einer prägnanten Fruchtigkeit und dem Aroma nach würziger Muskatblüte eroberte der Müller-Thurgau Deutschland und die deutschsprachigen Anbaugebiete in der Nachbarschaft.
Müller-Thurgau? Das diskrete Aroma der Muskatblüte schwappt immer mit am See
Doch der große Erfolg wurde dem „Müller“, wie er kumpelhaft genannt wird, zum Verhängnis. Beigetragen hat dazu vor allem seine Eigenschaft, extrem hohe Erträge liefern zu können. „Der Müller kann tragen wie ein Esel“, wurde unter Winzern geraunt und dementsprechend hoch waren die Ernte-Mengen. Dass die Qualität im selben Verhältnis sank, interessierte zunächst wenig. Mittlerweile ist die Rebsorte im Schatten-Dasein angekommen und geht auf den Wein-Listen der meisten Winzer unter „ferner liefen …“ gerade so noch mit.
Jedoch hat sich dadurch auch die Spreu vom Weizen getrennt, denn einige Winzer in den verschiedenen Anbaugebieten (von Franken bis Südtirol) haben das Potenzial des Müller-Thurgau erkannt und es mit eigenständigen Weinen, jenseits der Massen-Produktion, gefördert. Flächendeckend hohe Qualität findet man am Bodensee. Dort identifiziert man sich mit dieser Rebsorte wie nirgendwo sonst. Schließlich eignen sich die Schotter-Böden in See-Nähe auch bestens für die früh reifende Sorte. Der „Müller“ kann richtig was: von trocken bis süß, von federleicht bis mittelgewichtig, von klassischem Ausbau im Stahl bis zum Holz und zur Amphore. Das diskrete Aroma der Muskatblüte schwappt immer mit am See. Welches federleichte Vergnügen das doch zur Brotzeit ist. Einer der besten Weine kommt, wie soll es anders sein, von den Nachfahren des Reb-Schmugglers Röhrenbach aus Immenstaad.
2024 Müller-Thurgau trocken, 8.50 Euro, www.roehrenbach.de
Nonnenhorn
Wenn man seine Urlaubsreise im Freistaat Bayern am Bodensee fortführen will und sich für Wein interessiert, landet man unweigerlich in Nonnenhorn. Dort gibt es gleich mehrere Winzer, die in Ihrer Ambition, die klimatische und geologische Nähe zum See einfließen lassen, sich aber an den großen Vorbildern am badischen Kaiserstuhl und im französischen Burgund orientieren. Die önologische Währung heißt für die jungen Winzer in diesem Fall Chardonnay und Spätburgunder, also zwei der international höchst angesehenen Rebsorten, die, bei perfektem Umgang, den Weg in den Wein-Olymp ebnen können.
Auf eine jahrhundertelange Geschichte können die Brüder Kurek nicht zurückschauen. Nachdem die Familie vier Generationen lang Wein- und Obstbau betrieben und die Trauben an die Genossenschaft zur Weiterverarbeitung abgegeben hatte, entschieden sich Simon und Jonas Kurek, ab dem Jahr 2019 Weine unter ihrem eigenen Namen zu machen. Der Zeitpunkt war gut gewählt. „Bei uns am See war es immer zu kalt früher“, sagt Simon Kurek. „Jetzt ist es perfekt: Wir haben weniger Alkohol als die Kollegen in Baden, dafür mehr Säure.“ Diese Balance aus Saftigkeit, Frische und dennoch Tiefgang zeichnet mittlerweile viele Weine vom Bodensee aus.
Von der Weinbar auf dem Dach blickt man auf die Parade-Lagen
Und das Schönste daran ist, dass man im sommerlichen Bade-Urlaub beide Welten verbinden kann – kein Familien-Mitglied nervt – und den guten Tropfen und ihren Erschaffern wirklich nahekommen kann. Das haben die Brüder Kurek genau erkannt und auf dem Dach ihres Wein-Ladens eine Weinbar gebaut, die einen erklärenden Blick auf ihre beiden Parade-Lagen „Seehalde“ und „Sonnenbichl“ erlauben. Von Mittwoch bis Samstag (16.30 bis 23 Uhr) hat man diesen Ausblick – und das bei feinem Essen, von der italienischen Pinsa über Gemüse-Ceviche bis hin zum Rinder-Tartar im japanischen Stil. Auch der beste schwäbische Hartkäse von „Jamei Laibspeis“ in Kempten hat seinen Weg an den See gefunden. Neben ihren bemerkenswerten Chardonnays und Spätburgundern machen die Bodensee-Buben auch über 100 Weine aus anderen Ländern und Anbaugebieten für ihre Gäste auf. Eine Entscheidung mit Weitsicht in jeder Beziehung.
2022 Nonnenhorner Seehalde Spätburgunder, 35 Euro, www.weingut-kurek.de
Überlingen
Die Reise am deutschen Bodensee-Ufer entlang führt an der großartig gelegenen Barock-Kirche, der Birnau, vorbei nach Überlingen und zu Kristin und Thomas Kress. Auch die gebürtige Fränkin und ihr Mann haben die Genossenschaft hinter sich gelassen und machen in drei verschiedenen Lagen am Bodensee (Hagnau, Überlingen Felsengarten und Goldbach) Weine, die pure Trinkfreude ohne erdrückenden Überbau versprechen. Angefangen von zwei grundsoliden Müller-Thurgaus über den Chardonnay aus dem Goldbach, dem ganzen Stolz der Familie Kress, bis hin zu einem ernsthaften Rosé aus Spätburgunder, der das Potenzial hat, das ganze Jahr über Spaß zu machen als flüssiges Urlaubs-Souvenir.
2024 Rosé Pinot Noir, 13.50 Euro, www.weingut-kress.de
Uhldingen-Mühlhofen
Aber was ist so ein Wein- und Bade-Urlaub ohne gute Unterkunft (am besten direkt am Wasser) und feines Essen wert? Hier ist die gute Nachricht: Diesen Platz gibt es. Wer sich nun nicht alle drei Weingüter reinziehen durfte, der sei damit getröstet, dass es in der „Seehalde“, direkt unterhalb der Birnau, alle diese empfohlenen Weine gibt.
Koch Gruler angelt für die abendliche Fischkarte auch gerne selbst
Die Gebrüder Gruler, die in vierter Generation die „Seehalde“ führen, haben insgesamt 20 Zimmer, praktisch alle mit direktem Seeblick. Thomas Gruler ist der Gastgeber im Hotel und dazu eine wandelnde Enzyklopädie, was Bodensee-Weine angeht. Markus Gruler zelebriert eine Küche vom See, die imstande ist, einen sofortigen Speichel-Sturz auszulösen. Sei es der Zwiebelrostbraten mit den Hand-geschabten Spätzle oder die Lamm-Leber aus Salem, je nach Jahreszeit mit Endivie oder Roter Bete. Der Fisch spielt natürlich die Hauptrolle im Restaurant.
Ein Blick aus dem Fenster der Gaststube auf den winzig kleinen hauseigenen Hafen genügt, um dafür eine finale Bestätigung zu bekommen. Relativ oft ist dann zu besichtigen, dass der prämierte Koch Markus Gruler kurzzeitig den Beruf wechselt und, fiebernd vor Freude, mit seinem kleinen Boot, bewehrt mit allerlei Angel-Ausrüstung, die abendliche Fischkarte mit einem eigenen Fang zur Perfektion bringt. Überhaupt ist die „Seehalde“ ein Ort, der für den ewigen Aufenthalt am Bodensee als bestens geeignet erscheint.
Seehalde, Restaurant und Hotel, www.seehalde.de
Nicht ungeklärt bleiben darf allerdings die Antwort auf die eingangs gestellte Quiz-Frage, zu welchem Anbaugebiet nun die besungenen Weine am Bodensee gehören. Immerhin: Das Anbaugebiet „Baden“ ist ein Teil davon und ist es klar definiert: ab Kressbronn über Überlingen um den See rum bis nach Konstanz. (Also aus diesen Empfehlungen die Weingüter Röhrenbach und Kress). So weit, so gut. Erstaunlich wird es von Lindau bis Kressbronn: Die Weine (zum Beispiel vom Weingut Kurek) dürfen zwar den Titel „Bayerischer Bodensee“ tragen, was aber keinesfalls einem Anbaugebiet entspricht. So steht also nun „Bayern“ auf dem Etikett, aber Wein-technisch gehört das Gebiet zum Anbaugebiet Württemberg. Noch nicht genug verwirrt? Bürokratisch verwaltet werden die feinen Weine dann allerdings nicht in Stuttgart, sondern im Anbaugebiet Franken, genauer gesagt in Würzburg.
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