Als sich 1991 die Sowjetunion endgültig auflöst, ist Vadim Baranov (Paul Dano) mit Anfang Zwanzig im besten Alter, um sich dem Rausch der neuen Freiheit hinzugeben. In der Zeit dieses radikalen Umbruchs hat die junge Generation das Gefühl, dass die Welt und die Zukunft ihnen gehört. Alles scheint möglich in diesen frühen Jahren, in denen sich die sozialistische Parteidiktatur in eine kapitalistische Demokratie zu verwandeln beginnt. Vadim Baranov stürzt sich also mit Elan in das Partyleben der neu erwachten Künstlerszene.
Der begeisterte Regisseur inszeniert avantgardistische Theaterstücke wie die Dramatisierung von Jewgeni Samjatins Romans „Wir“, der bereits 1920 die totalitären Tendenzen seiner Zeit vorhergesehen hat und als Vorlage zu George Orwells „1984“ gilt. Doch keine zehn Jahre später ist der junge, wilde Theatermann Baranov selbst im obersten Zirkel der Macht angekommen und trägt dazu bei ein ähnlich autoritäres System aufzubauen. Mit „Der Magier im Kreml“ verfilmt der französische Regisseur Olivier Assayas den gleichnamigen Roman von Giuliano Da Empoli, der – so ist im Vorspann zu lesen – auf historischen Ereignissen beruhend sich doch als „fiktionales Werk mit einer künstlerischen Intension“ verstehe.
Paul Dano spielt im Film Vadim Baranov, Putins Berater
Im Zentrum der Handlung steht mit der Figur des Vadim Baranov unübersehbar die fiktionalisierte Reinkarnation von Putins Chefideologen Wladislaw Surkow. Der war bis 2020 als Berater des Präsidenten tätig und hat und das autokratische System entscheidend geprägt. Paul Dano spielt diesen Spindoktor nicht als furchterregendes Polit-Monster. Vielmehr ist sein Baranov ein junger, aufgeweckter Intellektueller, der sich über viele kleine Schritte vom Freigeist zum Baumeister eines autoritären Regimes entwickelt.
Regisseur Olivier Assayas zeigt diese Genese weniger als individuelles, psychologisches Phänomen, denn als Teil eines dynamischen politischen und gesellschaftlichen Prozesses. In rasantem Tempo verändern sich im Russland der 1990er-Jahre die ökonomischen Machtverhältnisse. Innerhalb kürzester Zeit wird das Vakuum durch eine neureiche Klasse gefüllt, die sich hemmungslos am Zusammenbruch des Systems bereichert. Vadim Baranov wendet sich bald von der hohen Kunst ab und wird Chef eines privaten TV-Senders, der das Volk mit zynischen Show-Formaten bei Laune hält. Dessen Besitzer, der schwerreiche Geschäftsmann Boris Berezovski (Will Keen), spielt mit dem Präsidenten Boris Jelzin Tennis, welcher allerdings aufgrund seines Alkoholkonsums als Strohmann der Oligarchen nicht mehr lange durchhält.
Jude Law schlüpft in die Rolle des Wladimir Wladimirowitsch Putin
Auf der Suche nach Ersatz stößt Berenzovski auf den Leiter des Geheimdienstes Wladimir Wladimirowitsch Putin (Jude Law). Baranov wird zum Wahlkampfleiter ernannt und macht dem Kandidaten klar, dass das russische Volk nach den chaotischen Jahren horizontaler Machtverteilung wieder an vertikalen Herrschaftsformen interessiert ist. Nach der Wahl stellt sich aber sehr schnell heraus, dass Wladimir Putin keineswegs gewillt ist, als Marionette zu regieren, sondern seine eigene Vorstellungen von der Zukunft Russlands hat. Immer mit dabei: Vadim Baranov, der mit machiavellistischer Kreativität das autokratische System zunehmend stabilisiert.
Mit „Der Magier im Kreml“ inszeniert Olivier Assayas einen ebenso komplexen wie verdichteten Ritt durch die jüngere, russische Geschichte, der äußerst nah an unsere Gegenwart heranreicht. Etwa wenn Baranov den Betreiber einer Trollfabrik darauf aufmerksam macht, dass es nicht darum gehe, die eigene Ideologie über soziale Medien zu verbreiten. Stattdessen geht es ihm darum, cyberabhängige Nerds, Beauty-Influencer, Verschwörungstheoretiker oder Impfgegner aufzustacheln, um die westlichen Demokratien im Netz systematisch zu unterminieren.
Wladimir Putins Aufstieg erklärt Olivier Assayas auf kluge Weise
In einer Ära zunehmender Autokratien und Diktaturen ist es absolut erhellend, sich den unaufhaltsamen Aufstieg Wladimir Putins noch einmal genau anzusehen. Jude Law verwandelt sich dabei äußerst glaubwürdig in den kalt kalkulierenden Machtmenschen, der seine politischen Gegner systematisch zur Strecke bringt und in Josef Stalin sein großes Vorbild sieht. Dass der Film nicht ihn, sondern seinen wichtigsten Einflüsterer ins Zentrum des Interesses stellt, gibt der Angelegenheit eine größere, analytische Tiefe - jenseits eines spekulativen Autokratenporträts.
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